Vor einiger Zeit berichteten wir hier im blog über Auffälliges Verhalten im Kindesalter – Schwerpunkt Aggressivität.

Heute möchten wir das Buch Auffälliges Verhalten im Jugendalter von Wilhelm Rotthaus und Hilde Trapmann aus dem verlag modernes lernen und das Stichwort Jugendkriminalität vorstellen. Auch in diesem Buch werden viele Verhaltensauffälligkeiten benannt, es wird dargelegt wann man von Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltensstörungen sprechen kann und muss, es wird erläutert welche bedingenden Faktoren eine Rolle spielen können und wie sie zu beeinflussen sind. Lehrkräfte, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen können dadurch ein gutes Verständnis für die im Buch besprochenen Verhaltensweisen erlangen. Die Ideen für konkrete Empfehlungen und Maßnahmen sind eine erste Anregung für die pädagogische Praxis im Umgang mit “schwierigen” Jugendlichen.

Kriminalität wird in diesem Buch als Verstoß gegen Gesetze definiert. Im Prozess der „Selbstfindung“ und Individualisierung erproben Jugendliche oft Grenzen normativer Vorgaben, welche schon zu leichten Gesetzesübertretungen führen können. Da sich Jugendliche in einer Entwicklungsphase befinden und in dieser Hinsicht stets ändernden gesellschaftlichen Lebens- und Problemlagen ausgesetzt sind, wurde das Jugendstrafrecht entwickelt, welches eine erzieherische Absicht verfolgt.

Bleibt es bei „Einzeltaten“ wird von einem normalen, temporären und episodenhaften Prozess gesprochen. Bei Mehrfachtäter_innen zeigt sich laut Untersuchungen häufig ein Nebeneinander von mehrfachen Belastungen und Benachteiligungen. Nach diesen Untersuchungen heißt es, dass kriminelles Verhalten nicht aus dem Nichts entsteht, sondern sich über einen längeren Zeitraum entwickelt und ein Mangel an Schutzfaktoren vorhanden ist.

Als provozierende Bedingungen zu kriminellem Verhalten im Jugendalter stellt das Buch unter anderem vor:

  • familiäre Struktur: Wichtig ist, dass Kinder/Jugendliche in einem gefestigten Umfeld aufwachsen. Das heißt, dass sie stete Bezugspersonen haben, auf deren Unterstützung sie bauen können.
  • Wohnsituation: Das Wohnviertel, seine Gestaltung und die daraus resultierenden Beziehungsverhältnisse der Bewohner_innen sind als Faktor für eine kriminelle Entwicklung nachgewiesen.
  • Vorbildverhalten: Jegliche Bezugspersonen (Eltern,Geschwister,etc.) sind Vorbilder für Kinder. Sie identifizieren sich zum Beispiel mit ihren Eltern. Wenn ebendiese ein kriminelles und/oder aggressives Verhalten zeigen und das innerhalb der Familie positive Akzeptanz findet, neigt das Kind dazu, dieses Verhalten nicht differenziert betrachten zu können. Auch wird nicht die Erfahrung gemacht, dass gegensätzliches Verhalten will positivere gesellschaftliche Resonanz hat, als kriminelles Verhalten.
  • Medieneinfluss: Die Fülle an Darstellungen von Gewalt- und Aggressionsverhalten trägt ohne Zweifel zur Erhöhung der Gewalt- und Kriminalitätsbereitschaft von Kindern bei. Durch Medien wird die eigene Hemmschwelle zu kriminellen Taten gemindert.

Weiter heißt es dort: Um an der Kriminalität des Kindes zu arbeiten, ist es wichtig auf die Punkte der Entstehung und Aufrechterhaltung von Auffälligkeiten und Störungen zurückzugreifen. Es ist bedeutsam, das Kind ernst zu nehmen. Auch Einzeltaten sollten nicht leichthin als jugendlicher Leichtsinn abgewunken werden. Es ist wichtig die jeweiligen Situationen zu verstehen, um die Chance gering zu halten, dass Jugendliche zur Wiederholungstäter_innen werden. Die Beobachtung des sozialen Umfeld und der Familienstruktur sind die Grundlage. Auch hier ist es wichtig, dem_der Jugendlichen die eventuelle Angst vor der Zukunft zu nehmen und die Anerkennung der sozialen Umwelt durch andere Aktivitäten und Bestätigungen zu sichern. In der Zusammenarbeit mit Jugendlichen ist bedeutend, die Jugendlichen nach ihren Beweggründen zu fragen und diese gemeinsam zu hinterfragen. Gesellschaftliche Strukturen können so gemeinsam aufgebrochen werden und bieten den Jugendlichen eine Plattform der Kommunikation.

Laut Rotthaus und Trapmann unterstützt eine multisystemische Therapie, um ein erneutes straffällig Werden des_der Jugendlichen zu reduzieren und darüber hinaus das sozialverträgliche Verhalten zu fördern. Die multisystemische Therapie umfasst sechs Elemente, die flexibel angewandt werden können:

  1. Familientherapie, die sich auf eine effektive Kommunikation, systematische Belohnungs- und Bestrafungssysteme und das Problemlöseverhalten in alltäglichen Konflikten bezieht.
  2. Stärkung des_der Jugendlichen und der Eltern, um mit Problemen in Familie, Schule, Freundeskreis und Wohngebiet besser umgehen zu können. Besonders Gewicht wird darauf gelegt, die familiären Ressourcen und adäquates Problemlöseverhalten zu fördern, damit die Beteiligten nicht immer wieder auf alte, untaugliche Verhaltensmuster zurückgreifen.
  3. Den_die Jugendliche ermutigen, mehr Zeit mit solchen Altersgenoss_innen zu verbringen, die keine sozialen Probleme haben, und die Beziehung zu anderen Delinquenten abzubrechen.
  4. Förderung der individuellen Entwicklung einschließlich eines Selbstbehauptungstrainings zum Schutz gegenüber negativen Einflüssen von Altersgenoss_innen.
  5. Zusammenarbeit mit der Schule halten, um Lern- und Hausarbeitsverhalten zu verbessern, sowie die Zeit außerhalb der Schule gut zu strukturieren
  6. Zusammenarbeit mit anderen Institutionen (z.B.: Jugendhilfe, Jugendgerichtshilfe, Sozialarbeit, Gesundheitsdienst, Erziehungswesen).

Gerne möchten wir diese Liste vervollständigen. Absolut empfehlenswert sind unserer Erfahrung nach die Denkzeit-Trainingsprogramme als psychoanalytisch fundierte, sozialkognitive Einzeltrainings für deviante Kinder und delinquente Jugendliche, Heranwachsende und Erwachsene. Diese Trainingsprogramme sind wissenschaftlich evaluiert und versprechen einen hohen Erfolg. Schauen Sie auf der Webseite der Denkzeit-Gesellschaft und informieren Sie sich …

Christa Schäfer und Atossa Nazeri