Die Gewaltfreie Kommunikation ist in der Zwischenzeit in Deutschland gut bekannt.

Die Mitfühlende Kommunikation (Compassionate Communication) ist bisher wenig bekannt, hat aber durchaus das Potential, in die gängige und bekannte Kommunikationstheorie aufgenommen zu werden.

Die beiden Hirnforscher Andrew Newberg und Mark Robert Waldman haben die Mitfühlende Kommunikation als hochwirksames Instrument entwickelt, mit dessen Hilfe zwei Gehirne wie eins zusammenwirken können. Sie haben sich in die Neurologie von Mitgefühl, Kooperation und Vertrauen eingearbeitet und eine neue Art des Gesprächs entwickelt.

Zur „alten Art von Gesprächen“ sagen sie:

„Wir werden zwar mit der Gabe der Sprache geboren, aber Forschungen zeigen, dass wir überraschend ungeschickt in der Verständigung untereinander sind. Oft wählen wir unsere Worte gedankenlos und bedenken die Folgen der emotionalen Wirkung auf andere Menschen nicht. Wir reden mehr, als wir müssen, hören nicht zu und merken es nicht einmal, und häufig entgehen uns die subtilen Signale von Gesichtsausdruck, Körpersprache und Tonfall – Kommunikationssignale, die oft wichtiger sind als die eigentliche Äußerung.
Schuld an dieser mangelnden Kommunikationsfähigkeit ist nicht etwa fehlende Bildung, sondern eher ein unterentwickeltes Gehirn, denn die Hirnareale für soziales Bewusstsein, Empathie und die damit zusammenhängenden sprachlichen Fähigkeiten sind erst im Alter von etwa dreißig Jahren voll ausgebildet. Forschungen haben allerdings ergeben, dass junge wie ältere Menschen die Sprach- und Sozialzentren des Gehirns so einüben können, dass die Kommunikationsfähigkeit effektiv gestärkt wird.“ (Zitat aus Newberg, A.; Waldman, M.R.: Die Kraft der Mitfühlenden Kommunikation. S. 12)

Newberg und Waldman haben zwölf Strategien identifiziert und dokumentiert, mit denen sich die Dynamik jedes Gespräches steigern lässt. Durch die Nutzung der zwölf Strategien können negative Denkmuster unterbrochen und tiefe Empathie und Vertrauen im Hirn des Zuhörers stimuliert werden.

Die zwölf Strategien der Mitfühlenden Kommunikation:

  1. Entspannen Sie sich.
  2. Seien Sie im gegenwärtigen Moment präsent.
  3. Erzeugen Sie innere Stille.
  4. Steigern Sie Ihre Positivität.
  5. Denken Sie an Ihre tiefsten Werte.
  6. Denken Sie an etwas Schönes.
  7. Achten Sie auf nonverbale Signale.
  8. Drücken Sie Ihre Anerkennung aus.
  9. Sprechen Sie in herzlichem Ton.
  10. Sprechen Sie langsam.
  11. Fassen Sie sich kurz.
  12. Hören Sie konzentriert zu.

Gehirnscan-Studien haben gezeigt, dass eine Kombination dieser Strategien Stress, Angstgefühle und Reizbarkeit abbaut und gleichzeitig Gedächtnis sowie kognitive Fähigkeiten verbessert. Es passiert sogar etwas vollkommen Überraschendes: Die Gehirne von zwei Kommunikationspartnern gehen in eine neuronale Resonanz und fangen an, sich aufeinander abzustimmen.

Die Mitfühlende Kommunikation legt ebenso viel Wert auf das Zuhören wie auf das Sprechen. Bewusstes Zuhören unterbricht den eigenen inneren Dialog und setzt Konzentration voraus. Es entsteht eine neue Art von Stille, wodurch die Konzentration auf das Gegenüber steigt und auch subtile Signale des Gegenübers aufgenommen werden können. Das ist nicht einfach, denn das Gehirn will seinen „alten Weg“ nur ungern verlassen.

Um so wichtiger ist es, dass Newberg und Waldman die zwölf Strategien ausführlich vorstellen. Forschungsergebnisse bilden den wissenschaftlichen Hintergrund zur Methode. Viele Übungsvorschläge regen die Leserinnen und Leser des Buches zur Nachahmung und zum Erlernen der Mitfühlenden Kommunikation an. Wer also fernab der allseits bekannten Kommunikationstheorie eine aktuelle und faszinierende Kommunikationstheorie kennen lernen möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Ich habe das Buch derzeit jedenfalls ganz vorne in meinem Bücherschrank stehen …

Gerne möchte ich hier beispielhaft eine Textpassage aus dem Buch mit Ihnen teilen.

„Wie Gedanken Wirklichkeit werden

Im Zentrum des Gehirns sitzt eine walnussförmige Struktur namens Thalamus. Diese überträgt Sinneseindrücke aus der Außenwelt in die übrigen Teile des Gehirns. Wenn wir uns etwas vorstellen, wird auch diese Information an den Thalamus geleitet. Unsere Forschungen lassen vermuten, dass der Thalamus diese Gedanken und Fantasien genauso verarbeitet wie Klänge, Gerüche, Geschmacksempfindungen, Bilder und Tastempfindungen. Wenn Sie sich also sicher fühlen, dann nimmt der Rest Ihres Gehirns an, Sie seien auch sicher. Wenn Sie aber über imaginäre Befürchtungen oder Selbstzweifel nachgrübeln, dann nimmt ihr Gehirn an, es bestehe womöglich eine wirkliche Bedrohung aus der Außenwelt. Unsere sprachbasierten Gedanken formen unser Bewusstsein, und das Bewusstsein formt die Realität, die wir wahrnehmen. Wählen Sie also Ihre Worte mit Bedacht, denn sie werden so wirklich wie der Boden, auf dem Sie stehen.“ (ebenda, S. 71)

In diesem Sinne: Steigern Sie Ihre positiven Gedanken und wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht. Christa D. Schäfer