Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche das Recht zur Partizipation haben. Partizipation in der Familie, Partizipation in der Kita, Partizipation in der Schule. Auch das Wahlrecht?

Beteiligung/Partizipation beschreibt wohl eines der grundlegendsten Prinzipien der Demokratie. Ähnlich wie mit dem Begriff der Demokratie verbinden sich allerdings auch mit dem Terminus „Partizipation“ vielfältigste Verständnisse und Verwendungsweisen, die auf ganz unterschiedliche, teilweise konkurrierende Erklärungsansätze zurückgehen.
In dem wohl allgemeinsten Verständnis wird Partizipation als die Beteiligung von Einzelnen und Gruppen an Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen verstanden – die ganz unterschiedliche Formen und Ausmaße annehmen kann.
Besonders in der Kinder- und Jugendhilfe wurden in den vergangenen Jahrzehnten Stufenmodelle von Partizipation zitiert und weiterentwickelt. Um zu unterscheiden, wann in welchem Ausmaß von echter Partizipation die Rede sein kann, finden sich hier verschiedene Stufen der Partizipation, die bei Nicht-Beteiligungsformen wie z.B. „Dekoration“, bloße „Information“ oder „Alibi-Teilnahme“ ansetzen und über aufbauende Stufen von „Teilhabe“, „Mitarbeit, „Mitwirkung“ oder „Mitbestimmung“ bis hin zur Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ein höchst mögliches Maß an Partizipation beschreiben.“
(DeGeDe: ABC der Demokratiepädagogik)

Mein neues Buch, das demnächst erscheint, heißt „Die partizipative Schule”. Es wird das Thema Partizipation im schulischen Umfeld näher beleuchten, zeigt die Voraussetzungen für den Partizipationsprozess auf und gibt Hinweise zu vielfältigen Möglichkeiten und Methoden der Partizipation. Es ist übrigens schon jetzt bestellbar, einfach auf den Buchtitel klicken …

Deutschland ist 1992 der Konvention der Vereinten Nationen zu den Rechten der Kinder beigetreten. In der Konvention ist festgeschrieben, dass Kinder von Geburt an in allen sie betreffenden Belangen angehört werden müssen und ein Recht auf Beteiligung haben. Super. In der Konsequenz auf mein neues Buch und die Kinderrechte habe ich mich gefragt, wie es dann mit dem Wahlrecht für Kinder aussieht.

In meinen Recherchen bin ich dabei auf das Buch „Wahlrecht für Kinder? Politische Bildung und die Mobilisierung der Jugend“ von Klaus Hurrelmann und Tanjev Schultz gekommen, das ich daraufhin mit großem Interesse gelesen habe.

Im Buch gibt es neun Artikel, die sich für ein Wahlrecht für Kinder einsetzen, und neun Artikel, die sich gegen ein Wahlrecht für Kinder aussprechen. Die beteiligten AutorInnen kommen großteils aus dem wissenschaftlichen Bereich, von PädagogInnen über Psychiater bis zum Rechtswissenschaftler; in der politischen, rechtlichen oder verbandlichen Arbeit tätig; oder sind direkt betroffene Schülerinnen und Schüler. Auch die Buchherausgeber Hurrelmann und Schultz ordnen sich diesen beiden Polen „für oder gegen Wahlrecht für Kinder“ zu, Hurrelmann für die Absenkung des derzeitigen Wahlalters, Schultz für die Beibehaltung.

Ja, ich bin noch dabei mir meine Meinung zum Thema zu bilden und bin mir noch nicht ganz schlüssig …
Was ich jedoch sagen kann, ist, dass mir das Buch sehr geholfen hat, die verschiedenen Positionen zu verstehen und zu durchdenken. Darum sei es all denjenigen empfohlen, die sich auch mit dieser Frage beschäftigen, oder die sich zum Thema interessieren wollen. Jedenfalls ist das Buch spannend zu lesen und regt zu eigenen Gedanken an.

Und damit Sie als Leserinnen und Leser meines Blogs auch einen kleinen Einblick in die Diskussion erhalten, seien hier im folgenden einige Gedanken aus dem Anfang des Streitgesprächs wiedergegeben.

Schultz: Du beschäftigst dich schon recht lange mit dem Wahlalter und setzt dich dafür ein, es abzusenken. Warum ist dir das so wichtig?
Hurrelmann: Seit den 1990er Jahren plädiere ich dafür, das Mindestwahlalter um mindestens zwei Jahre abzusenken. Ich bin auf das Thema durch die Kinder- und Jugendforschung gekommen, auch durch Befragungen von Kindern und Jugendlichen. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich schon Kinder im Grundschulalter heute mit allen gesellschaftlich relevanten Fragen und Problemen auseinandersetzen müssen. Sie sind durch die Medien mit sämtlichen Themen konfrontiert, nehmen sie auch wahr. Sie sind schon sehr früh gezwungen, sich zurechtzufinden, sich eine eigene Meinung zu bilden. Sie sagen, wenn wir uns schon so viel auseinandersetzen müssen, möchten wir auch Einfluss nehmen und möchten ernst genommen werden.
Schultz: Wirklich? Kein Desinteresse, keine Apathie?
Hurrelmann: Das wird ja den Jüngeren oft unterstellt. Aber ich habe in vielen Studien den Eindruck gewonnen, dass es ein Anliegen vieler junger Leute ist, mitzureden, mitzugestalten – wenn man sie lässt. Natürlich gibt es da viele verschiedene Möglichkeiten, unterschiedliche Kanäle und Foren. Aber was ist mit dem vornehmsten Bürgerrecht: dem Wahlrecht? Da liegt die Altersschwelle zu weit hinten im Leben. (…)
Schultz: Demokratische Rechte auszuweiten, klingt sympathisch. Mehr Demokratie wagen, die Jüngeren beteiligten – prima. Dennoch habe ich große Vorbehalte gegen eine Absenkung des Wahlalters. Wenn ich ehrlich bin, ist es zunächst ein Gefühl und eine Intuition – und die Argumente kommen hinterher. (…) Wir muten Kindern viel zu, mitunter zu viel. Bei den Gegnern des Kinderwahlrechts taucht in unserem Buch – wie ich finde zu Recht – öfter das Argument auf: Gebt den Kindern zwar den Raum, sich auszuprobieren, sich politisch zu engagieren, aber gebt ihnen auch Schutz! Lasst sie langsam hineinwachsen in die komplizierte und harte Welt der Politik und der Verantwortung. Zwingt sie nicht zu früh in Entscheidungen hinein!
Hurrelmann: Es gibt ja – was ich bemerkenswert finde – einen breiten Konsens unter den Autorinnen und Autoren in diesem Buch, dass es eine stärkere politische Beteiligung der Jüngeren geben kann und geben sollte, und das schon vom Kindesalter an. Da sind sich alle einig: Mehr Partizipation und politische Bildung sind möglich und nötig. Auch jenseits des Wahlrechts können wir viel und noch mehr dafür tun, die Ansprüche, Meinungen und Ideen von Kindern ernst zu nehmen und Kinder zu beteiligen an Entscheidungen, die sie und ihre Umwelt betreffen.“
(Hurrelmann, Schultz: Wahlrecht für Kinder. S. 254 ff)

Genau !!

Was denken Sie zur Absenkung des Wahlalters?
fragt sich Christa D. Schäfer