Darüber kann man sicherlich geteilter Meinung sein.

Mitunter bekomme ich als Mediatorin nach einer Mediation „Komplimente“ und Lob für meine gute Arbeit, aber davon soll heute hier nicht die Rede sein. Ich frage mich eher, ob es angebracht ist Medianden für Ihre harte Arbeit in einer Mediation „Komplimente“ zu machen.

Angeregt ist diese Fragestellung dadurch, dass ich seit langer Zeit mal wieder in einem systemischen Klassiker gelesen habe, in dem Buch „Lösungen (er-)finden. Das Werkstattbuch der lösungsorientierten Kurztherapie“. 594 Seiten haben Peter De Jong und Insoo Kim Berg zusammengetragen, jetzt gibt es die deutschsprachige Ausgabe in der 7. Auflage beim Verlag modernes lernen. Das Buch zeigt die ungeheure Reflektiertheit in der Sprache der beiden Systemiker, und besonders die grundlegenden Fertigkeiten des Interviewens haben mich vor Jahren beeindruckt, als ich das Buch zum ersten Mal las.

Da ist die Rede vom Hören, von Fragearten, vom Achten auf Schlüsselworten, der Technik Worte der KlientInnen mit in die eigenen Aussagen einzubeziehen, dem Paraphrasieren, dem Zusammenfassen, dem Schwiegen, dem non-verbalen Verhalten, dem Komplimentieren, der natürlichen Empathie, dem Normalisieren, den Beziehungs-Fragen, der Lösungs-Sprache und vielem mehr …

Deshalb möchte ich das Buch „Lösungen (er-)finden“ gerne allen MediatorInnen ans Herz legen. Viele der dort vorgestellten Fertigkeiten des Interviewens lassen sich auf die Mediation übertragen. Es gibt viel Input zur Wunder-Frage, die ein wesentliches Element in der Arbeit von De Jong und Berg darstellt, und die ja auch in der Mediation als Methode genutzt werden kann. Beeindruckend und für MediatorInnen interessant sind ebenfalls die Buchkapitel, die zeigen wie Stärken und Erfolge von KlientInnen aufgebaut werden können, was es mit Skalierungsfragen auf sich hat, wie KlientInnen (also in unserem Fall MediandInnen) Rückmeldung gegeben werden kann und vieles mehr.

Herausgreifen möchte ich heute einige Buchpassagen über das Komplimentieren, weil ich mich gefragt habe, ob dies eine Methode ist, die auch in der Mediationspraxis angewandt wird bzw. angewandt werden kann. Dazu einige Zitate aus dem dem Buch von Peter De Jong und Insoo Kim Berg:

„Das Komplimentieren sollte nicht der Motivation entspringen, freundlich oder ‘nett’ zu den KlientInnen zu sein. Es sollte vielmehr auf der Realität gründen (…)

Als das Komplimentieren erstmals am Brief Family Therapy Center in Milwaukee eingeführt wurde, wurden Komplimente vorwiegend am Ende des Gesprächs eingesetzt, um die Aufmerksamkeit der KlientIn auf Stärken und Erfolge in der Vergangenheit zu lenken, die beim Erreichen ihrer Ziele hilfreich sein könnten. Die PraktikerInnen sind aber nach und nach dazu übergegangen, Komplimente im ganzen Gespräch einzusetzen, weil KlientInnen aus diesem Vorgehen Hoffnung und Zuversicht zu schöpfen scheinen. (…) Es gibt verschiedene Arten von Komplimenten …“

Quelle: De Jong, P.; Berg, I.K.: Lösungen (er-)finden). S. 80f

Wenn ich von Komplimenten spreche, so meine ich natürlich keine „platten Komplimente“ wie etwa: „Heute haben Sie aber ein schönes Kleid an.“ Ich meine vielmehr ehrliche, auf die gemeinsame Arbeit bezogene Komplimente.

Ein direktes Kompliment ist eine positive Würdigung oder Reaktion der PraktikerIn auf das, was die KlientIn gesagt oder getan hat.

In Bezug auf die Mediation bedeutet dies beispielsweise, den Medianden Dank und Würdigung auszusprechen für in der Mediation Geleistetes:

  • „Sie haben heute hart an Ihrem Konflikt gearbeitet …“
  • „Wunderbar, dann sind wir heute einen großen Schritt weiter gekommen in der Bearbeitung des Sachverhaltes x.“
  • „Besten Dank für die vielen kreativen Idee, die wir gleich zu Anfang der nächsten Sitzung wieder aufgreifen und weitergehend besprechen werden.“

Ein indirektes Kompliment ist eine Frage, die etwas Positives über die KlientIn impliziert. Eine Möglichkeit, indirekt zu komplimentieren, besteht darin, mehr Informationen über ein gewünschtes Ergebnis zu erfragen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, systemische Fragen zu etwas Positivem in einer Beziehung zu stellen. Eine dritte Möglichkeit besteht darin zu implizieren, dass die KlienIn weiß, was am besten ist. Indirektes Komplimentieren ist im Systemischen Therapiekontext der direkten Komplimentierung vorzuziehen.

In Bezug auf die Mediation meint dies beispielsweise folgende Fragen:

  • „Wie haben Sie es geschafft, dass es in den vergangenen zwei Wochen nicht zu erneutem beiderseitigen Anschreien in der Kommunikation gekommen ist?“
  • „Wenn ich ihre ArbeitskollegInnen fragen würde, auf welche Art und Weise Sie beide es geschafft haben die Arbeitsatmosphäre wieder zu festigen, was würden die sagen?“

Mein Tipp: Achten Sie doch bei zukünftigen Mediationen oder Mediationsrollenspielen auf den Effekt des Komplimentierens.

Zugegeben, in meiner Mediationspraxis gibt es diese Art der Komplimente für meine Medianden, denn es ist wirklich nicht einfach einen heftigen Konflikt anzugehen, hart daran zu arbeiten und die Zuversicht zur Klärung nicht zu verlieren. Und solange die Würdigung ernst gemeint ist, ist dies eine meiner Meinung nach durchaus legitime Methode. Eigentlich sollte ich nicht Methode sagen, denn es ist Teil (m)einer Haltung …

Wie sehen andere MediatorInnen dies?

fragt sich Dr. Christa D. Schäfer