Sollte ein Mediator oder eine Mediatorin kreativ sein?
Müssen die Medianden kreativ sein?
Was ist überhaupt Kreativität?

Definition Kreativität

Das Gabler Wirtschaftslexikon gibt dazu folgenden Erklärungen:

Kurzerklärung: „Kreativität bezeichnet i.d.R. die Fähigkeit eines Individuums oder einer Gruppe, in phantasievoller und gestaltender Weise zu denken und zu handeln.“

Ausführliche Erklärung:
„Kreativität bezeichnet i.d.R. die Fähigkeit eines Individuums oder einer Gruppe, in phantasievoller und gestaltender Weise zu denken und zu handeln. Die Bedingungen für Kreativität werden oftmals nach den vier Ps der Kreativität eingeteilt, und zwar nach person (Person), process (Prozess), product (Produkt) und press (Umwelt). Zu den kreativitätsförderlichen Aspekten der Person gehören bspw. Personenmerkmale wie Offenheit für Erfahrung, Verantwortungsgefühl oder hohe allg. kognitive Fähigkeiten. Der Kreativitätsprozess wird meist als typische Abfolge von Problemidentifikation (Erkennen von Problemen), Vorbereitungsphase (notwendige Informationen werden gesammelt), Generierungsphase (mögliche Lösungen werden entwickelt) und Beurteilungsphase (Analyse der Lösungen) beschrieben. Die Aufgabenstellungen in den einzelnen Phasen können durch den Einsatz verschiedener Techniken unterstützt werden (z.B. Brainwriting in der Vorbereitungsphase). Kennzeichnend für kreative Produkte ist, dass sie gleichzeitig neu und angemessen, nützlich oder wertvoll für die Lösung eines Problem sind. Zu den kreativitätsförderlichen Umweltaspekten gehören bspw. das Teamklima für Kreativität und Innovation oder eine qualitativ gute Beziehung zwischen Geführten und Führungskraft.“

Springer Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Kreativität, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/82522/kreativitaet-v7.html

Mihaly Czikszentmihalyi und das Flow-Erleben in der Kreativität

In meiner Studienzeit war der amerikanische Psychologe Mihaly Czikszentmihalyi einer der Top-Experten für das Thema Kreativität. Er beschrieb das Flow-Erleben (engl. für Fließen, Rinnen, Strömen) als das:

„beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit (Absorption), die wie von selbst vor sich geht – auf Deutsch in etwa Schaffens- bzw. Tätigkeitsrausch oder auch Funktionslust. Der Glücksforscher Mihaly Czikszentmihalyi gilt als Schöpfer der Flow-Theorie, die er aus der Beobachtung verschiedener Lebensbereiche, u. a. von Chirurgen und Exremsportlern, entwickelte und in zahlreichen Beiträgen veröffentlichte. Heute wird seine Theorie auch für rein geistige Aktivitäten in Anspruch genommen.
Flow kann bei der Steuerung eines komplexen, schnell ablaufenden Geschehens im Bereich zwischen Überforderung (Angst) und Unterforderung (Langeweile) entstehen. Der Flow-Zugang und das Flow-Erleben sind individuell unterschiedlich. Auf der Basis qualitativer Interviews beschrieb Csíkszentmihályi verschiedene Merkmale des Flow-Erlebens.”

In seinem Buch „Kreativität“ schreibt er:

„Kreativität ist so faszinierend, weil sie uns aus dem Alltag heraushebt, weil sie uns das Gefühl gibt, intensiver zu leben als sonst. (…) Das tiefe Gefühl, Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst, kann man außer durch die Kreativität wahrscheinlich nur durch Sex, Sport, Musik oder religiöse Ekstase erreichen – doch diese Erfahrungen sind nur flüchtig und hinterlassen keine bleibenden Spuren. Aber die Kreativität hinterläßt darüber hinaus ein Ergebnis, das zum Reichtum und zur Komplexität des Lebens in der Zukunft beiträgt.“ (Csikszentmihalyi: Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta 1997. S. 10)

In der Zwischenzeit ist viel über Kreativität geforscht worden. Forschungen haben ergeben, dass Kreativität in jedem Gehirn angelegt ist. Man muss sie hervorzulocken wissen. Aber was kann ich tun, um sie zu locken?

Bas Kast und sein Buch „Plötzlich macht es KLICK!“

Aus mittlerweile unzähligen Einzelbefunden zum Forschungsfeld der Kreativität lassen sich empirisch überprüfbare Grundfaktoren des schöpferischen Denkens herausristallisieren. Bas Kast stellt diese „Erfolgszutaten der Kreativität“ in seinem neuen Buch „Plötzlich macht es KLICK! Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen“ vor. Er hat zwei Jahre damit zugebracht, Hunderte von Studien zum Thema Kreativität auszuwerten, Forschungslabore zu besuchen, Kognitionspsychologen und Hirnforscher zu befragen und Experimente im Selbstversuch zu machen.

Die 10 wichtigsten Strategien kann man in einem Tagesspiegelartikel von Bas Kast nachlesen. Viel interessanter ist es allerdings, das Buch in aller Ausführlichkeit zu lesen. Da kann man nämlich erfahren:

  • wie gegrillter Aal das Denken lockern kann
  • wie ein dickes Adressbuch das Risiko für gute Einfälle erhöht
  • wie Gorillas unsichtbar werden
  • was Wodka, Schläfrigkeit und die Farbe Blau gemeinsam haben
  • wie man den Gruppen-IQ steigern kann
  • wie Steve Jobs’ Ein-Klo-Prinzip funktioniert
  • was der Wert gemeinsamer Kaffee- und Bierpausen ist
  • und viele mehr.

Kreativität ist eine Grundeigenschaft des Gehirns. Warum sind manche Menschen dennoch „kreativer“ als andere? Entsteht Kreativität durch hartnäckiges Üben und Trainieren oder durch plötzlich von irgendwoher kommende Geistesblitze?

Kast zeigt im ersten Kapitel seines Buches, dass Ungewohntes die Phantasie beflügelt. Wer regelmäßig aus dem Alltag „ausbricht“ und das Gehirn mit Ungewöhnlichem konfrontiert, wird kreativer. Ausbrechen aus der Alltagsroutine kann bedeuten: mal etwas anderes zu lesen als sonst, einen anderen Weg zu fahren als den sonst genutzten, andere Menschen kennen zu lernen, exotische Gerichte zu testen und vieles mehr. Auch Auslandsreisen und neue Sprachen erweitern den Horizont. Ein bunter Bekanntenkreis bringt neue Ideen und Verbindungen, die Bandbreite der sozialen Kontakte wird ausschlaggebende Inspirationsformel.

Das zweite Kapitel zeigt, dass mit Entspannung, Loslassen und der Erweiterung der Aufmerksam mehr Ideen kommen. Die Konzentration auf ein Problem führt dazu, dass sich der Blick verengt. Die Verminderung der Konzentration kann zu kreativen Schüben führen, Kast nennt dies „Wenn das Gehirn offline geht“. Menschen die meditieren, kennen den Effekt, dass sich die Aufmerksamkeit erweitert, fokussiert und „Aha-Erlebnisse“ folgen können. Auch Alkohol „erweitert“ die Aufmerksamkeit und lässt die Kreativität wachsen (nur nicht in diesem Zustand Auto oder Fahrrad fahren!). Die Farbe Blau hat eine inspirierende Wirkung. Oft kommen die besten Ideen vor dem Schlafengehen oder beim Aufwachen.

Weitere Kapitel im Buch „Plötzlich macht es KLICK“ zeigen, wie die Kreativität in Teams Einzug halten kann und wie Personen ihre eigene kreative Nische entdecken können. Das Buch ist interessant geschrieben, voller Fakten und Details und vielfältiger Hinweise zum Thema.Für mich als Mediatorin und Pädagogin war dieses Buch absolut gewinnbringend und ich empfehle es gerne weiter. Ach ja, ein Kapitel zum Thema Kreativität bei Kindern und Erwachsenen hat das Buch natürlich auch …

Kreativität in der Mediation

Jede Mediatorin und jeder Mediator benötigt eine große Portion Handwerk und eine gewisse Portion an Kreativität, um verschiedene Fragetechniken, Satzwendungen und Methoden an der jeweils passenden Stelle nutzen zu können.

Das Thema Kreativität in der Mediation gewinnt in der Phase vier allerdings erst richtig an Bedeutung. Zu Anfang der Mediation kommen die Medianden und sind in ihren Gedanken „gefangen“. Der Mediator bzw. die Mediatorin hat deshalb zunächst erst einmal die Aufgabe, in den ersten drei Phasen die Grundvoraussetzungen und eine solide Basis zu schaffen, die zur Kreativität in der Problemlösung der vierten Phase führen kann.

Ob mit der Methode des Brainstormings als Standardmethode für die vierte Phase der Lösungssuche oder das Mindmapping, die Denkhüte von De Bono oder die Kopfstandtechnik, es gibt viele Kreativtechniken, die ich in der Mediation nutzen kann. Vielfältige Bücher geben Hinweise zu derartigen Methoden, die in der Mediation und natürlich auch im Coaching, in der Supervision und im Training eingesetzt werden können. Lesen Sie das Buch „KLICK …“ und experimentieren Sie mit Kreativtechniken im privaten und mediativen Bereich. Beides macht viel Spaß.

Danke an Bas Kast für das unterhaltsame und äußerst lehrreiche Buch „KLICK …“
sagt Dr. Christa Schäfer

 

 

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