Die Kraft des Kreises

Der Klassenrat in der Schule findet im Stuhlkreis statt. Was passiert dort, und kann man dieses „Redeprinzip“ auf den Wirtschaftsbereich ausweiten? Kann man Business-Meetings und Business-Sitzungen im Stuhlkreis stattfinden lassen?

Was ist der Vorteil von Circles?
Welche Rollen gibt es?
Wie funktionieren Meetings und Gespräche in Circles?
Gibt es auch Circles in Paarbeziehungen und in der Familie?

Wow, ich habe diesen Artikel mit ganz vielen Frage begonnen, Fragen, die mir durch den Kopf gingen, als ich das Buch „Circles: Die Kraft des Kreises“ in die Hand bekam. Die beiden Autorinnen Christina Baldwin und Ann Linnea haben sich in diesem Buch, herausgegeben im Beltz Verlag, ausführlich mit dem Peer Spirit Circle Process – kurz Circle – auseinander gesetzt. Ein Prinzip, das viel mehr enthält als nur eine bestimmte Anordnung von Stühlen.

Peer Spirit Circle Process

Circle_Baldwin_Linnea

Christina Baldwin und Ann Linnea hatten die intuitive Überzeugung, dass der Kreis sowohl uralt als auch universell ist. Naturvölker nutzten den Kreis, um Entscheidungen für den ganzen Stamm zu treffen. Nordamerikanische Stammesälteste nutzten den Kreis und schätzten ihn auf sozialer und geistiger Ebene. Der Kreis war für manche Kulturen Organisationsprinzip, schien als Sprache der Naturvölker jedoch nicht zur vorherrschenden westlichen Kultur zu passen.

Baldwin und Linnea schauten, wie Circles in unserer modernen Welt funktionieren können. 1996 erschien die erste Version ihres Werkes „Calling the Circle. The First and Future Culture“. Damit war der erste Schritt getan, den Kreis in die moderne Kultur zurückzurufen und zur erneuten Anwendung zu bringen:

Das war zu jener Zeit, in der auch das World-Café, das Open Space und die Methode der Zukunftskonferenz entwickelt wurde. In jeder dieser „Methoden“ sitzen Menschen zusammen, sprechen miteinander und erachten ihre gegenseitigen Stimmen als wertvoll. Jede dieser Methoden geht von Respekt und Wertschätzung aus. Jedes Ereignis hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Der Archetyp des Kreises ist im Raum präsent. In einem Kreis können große Ideen von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern kommen, alle Beiträge werden gleichwertig aufgenommen. Im Jahr 2000 kam die Arbeit von Baldwin und Linnea nach Europa und fing auch an hier zu wirken. Vier Mal waren beide bereits in Deutschland, mehrmals auch in anderen europäischen Ländern.

„Nach mehr als 20 Jahren Erfahrung haben wir den weitreichenden Nutzen dieser Arbeit gesehen und sind nun überzeugt, dass die Wiedereingliederung des Kreises den Prototyp für eine neue Kultur liefert: eine Kultur der Kreativität, der Zusammenarbeit und des Gesprächs.“ (Baldwin/Linnea: Circle, S. 14)

Vom Ursprung des Kreises

„Der Mann ist nass bis auf die Haut und zittert vor Kälte. Mit einem erlegten Kaninchen über der Schulter läuft er eilig durch die Abenddämmerung. Die Frau neben ihm bleibt trotz des schwindenden Lichts immer wieder kurz stehen, um einige Blätter zu sammeln oder eine Wurzel mit dem Fuß frei zu scharren und in einen Lederbeutel zu stecken, den sie um die Taille gehängt hat. So folgen sie dem Pfad, der sie hoffentlich an einen Ort führt, an dem sie freundliche Aufnahme, Wärme und Gesellschaft für die Nacht finden. …“ Beide finden ein Feuer, an dem bereits andere Männer und Frauen sitzen, erzählen, sich wärmen und zusammen essen. Das Feuer ist die Mitte, gibt Sicherheit, Wärme und Nahrung. (ebenda, S. 30)

Hat sich Sprache als soziales Instrument parallel zur Nutzung von Feuer und zur Ausdifferenzierung von Handwerkszeugen entwickelt?

Der Kreis als Archetyp des Gruppenprozesses

„Der Weg des Kreises ist eine praxisorientierte Methode, soziale Partnerschaften neu zu etablieren und eine Welt zu schaffen, in der wahrhaftige Kooperation zu optimaler kompetenter hierarchischer Führung anregt. Ein Anführer braucht ein Ratsgremium, das ihm die Dorfmeinungen zu Gehör bringt. Ein Präsident braucht ein Kabinett, ein Trainer ein Team, ein Lehrer Schüler. Die Älteren brauchen junge Leute. Und Meetings brauchen dringende Veränderung.“ (ebenda, S. 39)

Gespräche und Sitzungen im Kreis etablieren eine neue Gesprächskultur. Allein durch Sprechen und Zuhören können dringend notwendige Veränderungen bewirkt werden. Die Gesprächskultur im Kreis stellt einen sozialen Paradigmenwechsel dar, der überall, jederzeit und in jeder beliebigen Gruppe stattfinden kann. Er funktioniert über eine Intelligenz, die Herz und Verstand in Einklang bringt, setzt auf das Gemeinschaftsprinzip und sucht nach Möglichkeiten, wie sich jede und jeder einbringen kann.

Der Kreis hat eine feste Struktur:
Auftakt und Einladung
Die Kreismitte einrichten
Vereinbarungen
Check-in
Intention
Drei Prinzipien
Drei Praktiken
Rollen
Check-out

Der Kreis hat drei Prinzipien:
Führung im Wechsel
Gemeinsame Verantwortung
Vertrauen in die Ganzheit

Der Kreis hat drei Praktiken:
Aufmerksam zuhören
Absichtvolles Reden
Auf das Wohlergehen der Gruppe achten

Es gibt verschiedene Rollen:
Der Gastgeber mit temporärer Führungsrolle
Der Achtgeber
Der Schreiber

Die Arbeit im Kreis hat drei Grundformen:
Die Redeobjekt-Runde
Die Gesprächsrunde
Schweigen

Die Entscheidungsfindung funktioniert über:
Konsens und Abstimmung

Circle können sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext abgehalten werden.

Sie interessieren sich für ein Beispiel zu einem Circle?
Hier das Beispiel eines Circles im Rahmen eines konfliktgeladenen Gespräches.

„Die Geschäftsleitung lud alle Franchisenehmer zu einer Konferenz von Freitagmittag bis Sonntagnachmittag ein. So etwas hatte es noch nie gegeben. 140 von ihnen sagten ihre Teilnahme zu. Der schwierigste Teil war ein Dialog mit der gesamten Gruppe am Samstagnachmittag über den Konflikt der in Bezug auf die neuen Statuten entstanden war. Wenn ein Kreisprozess in großen Gruppen stattfindet, muss der Gastgeber äußerst kreativ vorgehen. Der Unterschied ist etwa so groß wie zwischen der Organisation einer Dinnerparty und einem professionellen Catering: Bedeutend mehr Planung ist erforderlich, um sicherzustellen, dass die Qualität des Engagements von Dauer ist. Doch wenn jede Stimme persönlich zu Wort kommen soll – und in diesem Fall war dies eine conditio sine qua non -, dann kann der Kreis auch für die Diskussion in einer großen Gruppe erweitert werden.
Matthias und Jutta entwarfen eine Kreismitte, die für die Gruppe besonders relevant war. Sie bestand aus einer etwa 90 Zentimeter hohen Pyramide aus 16 roten Boxen. Die oberste Box symbolisierte den Zweck des Unternehmens (einschließlich des Franchisesystems). Die vier Boxen in der Mitte repräsentierten seine Werte und die neun an der Basis symbolisierten die Firmenziele. Die Gruppe hatte im Laufe der Konferenz schon mit Zweck, Werten und Zielen gearbeitet und kannte deshalb die Bedeutung der Boxen. Dann arrangierten Matthias und Jutta 140 Stühle in vier konzentrischen Kreisen wie Jahresringe an einem Baumstamm darum herum.“ (ebenda, S.

Wenn ich Sie mit meiner Begeisterung für die Circles „angesteckt“ habe, dann finden Sie in dem 281 Seiten starken Buch „Circle: Die Kraft des Kreises. Gespräche und Meetings inspirierend, schöpferisch und effektiv gestalten“ von Christina Baldwin und Ann Linnea aus dem Beltz Verlag viele weitere Beispiele und natürlich Beschreibungen, wie Circles zum Laufen gebracht werden können. Sehr empfehlenswert !! Wer weiß, vielleicht – oder besser hoffentlich – gibt es in ein paar Jahren auch in Deutschland viele Circles in privaten und geschäftlichen Kontexten.

Ach ja, Sie kennen meine Praxisbroschüre zum Klassenrat?

Dr. Christa D. Schäfer