In den Sechzigerjahren führte Walter Mischel mit seinen StudentInnen ein Experiment mit Kindern im Vorschulalter an der Bing Nursery School durch, einer Kindertagesstätte der Stanford University. Er führte die Kinder in eine echte Dilemma-Situation. Die Kinder hatten die Wahl zwischen einer sofortigen Belohnung (einem Marshmallow) und einer größeren späteren Belohnung (zwei Marshmallows), für die sie jedoch 20 Minuten warten mussten. Das sah so aus, dass ein Kind alleine im Raum saß, ein Marshmallow und eine Glocke vor sich. Wollten das Kinder die Süßigkeit essen, so konnte es die Glocke betätigen und den Marshmallow essen. Betätigte es die Glocke nicht, so erhielte es die größere Belohnung nach der Rückkehr des Versuchsleiters. Manche Kinder warteten nicht lange, bis sie die Glocke läuteten, andere Kinder hielten die 20 Minuten standhaft durch.

Was Mischel und seine StudentInnen vollkommen überraschte, war die Tatsache, was die vier- und fünfjährigen Kinder alles taten, um sich nicht verlocken zu lassen. Vollkommen verblüffend war auch die Tatsache, dass der Marshmallow-Test und die Länge des Belohnungsaufschubs viel über das zukünftige Leben der Probanden verriet. Je länger ein Kind wartete, umso besser schnitt es später bei Studierfähigkeitstests ab, und um so höher konnte das kognitive Leistungsvermögen im Jugendalter eingestuft werden. Im Alter zwischen 27 und 32 Jahren verfolgten diejenigen, die im Vorschulalter beim Marshmallow-Test länger gewartet hatten, ihr Ziel konsequenter und kamen besser mit Frustration und Stress zurecht, sie hatten ein höheres Selbstwertgefühl und sogar einen niedrigeren Body-Mass-Index. Außerdem waren sie belastbarer und anpassungsfähiger bei der Bewältigung zwischenmenschlicher Probleme und schafften es besser, enge Beziehungen aufrecht zu erhalten. Im mittleren Alter dieser ehemaligen Probanden konnte man in den Hirnarealen, die mit Suchtverhalten und Fettleibigkeit verknüpft sind, deutliche Aktivitätsunterschiede feststellen zu den Probanden, die als Kinder nicht in der Lage waren, in den Belohnungsaufschub zu gehen. Bei denjenigen, die die Belohnung gut aufschieben konnten, war das Areal im präfrontalen Kortex aktiver, das für effektives Problemlösen, kreatives Denken und die Kontrolle impulsiven Verhaltens wichtig ist. Bei denjenigen, die die Belohnung weniger gut aufschieben konnten, war das ventrale Striatum aktiver, vor allem auch dann, wenn sie sich bemühten, ihre Reaktionen auf emotional aufgeladene, verlockende Stimuli zu kontrollieren.

Marshmallow-TestIch finde von Walter Mischel erzielten Ergebnisse und die durch ihn angestoßenen Forschungen äußerst spannend und freue mich sehr, dass es jetzt ein wunderbares, fast 400 Seiten starke Buch zum Marshmallow-Test und den Auswirkungen gibt. In dem Buch „Der Marshmallow-Test“ werden Antworten auf viele Fragen gegeben. Ist die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben, angeboren? Wie kann man Menschen diese Fähigkeit beibringen? Was ist „Willenskraft“? Welche Umstände schwächen die Willenskraft? Auf welchen kognitiven Fähigkeiten und Motivationen basiert sie?

Belohnungsaufschub und Selbstkontrolle

Mischel nutzt zur Unterstützung dieser Antworten neueste wissenschaftliche Erkenntnisse. Er erläutert, dass im menschlichen Gehirn zwei eng miteinander verwobene Systeme existieren, das eine „heiß“ – emotional, reflexgesteuert, unbewusst – das andere „kühl“ – kognitiv, reflektierend, langsamer und mehr Anstrengung erfordernd. Die spezifischen Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Systemen bestimmen, wie die Vorschulkinder im Marshmallow-Test reagieren. Es gibt Strategien, wie mentale Prozesse und Strategien beschaffen sind, mit denen heiße Verlockungen abgekühlt werden können, Belohnungen aufgeschoben und Selbstkontrolle entwickelt werden kann.

Sind die Belohungen sichtbar, so fällt das Warten schwerer, als wenn die Belohnungen unter einem Tablett versteckt sind. Erfolgreiche Belohnungsaufschieber dachten sich zudem alle möglichen Kniffe aus, um sich abzulenken und den Konflikt und dem Stress, dem sie ausgesetzt waren, abzukühlen. Es gab Kinder, die dachten sich kleine Lieder oder Geschichten aus, schnitten Grimassen, beschäftigten sich mit ihren Händen oder Füßen oder hatten sonstige kreative Ideen. Ablenkende Gedanken führten zu einem längeren Belohnungsaufschub. Das Denken an die Belohnung verkürzte die Dauer, bis die Kinder die Glocke betätigten.

Die Aktivierung des heißen, emotionalen Systems sorgt dafür, sofort zu handeln. Konzentriert man sich auf die heißen Merkmale einer Verlockung führt das zu Los!-Reaktionen. Hoher Stress aktiviert das heiße System. Das heiße System befindet sich im limbischen System im Gehirn, in der Amygdala. Ein auftauchender Löwe hat in früheren Zeiten natürlich zu einer automatischen Selbstschutzreaktion geführt. Heiße Reaktionen sind allerdings nicht hilfreich, wenn es darum geht, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Das kühle, kontrollierte System befindet sich vornehmlich im präfrontalen Kortex im Gehirn. Dieses System entwickelt sich langsam, wird in den Vorschul- und Grundschuljahren allmählich aktiver und ist erst mit Anfang 20 vollständig ausgereift. Gute Belohnungsaufschieber konzentrierten sich auf die kühlen, abstrakten, faktischen Merkmale der Verlockung und entzogen sich den heißen Merkmalen. Es gibt Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen im Belohungsaufschiebeverhalten und in den Abkühlungsstrategien. Bei großem Stress fällt das kühle System zunehmend aus.

Selbstkontrolle entsteht im Zusammenhang mit dem Bindungsverhalten eines Menschen. Die von Mary Ainsworth konzipierte „Fremde Situation“ simuliert ein kurzes Verschwinden der Mutter und eine Wiedervereinigung zwischen Mutter und Kind unter harmlosen Bedingungen. Kleinkindern zwischen ein und drei Jahren, denen es gelang, sich von der Abwesenheit der Mutter abzulenken, schnitten auch später beim Marshmallow-Test besser ab. Der Erziehungsstil einer Mutter beeinflusst die Strategien zur Selbstkontrolle, die ein Kind entwickelt. Wow. Sind die Kinder älter, so können Wenn-dann-Pläne dem Kind helfen, eine breite Palette ansonsten kaum bezwingbarer Selbstkontrollprobleme erfolgreich zu bewältigen. Fest verankerte Wenn-dann-Umsetzungspläne können auch im Erwachsenenalter noch helfen, Verlockungen zu trotzen, mit dem Rauchen aufzuhören, uns auf eine Zielerreichung oder auf bestimmte Kernaufgaben zu konzentrieren.

Von Marshmallows im Kindergarten zur Altersvorsorge

Selbstkontrolle ist zur Erreichung langfristiger Ziele absolut wichtig. Zu viel Selbstkontrolle lässt uns unser Leben allerdings ebenso unerfüllt erscheinen wie zu wenig Selbstkontrolle. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle kann ein starkes Selbstwertgefühl wachsen lassen. Da heißt es dann: „Ich weiß, ich kann es (schaffen)!“

Mischel beschreibt in seinem Buch auch, dass sich Kinder, die erfolgreich im Belohnungsaufschub waren, durch drei Merkmale der Exekutiven Funktionen (einem Teil des kühlen Systems) auswiesen. Sie mussten sich erstens an ihr gewähltes Ziel erinnern, zweitens im Blick behalten wie nah sie dem Ziel schon gekommen waren und evtl. Korrekturen vornehmen und drittens impulsive Reaktionen hemmen.

Optimistisch denkende Menschen haben insgesamt höhere Erfolgserwartungen. Kinder, die davon ausgehen, alles Notwendige schaffen zu können, um ihre Belohnung zu erhalten, strengen sich an und sind eher der Gruppe zuzuschreiben, die lange warten kann. Erfolgserlebnisse verstärken zukünftige Erfolgserwartungen ganz erheblich.

Impulskontrolle und Selbstkontrolle können zudem die Herausforderungen des Lebens meistern helfen, beispielsweise schmerzliche Gefühle abzukühlen. Erzählten Klienten ihre Gefühle aus einer selbstzentrierten Perspektive, so berichten sie so, als würden sie eine Erfahrung nochmals durchleben. Werden Gefühle und Gründe aus einer distanzierten Perspektive berichtet, so können Ereignisse kognitiv neu bewertet werden. Selbstdistanzierung unterstützt, konstruktive Strategien zur Problemlösung und Konfliktbeilegung zu finden und den Blutdruck zu senken.

„Wenn die Probanden sich spontan von sich selbst distanzierten, während sie an die negativen Erfahrungen in ihrer Beziehung dachten, wendeten sie auch konstruktivere Strategien zur Problemlösung und Konfliktbeilegung an als diejenigen, die sich nicht spontan von sich selbst distanzierten. Besonders interessant war, dass die Probanden mit geringer Selbstdistanz Konflikte konstruktiv bewältigten, solange ihre Partner keine ablehnende, feindselige Haltung ihnen gegenüber zeigten. Wurden ihre Partner feindselig, zahlten sie es ihnen jedoch mit gleicher Münze heim, sodass die Feindseligkeit eskalierte. Die Kombination von Menschen mit geringer Selbstdistanzierung und extrem negativ gestimmten Partnern setzte regelmäßig die Zukunft der Beziehung aufs Spiel. Dieses Muster galt unabhängig davon, ob das Konfliktverhalten in Selbstberichten oder durch unabhängige Beobachter eingeschätzt wurde, wenn die Partner ihre Konflikte in einer Laborsituation diskutierten. …“ (Mischel: Der Marshmallow-Test. S. 195)

Sicherlich haben Sie beim bisherigen Text dieses Blogartikels bereits gemerkt, dass ich von diesem Buch begeistert bin. Ich könnte viele weitere interessante und spannende Ergebnisse aus dem Buch referieren, möchte Ihnen allerdings das Buch selber ans Herz legen. Walter Mischels Buch zum Marshmallow-Test ist wie ein spannender Krimi ein absoluter Lesegenuss, der hilft, Menschen zu verstehen.

Christa D. Schäfer