„Henri ist kein Fall, Henri ist ein Kind“ – so seine Mutter Kirsten Ehrhardt, die ein Buch über den bisherigen Lebensweg von Henri geschrieben hat. Henri ist ein Junge mit Down-Syndrom. Das Buch zeigt, wie Henri die Familie verändert hat, wie er den Kindergarten und die Grundschule auf den Weg der Inklusion gebracht hat und wie seine Eltern schließlich frustriert miterleben mussten, mit welchen Mitteln sich ein Gymnasium in Baden-Württemberg 2014 gegen die Aufnahme eines Kindes mit Behinderung wehrt.

Henri ist ein Kämpfer. Henris Familie ist glücklich, dass er da ist, und wird dennoch in eine Gedankenwelt verstrickt, die sie vorher nicht erahnt hat. Was mag das wohl für ein Gefühl sein, wenn der Arzt in das Zimmer kommt und zu der Krankenschwester sagt: „Da liegt das Down-Syndrom“. Auch Nachbarn und Freunde müssen zunächst lernen, mit der Tatsache Down-Syndrom umzugehen, manche Beziehungen zerbrechen, andere leben auf und intensivieren sich. Oft sind die Eltern von Henri hin- und hergeworfen zwischen ihren Gedanken um Henri, um seine Förderung oder Nicht-Förderung und um all das, was von Außen an sie herangetragen wird. Sicherlich trägt auch seine Schwester Emily durch ihre unaufgeregte Art dazu bei, dass Henri sich gut entwickeln kann. Gut, dass die Familie immer wieder Menschen findet, die ihnen Unterstützung und Kraft gibt. Dennoch ist der Weg, die Inklusion einzufordern, sehr hart. Zunächst die Kita, dann die Grundschule und schließlich der Weg auf eine neue Schule ist ein „steter Kampf“. Da werden die Eltern, die nur das beste für Henri wollen, schnell als „anstrengende Eltern“ wahrgenommen.

„Henris Leben findet in einem Spannungsfeld von Anpassung und Anderssein statt. Immer wieder werden wir herausfinden müssen: Wie reagiert ein System mit Normen und Vorschriften auf das Anderssein? … Henri ist anders und stört. Doch was ist eigentlich mit den Kindern, die auch anders sind als unsere Gesellschaft im Großen und bestimmte Systeme im Kleinen vorgeben, und die deshalb ebenso stören? Kinder, die langsamer oder schneller lernen oder einfach nur auf anderen Wegen zu einer Lösung kommen, vielleicht auch einmal zu einer unerwarteten?“ (Kirsten Ehrhardt: Henri. S. 52f)

Henri lernt laufen, sprechen, schreiben und rechnen, liebt seine Playmobil-Figuren, hat viele Freunde, lernt tanzen, singen und vieles vieles mehr. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie viel Freude er den Menschen in seiner Umgebung gibt.

2009 unterschrieb Deutschland die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Inklusion ist also Menschenrecht. Damit hat sich Deutschland verpflichtet, eine inklusive Gesellschaft zu werden, und somit auch ein inklusives Schulsystem zur Verfügung zu stellen.

henri_ein_kleiner_junge_veraendert_die_weltDas Buch “Henri. Ein kleiner Junge verändert die Welt“ zeigt, wie es um die Inklusive Pädagogik in Deutschland 2015 immer noch bestellt ist. So einfühlsam und liebevoll Henri und das Familienleben mit ihm beschrieben wird, so ist auch der folgende Erfahrungsbericht offen und ehrlich. Er zeigt die Gedanken, die notwendig sind, um zu einem inklusiven Bildungssystem zu kommen. Er zeigt aber auch schonungslos das Denken von immer noch zahlreichen PädagogInnen, die Inklusion nicht umsetzen wollen oder können und vielleicht sogar Angst davor haben (Warum eigentlich?) …

Ach ja, der Weg an Gymnasium oder Realschule wurde Henri verwehrt. Schulleitung, Kollegium, Eltern, Schulkonferenz waren dagegen. Zur Sonderschule sollte er gehen. Jetzt wiederholt er die vierte Klasse der Grundschule, und zum neuen Schuljahr finden seine Eltern hoffentlich eine Schule, die Henri gut tun wird, und der auch er gut tun kann.

Auch Berlin ist ja erst ganz am Anfang des Weges zu einer Inklusiven Schule.
Es ist noch viel Arbeit notwendig. Packen wir’s an !!
Dr. Christa D. Schäfer