Vor längerer Zeit habe ich in diesem Blog bereits ein Buch vorgestellt, das systemisches Wissen für Coaching, Mediation und Pädagogik zur Verfügung stellt. Ebenfalls habe ich an anderer Stelle bereits einiges zur Systemischen Pädagogik berichtet …

Hier_fuehle_ich_mich_wohlJetzt habe ich ein wunderbar praxisorientiertes Buch zur Systemischen Pädagogik entdeckt, es ist das Buch „Hier fühle ich mich wohl“ von Erika Gollor aus dem Carl-Auer Verlag. Die systemische Pädagogik wird kurz und gut nachvollziehbar erklärt. Das Buch enthält viele Situationsbeispiele, mit denen die systemische Pädagogik erläutert wird. Viele Übungen (zur sozialen Kompetenzerweiterung und zum systemischen Verständnis) ergänzen den Text. Sowohl für diejenigen gut geeignet, die sich erstmals mit dem Thema auseinander setzen, als auch für diejenigen, die vertiefende Erkenntnisse und besonders praxisrelevante Hinweise zur systemischen Pädagogik suchen !!

Sehr gefällt mir die von Erika Gollor geprägte Definition für die systemische Pädagogik:

„Allgemein lässt sich sagen, dass systemische Pädagogik die Anwendung von systemischen Sichtweisen in der pädagogischen Praxis ist. Die systemische Sichtweise ist eine vernetzte Sichtweise. Sie blickt ‘weit’ auf das Kind. Das heißt, sie sieht das Kind nicht nur als Einzelperson, sondern als einen Teil der verschiedenen Systeme, in die es eingebunden ist: Familie, Klasse, Freundeskreis … Dabei ist der Einfluss wechselseitig.Der Einzelne beeinflusst das System und umgekehrt. Das bedeutet, dass nichts bleibt, wie es ist. Sowohl der Einzelne als auch das System verändern sich ständig, in gegenseitiger Abhängigkeit.“ (Gollor: Hier fühle ich mich wohl. S. 14)

Zu den Grundordnungen eines Systems zählt Erika Gollor:

  1. Zugehörigkeit: In Systemen gelten gewisse, in der Tiefe wirksame Grundordnungen. Eine davon ist das Recht auf Zugehörigkeit. Das Kind braucht die Sicherheit, dass es zur Gemeinschaft gehören kann und darf.
  2. Reihenfolge des zeitlichen Eintritts: Jedes Mitglied einer Gemeinschaft ist gleichwertig. Dennoch gibt es im Systemischen den Vorrang des Früheren vor dem Späteren. Diejenigen, die früher in die Gemeinschaft eintreten, haben mehr Rechte, aber auch mehr Pflichten.
  3. Vorrang der Gruppe: Die Gruppe hat Vorrang vor dem Einzelnen. Verlangt das Verhalten eines Gruppenmitglieds eine Entscheidung, so hat der Schutz der Gruppe Vorrang.
  4. Stärken erkennen, Ressource nutzen: Lehrer sehen leicht Fehler, Schwächen und Probleme – beim Kind und auch bei sich selbst. Die systemische Sichtweise lenkt den Blick hingegen auf die Ressourcen und Fähigkeiten, die jeder in sich trägt. Diese zu stärken und auf ihre Kraft zu vertrauen, tut allen gut.
  5. Der Blick auf die Lösung: Probleme gehören zum Alltag eines Pädagogen. Der systemische Blick sucht nach Lösungen, statt an den Problemen hängen zu bleiben.
  6. Die Verbundenheit des Kindes mit seinem Familiensystem: Aus der Verbundenheit mit der Familie müssen sich Kinder so verhalten, wie sie es tun. Dies ist unbewusster Ausdruck einer tiefen Liebe und Treue zu den Eltern. Das Wissen darum hilft im pädagogischen Alltag.
  7. Wertschätzung und Achtung der Eltern: Kinder haben innerlich immer ihre Eltern dabei, wenn sie in die Schule kommen. Widersprechen Werte in der Schule bestimmten Werten aus dem Elternhaus, so verwirrt das die SchülerInnen und bringt sie in innere Konflikte. Die systemische Sichtweise hilft, dieses Dilemma zu mildern.

Leider ist die systemische Pädagogik, also die Verbindung zwischen systemischen Gedankengängen und der Pädagogik heutzutage immer noch ziemlich unbekannt. Geht man in eine Schule und fragt dort nach systemischer Pädagogik, so erntet man meist ungläubige Blicke. Manche PädagogInnen fragen sogar, ob man im Rahmen der systemischen Pädagogik mit den SchülerInnen in der Schule Familien- oder Systemaufstellungen macht.

Aber das ist natürlich nicht der Fall. Vielmehr nutzt man die systemischen Gedanken für die Haltung und das Agieren als Pädagogin/als Pädagoge. Im Buch „Hier fühle ich mich wohl“ findet man deshalb neben einleitenden theoretischen Gedanken auch Kapitel zu den Themenfeldern: „Leiten und führen“ (die Rolle des Pädagogen), „Ich gehört dazu“ (das Bedürfnis nach Zugehörigkeit), „Wir gehören zusammen“ (Gemeinschaftsgefühl stärken), „Ich weiß um meinen Platz“ (Rangordnung einhalten), „Ich kann, ich bin“ (Stärken erkennen, Ressourcen nutzen), „Ich komme nicht allein in die Schule“ (die Eltern gehören dazu), „Herausforderungen im Schulalltag“ (systemische Herangehensweise) und „Hier komme ich nicht mehr weiter“ (Grenzen von Pädagogen).

Ärger- und Freuderunden

Es gibt viele Übungen, die auch von Lehrkräften durchgeführt werden können, die keine systemische Ausbildung genossen haben. Ich denke hier beispielsweise an die von Erika Gollor vorgeschlagenen „Ärger- und Freuderunden“. Diese Übung genügt dem Grundsatz „Wir gehören zusammen. Gemeinschaftsgefühl stärken“. Einmal in der Woche sollte innerhalb einer Schulklasse eine Ärger- und einmal eine Freuderunde abgehalten werden. Beide Runden dauern ca. 10 bis 15 Minuten und können gut unabhängig voneinander durchgeführt werden (bsp. die Ärgerrunde am Donnerstag und die Freuderunde am Freitag). Es gibt spezielle Regeln:

  • Alles, was – speziell in der Ärgerrunde – gesagt wird, unterliegt der Schweigepflicht.
  • Das Kind, an das sich der Ärger oder die Freude richtet, wird mit Namen angesprochen.
  • Die Gesprächspartner schauen sich an.
  • Keine Beschimpfungen und Beleidigungen.
  • Ich-Botschaften nutzen.
  • Das angesprochene Kind nimmt nicht Stellung, es kann lediglich sagen, dass es ihm leid tut.

Diese Übung kann bereits in Vorschulgruppen, auf jeden Fall aber ihn Grundschulklassen durchgeführt werden. Sie ist eine wunderbare Vorübung zum Klassenrat. Und auch für Klassen, die den Klassenrat nicht einführen wollen, bieten sich Ärger- und Freuderunden an, um das Soziale Klima in der Klasse zu verbessern.

Besten Dank für diese wunderbare Übung !!
sagt Christa Schäfer

 

Weitere Literaturhinweise:

Systemisches Wissen für Pädagogik und Mediation

Einführung in die systemische Pädagogik

Der systemische Lehrer