„Mit meinem grauen Anzug bin ich hier eindeutig overdressed, stelle ich fest, als ich mich in der Mensa umschaue. Eine verbindliche Kleiderordnung gibt es halt nicht mehr, nicht einmal bei der feierlich gedachten Verleihung der Abiturzeugnisse.Da sitzen vereinzelt dunkel gekleidete Kopftuchträgerinnen, daneben coole Jungs in verschlissenen Jeans, nicht mal rasiert heute Morgen. Schüler mit feinen Sakkos neben überschminkten, schmuckbeladenen Schwestern in kurzen Röcken. Einige Kollegen haben sich fein gemacht, andere, gerade aus dem Unterricht gekommen, tragen die üblichen Lehrer Cordjeans.
Wir sitzen in unserer wenig feierlichen, etwas heruntergekommenen und notdürftig mit Blumen aufgehübschten Mensa und haben eben der ziemlich quietschigen Schulband gelauscht, die sich mühsam an einem getragenen Pop-Lied abarbeitete. Trotzdem war der Applaus frenetisch, eine Gelegenheit, wieder einmal zu pfeifen und zu johlen. So richtig feierlich kriegen wir es einfach nicht hin. Nicht hier in Kreuzberg.
Die neue Rektorin hält jetzt, immer wieder gestört durch Verspätete, ihre Rede. Vom neuen Aufbruch spricht sie, vom Wandel zur Gemeinschaftsschule und dem Konzept des individualisierten Lernens, von der kommenden Inklusion. Der neue Geist sei schon überall zu spüren.
Es ist meine letzte Abiturfeier. Vor 28 Jahren wurden hier die ersten Abiturzeugnisse ausgegeben, und ich habe seither viele Reden von Aufbruch und Neuanfang gehört, deshalb kann ich ich einer gewissen Skepsis nicht erwehren: Mein Blick fällt auf die wenigen jungen Kollegen. Einige scheinen ja sehr engagiert zu sein. Aber werden sie wirklich die Wende schaffen? Wer sie „von oben“ die versprochene Unterstützung bekommen? Wird sich ein neues Team finden, das diesen Neuanfang entschlossen vorantreibt? …“
(A. Johann: Rock’n’Roll und Ramadan. S.286 f.)

Das sind Gedanken von Albrecht Johann, einem Berliner Lehrer, der 34 Jahre lang an einer sogenannten „Brennpunktschule“ im Bezirk Kreuzberg unterrichtet hat. Er erzählt in seinem Buch Rock ‘n’ Roll und Ramadan Unterhaltsames und Nachdenkliches aus dem bunten Alltag seiner Schule. Das ist für die Leserschaft interessant und herausfordernd zugleich. Johann begann seine Lehrerkarriere am 11. Dezember 1977 in einer Gesamtschule. Schnell merkte er, dass Schüler so etwas wie Wesen von einem anderen Stern sein können. Da wird in Vertretungsstunden gespielt, da toben die Schülerinnen und Schüler über Tisch und Bänke und es ist an „echtes“ Unterrichten kaum zu denken.

Albrecht Johann Rock'n' Roll und RamadanDer Junglehrer Johann lernt schnell, sich in Schule zu behaupten. Seine Gedankengänge und Lernerfolge sind im Buch nachzulesen: „In meinem Unterricht merke ich täglich, wie wenig praxistauglich unsere naive Vorstellung ist, man müsse einfach nur nett zu den Schülern sein. Dazu kommen persönliche Defizite …“ (ebenda, S. 17)

Von da aus geht die Reise weiter und schnell kommt der Johann in seinem Beruf fest an. Der Lehrer Johann wird eine Lehrerpersönlichkeit. Er arbeitet und kämpft in der Schule, im Umgang mit seinen Schülerinnen und Schülern. Er erzieht und bildet seine Schülerschaft, bezieht KollegInnen, Eltern und Schulleitung in seine Gedanken und Arbeit mit ein. Später dann sagt er über die Berliner Schule: „Berlin muss sparen, aber das kostet seinen Preis. In den Schulen liegen die Nerven blank. Hetze und Genervtheit prägen zunehmend den Alltag, der Krankenstand steigt und damit auch die Anzahl der Vertretungsstunden. Dabei laufen gleichzeitig die kräftezehrenden Reformen an. Jahrzehntelang haben wir fast unbeachtet vor uns hinwerkeln können, aber seit dem Pisa Schock rotiert die Bildungsverwaltung und kehrt in den Schulen das Unterste zuoberst, bloß kosten darf es nichts. Fast wöchentlich finden wir Gedanken, Entwürfe, Erlasse, Ausführungsvorschriften, Ergänzungen und Erläuterungen zu Reformen im Fach, die verstanden, diskutiert und umgesetzt werden müssen. Alles wird umgekrempelt. Ein ungeheurer Kraftakt.“ (ebenda, S. 205)

Der mit Wehmut überschriebene erste Absatz dieses Artikels beschreibt die letzte Abiturfeier, die Johann an seiner Schule erlebt, und zugleich auch seinen Weg aus der Schule heraus in die Zeit „nach der Schule“ – auch Rente genannt. Viel ist passiert in der Laufbahn des Lehrers Albrecht Johann, viel ist passiert in der Berliner Schullandschaft der vergangenen Jahrzehnte. Super, dass dies alles nachzulesen ist in dem Buch Rock’n Roll und Ramadan. Ein Buch, das als Ferienlektüre für Lehrerinnen und Lehrer bestens geeignet ist !!

Schöne Ferien wünscht
Christa Schäfer

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