Über Schuld denken wahrscheinlich die wenigsten Menschen gerne nach. Und dennoch ist Hintergrundwissen über dieses Gefühl wichtig. Darum möchte ich dem Thema “Schuld” einen Artikel in diesem Blog widmen …

Mediation sucht nicht nach Schuldigen oder nach Verursachern. Dennoch ist Schuld manchmal ein Thema, das eine oder einen der Medianden beschäftigt. In meiner Arbeit mit straffällig gewordenen jungen Männern im Denkzeit-Training kommt es häufiger zur Besprechung des Themas „Schuld“. Manche geben anderen Personen die Schuld, dass sie eine Straftat begangen haben oder sogar ihrer Ansicht nach begehen mussten. Manche sehen eine Schuld bei sich.

Schuld scheint mir so etwas wie ein vergessenes Gefühl zu sein. Ist Schuld überhaupt ein Gefühl, oder ist Schuld eher ein kognitiver Vorgang, der im Gehirn stattfindet? Wie fühlt sich Schuld an? Was steht – kognitiv gesehen – hinter der Schuld? Das Schuldgefühl ist kein Begriff, der einfach zu definieren ist.

Bertold Ulsamer hat ein Buch mit dem Titel „Acht Gesichter der Schuld – Ansätze zur Überwindung“ geschrieben, das im Scorpio Verlag erschienen ist. Er benennt, dass Schuld mehrere Gesichter hat und es verschiedene Wege gibt, damit umzugehen. Durch seine Arbeit als systemischer Therapeut hat er einen großen Erfahrungsschatz zum Thema. Er beschreibt Schuld, spricht darüber, wie sie sich anfühlt und welche Auswirkungen sie auf unser Handeln hat. Dabei beschäftigt er sich zunächst mit der individuellen Schuld und den Schuldgefühlen. Er behandelt acht unterschiedliche Bereiche und Formen von Schuld. Er merkt aber auch an, dass Schuld weiterhin viel komplexer ist, als sie in diese acht Bereiche zu teilen.

Die acht von Ulsamer benannten Facetten von Schuld:

  1. Schuld und Schulden: Das Bedürfnis nach einem Ausgleich
  2. Die Verantwortung für einen Schaden: Täter und Opfer
  3. Das schlechte Gewissen: Das Drama im eigenen Inneren
  4. Die Illusion der Kontrolle
  5. Überlebensschuld
  6. Kinder und Eltern: Bindung und Loslösung
  7. Eltern und Kinder: Die Schwierigkeit, die Kinder loszulassen
  8. Die geteilte Schuld: Nachkommen tragen die Schuld mit

Besonders interessant im Sinne des pädagogischen Gesichtspunktes sind die Kapitel sechs und sieben, in denen Kinder und Eltern im Fokus der Betrachtungen stehen. Das sechste Kapitel spricht aus der Perspektive der Kinder. Dabei geht es darum, was für Gefühle und Verpflichtungen Kinder gegenüber ihren Eltern mit der Zeit aufbauen und welche Schuldgefühle dabei mitschwingen. Schuld ist hier oft ein Thema, das im Untergrund wirkt. Dann können sich Kinder nicht wirklich von ihren Eltern lösen, sondern bleiben in einer unguten Art und Weise gebunden und verpflichtet. Oder auch das Gegenteil: Kinder brechen den Kontakt ab, um frei atmen zu können. Auch damit ist ein Kind nicht wirklich gelöst, denn ein innerer Frieden ist mit einem solchen Bruch selten verbunden.

Im siebten Kapitel betrachtet Ulsamer den Blickwinkel der Eltern: Welche Verantwortungen und damit einhergehenden Schuldgefühle bringen Kinder für die Eltern? Zu Beginn seines Lebens ist ein Kind ganz und gar von seinen Eltern abhängig. Diese Abhängigkeit bleibt viele Jahre bestehen. Das macht es für manche Eltern schwierig, ihr Kind als eigenständiges Wesen zu sehen und loszulassen. Weil Eltern ihre Kinder lieben, fühlen sie sich oft verantwortlich, wenn es den Kindern schlecht geht. Außerdem ist heutzutage überall Perfektion gefragt, so auch in der Elternschaft. Eltern können sich schuldig fühlen, wenn sie den öffentlichen oder ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden und ihr Kind nicht „perfekt“ ist.

Ja, damit hat Schuld auch einen großen Zusammenhang zur Thematik von Erziehung und innerhalb von Familien.

Zeit um in die Selbstreflexion zu gehen?
Kennen Sie das Gefühl der Schuld in Bezug auf Ihre Ursprungsfamilie? Oder in Bezug auf Ihre jetzige Partnerschaft oder Familie? Worin sehen Sie Schuld? Wie könnte die Schuld losgelassen werden?

Wer die Dynamiken, die hier wirken, versteht, kann schrittweise über sie hinauswachsen. Also: Schuld verstehen und wirksame Lösungen finden.

Gutes Gelingen dabei
wünscht Christa Schäfer

Lesetipp: Gefühle sehen – Menschen verstehen

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