Mediatorinnen und Mediatoren sollten wissen, was TZI bedeutet.

TZI ist die Abkürzung für „Themenzentrierte Interaktion“. Ruth Cohn, eine Berliner Psychoanalytikerin hat die Grundlagen der TZI in den 1960iger Jahren als Konzept für die Leitung von Gruppen entwickelt. Hier und heute möchte ich gerne in meinem Blog ein Buch vorstellen, in dem die wichtigsten Grundlagen der TZI von Experten knapp, präzise und dennoch aussagekräftig und gut nachvollziehbar beschrieben werden. Ferner möchte ich die einführenden Worte aus diesem Buch verdichten, um so allen LeserInnen einen guten Einblick in die Elemente der TZI geben zu können.

Die TZI ist in der Humanistischen Psychologie beheimatet, also der dritten Kraft neben der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie. Der Name „Themenzentrierte Interaktion“ verweist darauf, dass es um die Arbeit an einem ausformulierten Thema als Ausgangspunkt für die Interaktion in einer Gruppe geht. Ein gut gewähltes Thema spricht alle Gruppenmitglieder an, lässt innere Bilder und Bezüge entstehen und führt dazu, dass alle sich einbringen können. Wichtig ist für die Gruppenleiterin oder den Gruppenleiter ein solides Wissen um Gruppenprozesse, das meint die verschiedene Phasen in der Arbeit mit einer Gruppen, das Wissen um verschiedene Rollen im Gruppengeschehen sowie das Erkennen von Entwicklungspotentiale und -klippen in einer Gruppe. Gelingt es einer Gruppe nicht, ins Arbeiten zu kommen, so liegt dies meist weniger am Thema als an der Gruppe selber und den in ihr ablaufenden Prozessen.

TZI sieht die Struktursetzung als wichtige Aufgabe der oder des Leitungsverantwortlichen. Die Entscheidung, in welcher Struktur und mit welcher Methode zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Gruppe gearbeitet wird, hat großen Einfluss auf die Arbeit der Gruppe und die Arbeit der oder des Einzelnen. Gibt eine Leitung zu viel, zu wenig oder unpassende Strukturen vor, so wird die Gruppe in ihrer Arbeit behindert. Dann wird die gemeinsame Arbeit als chaotisch erlebt, Einzelne wirken passiv oder desintegriert, negative Gefühle dominieren oder man kommt inhaltlich nicht voran.

Der TZI-Praxis liegen drei Axiome zugrunde.

„1. Axiom (existentiell-anthropologisch): Der Mensch ist eine psycho-biologische Einheit und ein Teil des Universums. Er ist darum gleichermaßen autonom und interdependent. Die Autonomie des Einzelnen ist um so größer, je mehr er sich seiner Interdependenz mit allen und allem bewusst ist.
2. Axiom (ethisch): Ehrfurcht gebührt allem Lebendigem und seinem Wachstum, Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen. Das Humane ist wertvoll, Inhumanes wertbedrohend.
3. Axiom (pragmatisch-politisch): Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Erweiterung dieser Grenzen ist möglich. Unser Maß an Freiheit ist größer, wenn wir gesund, intelligent, materiell gesichert und geistig gereift sind, als wenn wir krank, beschränkt oder arm sind und unter Gewalt und mangelnder Reife leiden. Das Bewusstsein unserer universellen Interdependenz ist die Grundlage humaner Verantwortung.“ (von Kanitz; Lotz, Menzel; Stollberg; Zitterbarth (Hrsg.): Elemente der Themenzentrierten Interaktion. S. 12f)

Auf der Grundlage dieser drei Axiome gibt es zwei Postulate für die praktische Umsetzung.

1. Sei deine eigene Chairperson.
„Das TZI nimmt für sich in Anspruch, mit ihrem Modell Menschen in ihrer Selbstbestimmung, ihrem Selbst-Bewusstsein und ihrer Bereitschaft, Verantwortung für sich, andere und die Sache zu übernehmen, zu unterstützen. Anders als in manch anderen Konzepten steht hier die Balance zwischen dem Selbst, den anderen und den gegebenen Notwendigkeiten im Vordergrund. Damit will die TZI so etwas wie im positivsten Sinne demokratisches Handeln unterstützen.“ (ebenda, S. 13)

2. Störungen nehmen sich Vorrang.
„Viele Menschen, die Gruppen leiten, fürchten sich genau davor: dass es zu Störungen kommen könnte, die die Arbeit behindern. Das sogenannte Störungspostulat bringt unmissverständlich zum Ausdruck, dass Arbeits- und Lernprozesse störanfällig sind und dass Störungen sich ihren Raum nehmen. (…) es geht nicht darum, dass Störungen immer, sobald sie auftreten, zum Thema gemacht werden müssen (…) Die TZI hat einen durchweg positiven Störungsbegriff, denn Störungen (…) helfen der Leitung und der Gruppe bei der Analyse, was gerade nicht gut läuft bzw. gerade nicht passt. Sie helfen beim Finden einer Entscheidung, was man anders machen könnte, damit die gemeinsame Arbeit besser gelingt. Grundlage dafür ist ein humanistisches Menschenbild, das davon ausgeht, dass Menschen gute Gründe haben, warum sie gerade im Moment anderes tun als von ihnen erwartet.“ (ebenda, S. 13f)

Ein zentrales Element der TZI ist das Vier-Faktoren-Modell
TZI-Dreieck Das Vier-Faktoren-Modell „geht von der Gleichwertigkeit der vier Faktoren aus, die die Arbeit einer Gruppe bestimmen: jede/-r einzelne Grupenteilnehmer/-in inklusive der Leitungsverantwortlichen (ICH), die Gruppe als Gesamtheit (WIR), die Aufgabe/die Sache, derentwegen Menschen zusammenkommen (ES), sowie die Beachtung der (Rahmen-)Bedingungen der Einzelnen, der Gruppe und der Sache (GLOBE). Gelingt es, alle vier Faktoren in der Arbeit zu berücksichtigen und auszubalancieren, fördert dies Prozesse des lebendigen Lernen und gelingender gemeinsamer Arbeit. (…) Der Leitung kommt dabei die Aufgabe der dynamischen Balance dieser Faktoren zu.“ (ebenda, S. 14)

Eine Gruppenleitung sollte partizipativ leiten.

Entgegen der autoritären und der laissez-fair Führung handelt eine partizipative Leitung als „role model“. Sie nehmen so Einfluss auf das Geschehen. „Indem sie eigene Gefühle, Assoziationen, Wünsche und Impulse wahrnehmen und diese partiell und bewusst ausgewählt auch in die Gruppe einbringen, entwickelt sich ein Leitungsstil, der sich grundlegend von anderen Konzepten (…) unterscheidet. Eine Gruppe gemäß der TZI Leitende begegnen den anderen Gruppenteilnehmenden auf Augenhöhe und sind bestrebt, ihre Leitungsmacht und -verantwortung zu mindern.“ (ebenda, S. 15)

TZI ist meine Grundhaltung in Mediationsseminaren und Pädagogik­weiterbildungen.


Natürlich gibt es ganz viel Literatur zur TZI von Ruth Cohn selber und von anderen AutorInnen. Das Buch „Elemente der Themenzentrierten Interaktion“ von Anja von Kanitz, Walter Lotz, Birgit Menzel, Elfi Stollberg und Walter Zitterbarth (Hrsg.) aus dem Vandenhoeck & Ruprecht Verlag stellt jedoch ganz hervorragende, grundlegende und ausgewählte Texte zur TZI zur Verfügung. Die Texte entstammen ursprünglich der Fachzeitschrift „Themenzentrierte Interaktion“ und sind so etwas wie ein best off. Alle Texte dieses Buches sind als Einstiegslektüre geeignet. Es gibt Artikel zur Orientierung im TZI-System, Artikel zu Prozessen innerhalb einer Gruppe und eine Auswahl von Beispielen, die zeigen, wie man TZI in der Praxis zur Planung, Gestaltung und Reflexion von Gruppenarbeit nutzen kann. Die AutorInnen der Aufsätze sind allesamt profilierte Lehrende, Forschende und Praktizierende der TZI aus verschiedenen Fachgebieten. Damit ist das Buch so etwas wie ein must have für TZI-Interessierte. Zum Bestellen einfach auf das Cover des Buches klicken …

Welche Verbindungen gibt es zwischen der TZI und der Mediation?

Meine eindeutige Antwort: Die Haltung einer Mediatorin / eines Mediators ist der Haltung einer TZI-Gruppenleiterin / eines TZI-Gruppenleiters sehr ähnlich. Kein Wunder, beiden liegt ja auch die Humanistische Psychologie zugrunde …

Dr. Christa D. Schäfer