Ferien. Ich lese ein neues Buch. Den Roman “Der Klassenfeind“, geschrieben von dem Lehrer, Musiker, Schriftsteller und Kabarettisten Marc Hofmann über den Lehrer Harry Milford.

Und was finde ich in dem Buch? Ein Kapitel über ein „sprechendes Kissen“. Das möchte ich Ihnen als Mediatorinnen und Mediatoren nicht vorenthalten. Also folgendermaßen:

Harry Milford kommt Sonntag Mittag nach einem missglückten Angelausflug wieder nach Hause, wo ihn bereits seine Frau Karen erwartet. Hier ein langes Zitat, was nun passiert:


(Zitatanfang) Ich stehe wie erstarrt auf der Türschwelle. Eigentlich muss ich ziemlich dringend aufs Klo, habe einen Mordshunger und müsste unbedingt mal ein Glas Wasser trinken, aber jetzt hat sich Karen vor mir aufgebaut. Offenbar ist sie in Rage.
„Aha“, sage ich, um Zeit zu gewinnen. Was meint sie? Was hab ich jetzt schon wieder falsch gemacht?
„Ich habe mir was überlegt. Komm mal rein!“
Es scheint mir keine gute Idee, jetzt meine unmittelbaren körperlichen Bedürfnisse zur Sprache zu bringen, so bestimmt, wie sie auftritt. Ich folge ihr ins Wohnzimmer. Es riecht fürchterlich nach Patschuli, und überall stehen brennende Kerzen.
„Wir müssen uns mal aussprechen. Setz dich!“
„Kann ich erst mal …“
„Nein, jetzt lass dich da mal drauf ein. Nicht schon wieder flüchten!“
Eigentlich wollte ich sie nur darauf hinweisen, dass ich noch meine gefütterte Jacke anhabe, aber das muss jetzt offenbar alles warten.
„So!“ Karen setzt sich mir gegenüber und faltet die Hände. „Weil wir ja in letzter Zeit Probleme mit der Kommunikation haben, also ich ja weniger als du, finde ich, brauchen wir einen Moderator.“
Einen Moderator? Was soll denn die Scheiße?
„Der Peter hat da unlängst eine Fortbildung in gewaltfreier Konfliktlösung und themenzentrierter Interaktion gemacht, und daher hat er sich angeboten, das Gespräch zu leiten.“
Der Peter kommt aus der Küche wie ein Stargast. Soll ich jetzt applaudieren?
„Karen, das ist mir zu blöd, das ist doch …“
„Du bleibst sitzen!“
Sie drückt mich zurück auf den Stuhl.
„Also ihr beiden“, beginnt der Peter salbungsvoll und setzt sich aufs Sofa.
„Seht ihr das Kissen hier?“
Karen nickt eifrig. Ich sacke in mich zusammen. Ein Albtraum. Ein verdammter Albtraum.
„Wer das Kissen hat, spricht. Der andere muss zuhören. Er darf nicht widersprechen und nicht unterbrechen. Verstanden?“
Er blickt uns aufmunternd an.
Karen nickt.
„Du auch, Harry?“
Ich weiß nicht, was ich tun soll.
„Also ich schlage vor, Harry, du beginnst.“
Er drückt mir das Kissen auf den Bauch. Im Zimmer ist es unerträglich heiß. Dass ich meine Jacke immer noch anhabe, macht es nicht besser.
„Ja, äh, also …“
Karen dreht sich genervt zu Peter um.
„Siehst du, ich hab’s dir gesagt. Da kommt nichts.“
Peter blickt mich milde an.
„Harry, du wirkst etwas verkrampft. Mach dich doch mal locker.“
Ich schwitze. Meine Kopfhaut juckt und mein Herz rast. Ich habe Durst. Hunger. Und muss arg aufs Klo. Ich will hier weg. Was ist bloß mit den beiden los? Sind die komplett wahnsinnig geworden? Vielleicht sollte ich ihnen erklären, dass ich keine Ahnung habe, was ich eigentlich sagen soll. Worum geht es denn überhaupt?
„Vielleicht beginnst einfach du, Karen, dann kann Harry reagieren.“
Karen schaut mich auffordernd an.
„Was?“, frage ich gereizt.
„Das Kissen!“
Sie zeigt auf das Kissen.
„Ach so.“
Ich gebe es ihr.
Sie presst sich das Kissen auf die Brust.
„Also, Harry ist einfach seit einiger Zeit, ich weiß nicht mehr, wann das angefangen hat,a oder vielleicht ist er ja schon immer so, und ich hab es nur nicht gemerkt …“
Peter hebt einen Finger in die Luft.
„Denk dran, Karen. Ich-Botschaften.“
„Ach so ja, also ich finde, Harry ist einfach so … so …“
Sie fuchtelt mit den Händen durch die Luft.
Ich will das alles nicht. Ich will nicht hören, was sie sagt, ich will nicht über mich reden. Das ist doch absurd. Der ist doch parteiisch. Der will doch bloß mit Karen ins Bett. Da will ich jetzt auch am liebsten hin. Aber alleine.
„So ein unkommunikativer Eigenbrötler, er wird immer kauziger und überlässt alle Erziehungsfragen mir. Außerdem ist er nicht mehr zärtlich. Wir leben ja hier wie in einer WG!“
Peter wendet sich mir zu.
„Das sind deutliche Vorwürfe, Harry. Was sagst du dazu?“
„Ohne Kissen sag ich dazu gar nichts.“
Peter schaut erschrocken, nimmt Karen das Kissen vom Schoß, reicht es mir und blickt mich erwartungsvoll an.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und überlege, ob ich einen Herzanfall vortäuschen soll. Wie kann ich diesen Irrsinn beenden?
Natürlich hätte ich auch etwas zu sagen. Natürlich könnte ich meinem Unmut Luft machen. Darüber was ich hier alles mitmache. Dass ich seit einiger Zeit nur noch Unkraut zu essen kriege, Goji, Chia, Kale, Quinoa, dieser ganze neumodische Quark. Dass ich allabendlich dieses staubtrockene Dinkelbrot herunterwürge und dieses ganze überteuerte laktosefreie Zeug. Ich habe so viel davon verzehrt, dass ich schon eine Laktosefrei-Intoleranz entwickelt habe. Im Kühlschrank liegt glutenfreie Salami, was bitte soll das denn für eine Scheiße sein? Ich arbeite mir die Seele bucklig, damit sich hier alle selbst verwirklichen können. Ich ermögliche Karen, dass sie diesem Nonsensberug nachgehen kann, bei dem sie nichts verdient, weil es ja egal ist, ich verdiene ja genug, weil ich ja immer ein volles Deputat runterreiße, egal, wie es mir geht. (…) Aber beklage ich mich? Hört man von mir ein Wort der Beschwerde? Laufe ich ständig mit einer Maske der Enttäuschung und des latenten Vorwurfs herum? Ich glaube nicht. Ich lasse Karen freie Hand bei der Wohnungseinrichtung, bei dem Perlenvorhang in der Garderobe, in dem man sich ständig verheddert (…). Und als Dank werde ich ständig dafür attackiert, zu wenig im Haushalt zu machen, dabei würde ich sofort eine Haushaltshilfe einstellen, aber nein, das ist ja auch wieder nicht recht. Ich muss mit einer Frau zusammenleben, die überhaupt nicht weiß, was sie will, aber fest entschlossen ist, es zu bekommen!
All das könnte ich sagen, aber was bringt das?

Karen sitzt steif auf ihrem Stuhl und blickt mich erwartungsvoll an.
Peter schaut gehetzt von mir zu Karen und wieder zurück, wie ein nervöses Nagetier.
„Sagst du jetzt was, oder nicht?“ schreit mich Karen an.
„Was willst du denn? Sag doch mal, was du willst! Jetzt ist die Geleghenheit!“
„Ich will jetzt erst mal gepflegt aufs Klo.“
Ich erhebe mich.
„Und danach sehen wir weiter. Aber heute nicht mehr …“ (Zitatende)

(Marc Hofmann: Der Klassenfeind. Stuttgart: Tropen 2015. S. 108-113)

Sicherlich haben Sie als Leserin oder Leser dieses Blog entdeckt, dass es sich hier um den Versuch einer Mediation handelt. Allerdings ist der Versuch aufgrund verschiedener Umstände schief gegangen. Deshalb ist es um so interessanter, sich aus mediativer Sicht Gedanken über den Text zu machen.

  • Welche Grundregel der Mediation wurde von Anfang an vernachlässigt?
  • Welche Gesprächsregeln gelten bei dieser Mediation (auch wenn sie nicht ausgesprochen werden)?
  • Was sind die Bedürfnisse bzw. Interessen von Harry Milford?
  • Was sind die Bedürfnisse und Interessen seiner Frau Karen?
  • Und haben Sie entdeckt, dass auch in diesem Textausschnitt mit der Ähnlichkeit der Worte „Mediation“ und „Meditation“ gespielt wird?

Jenseits dieses Kapitels zur Mediation kann man in dem Buch den Alltag des Gymnasiallehrers Harry Milford nachlesen, der viele Probleme in der Schule hat und auch viele Probleme in der Schule produziert. Er hat ein großes Ziel, seine Frühpensionierung. Als ihm die junge Referendarin Frau Selig kurzfristig den Kopf verdreht, glaubt er, alles wird gut. Aber weit gefehlt. Wer sich für den Schulalltag interessiert, kabarettistisch, messerscharf und zugleich lustig, für den ist da Buch prima geeignet – ob in den Ferien oder in der Schulzeit.


Übrigens steht auf der Rückseite des Buches “Der Klassenfeind” der Spruch: „Schule ist etwa so demokratisch wie Nordkorea“. Damit dies nicht so bleiben muss, hier der Link zu meinem neusten Buch: „Die partizipative Schule. Mit innovativen Konzepten zu einer demokratischen Schulkultur“. Beide Bücher sind absolut empfehlenswert !!!

Dr. Christa D. Schäfer