Jetzt hat die Schule in glaube ich allen Bundesländern wieder gestartet, da wird auch dieses Thema wieder aktuell …

2006 habe ich mein Buch zum Thema Unterrichtsstörungen veröffentlicht. In diesem Buch werden Unterrichtsstörungen systemisch betrachtet und analysiert. Drei umfassende Fälle aus Berliner Schulen werden intensiv vorgestellt und mit Störungsprofil, Ursachenprofil und Lösungsprofil versehen. Welchen Stellenwert haben familiäre Ursachen? Was hat der Unterricht mit auffälligen SchülerInnen zu tun? Kann es sein, dass auch der Lehrer oder die Lehrerin etwas mit Unterrichtsstörungen zu tun hat :)) ? Und schließlich, wie sieht es mit dem Persönlichkeitsprofil des Schülers oder Schülerin aus?

In der letzten Zeit gibt es hervorragende und praxisorientierte Bücher, die sich mit einer ähnlichen Thematik beschäftigen. Eines davon möchte ich gerne hier vorstellen. Das Buch Praxisleitfaden auffällige Schüler und Schülerinnen, herausgegeben von Barbara E. Meyer, Tobias Tretter und Uta Englisch erschien 2015 im Beltz Verlag. Das Buch bietet eine Grundlage an theoretischem Wissen zum allgemeinen Thema „auffällige Schüler_innen“ und konkrete Schritte, Ideen und Tipps zum praktischen Handeln im Umgang mit diesen.

Was sind überhaupt „auffällige Schüler_innen“?
In der Einleitung des Buch, finden wir einen Abschnitt, der sich mit der Definition von „auffällig“ im Schulkontext befasst. Hier wird vor allem die Definition von Norbert Myschker hervorgehoben und folgendermaßen zusammengefasst:

» „Auffälligkeiten bei Schüler/innen“ bezeichnen das besonders facettenreiche, häufige oder schwere Abweichen der Entwicklungs-, Lern- oder Arbeitsfähigkeit einer Schülerin oder eines Schülers bzw. ihr/sein Abweichen in der Interaktion mit der Umwelt von der Erwartungsnorm eine Lehrkraft, die durch den zeit- und kulturspezifischen Kontext geprägt ist. Damit sich die Auffälligkeiten im Kontext Schule bestmöglich entwickeln, ist eine gezielte Intervention erforderlich.«
(Praxisleitfaden, S.8)

Wichtig ist, dass die Wahrnehmung von sogenannten Auffälligkeiten sehr subjektiv ist und wie oben beschrieben, an einer (Erwartungs-)Norm gemessen werden.

Die sechs Buchkapitel des Buches widmen sich folgenden Themen:

  1. Einleitung
  2. Förderliche Haltung im Umgang mit Auffälligkeiten
  3. Von der Haltung zum gesunden Handeln
  4. Dokumentation, Informations- und Schweigepflicht
  5. Vorgehen in sechs Schritten
  6. Spezifische Auffälligkeiten, Störungen und Behinderungen

Besonders hat mich das 5. Kapitel mit einem 6-Schritte-Programm angesprochen, das einen konkreten Handlungsrahmen für den Umgang mit auffälligen SchülerInnen vorschlägt:

Der erste Schritt ist die Beobachtung des_r Schüler_in. Hierbei spielt die gezielte Beobachtung eine wichtige Rolle. Dabei geht es darum, nicht nur das Verhalten des_r Schüler_in wahrzunehmen, sondern auch zu versuchen es einzuordnen. Ein Beispiel: Weint ein Schüler öfter, sollte gezielt beobachtet werden, in welchen Situationen und wie häufig er weint, und er sollt nicht gleich als Person abgestempelt werden, die einfach immer heult. Die weiteren Punkte, die daraus folgen sind: Was macht eine gute Beobachtung aus? – Wann und wie beobachten? – Dokumentation der Beobachtung – Beobachtungshilfe.

Der zweite Schritt besteht darin, ein Gespräch zu führen. Hier wird ein allgemeiner Ratgeber zum Thema „Gespräche führen“ vorgestellt. Thematisiert wird: die Vorbereitung für ein Gespräch – sich zu fragen, wer das Problem hat – der Ablauf eines Gesprächs – die Rolle der Gesprächsatmosphäre – Gesprächsmethoden und Konflikte im Gespräch. Weiter geht es dann mit der Konkretisierung und dem Gespräch mit Personen und Personengruppen in der Schule. Das Gespräch kann und sollte mit mehreren Leuten gesucht werden: dem_der auffälligen Schüler_in – Kolleg_innen und der Schulleitung – Freund_innen der Person, um die es geht – in der Klasse. Ein wichtiger Aspekt ist auch das Gespräch mit den Eltern, dem ein etwas größerer Abschnitt gewidmet ist.

Der dritte Schritt heißt „Trotzdem unterrichten“. In diesem Kapitel geht es darum, wie der Klassenunterricht strukturiert werden kann, um den Schulalltag aufrecht zu erhalten und gleichzeitig unterschiedliche Schüler_innen miteinzubeziehen, ohne den Fokus zu verlieren. Strukturierung betrifft hierbei: das Klassenzimmer – die Unterrichtsabläufe – Interaktionen – akustische Reize – Lehrer_innensprache und -verhalten – das Lernmaterial – Lerninhalte und Unterrichtsmethoden. In einem Abschnitt wird auch die Zusammenarbeit mit Schulbegleiter_innen thematisiert.

In den nächsten drei Schritten geht es um weiterführende Maßnahmen: Hilfe aktivieren – Förderplan erstellen – Bewerten und nachsteuern. Im vierten Schritt gibt es eine ausführliche Beschreibung von Möglichkeiten der Hilfesuche. Im fünften Schritt geht es um die Erstellung eines Förderplans: Wer erstellt diesen? – Organisatorische Rahmenbedingungen – Konkretisierung der Förderbereiche und Förderziele – Durchführung – Beobachtungen und Evaluation. In der Phase der Bewertung geht es darum, als Lehrende alleine und gemeinsam mit der „betroffenen“ Person und der Klasse zu evaluieren und dementsprechend weiter zu handeln.

Im 6. Kapitel werden zu verschiedenen Auffälligkeiten Symptome, Häufigkeiten und Hintergründe aufgezählt. Damit wird dieses Kapitel zu einer Art Nachschlagewerk, ergänzt durch die Punkte Anregungen zum Umgang, weitere Informationen und Unterstützungsmöglichkeiten, die einen bestimmten Handlungsrahmen vorschlagen.

Super, dass meine vor langer Zeit niedergelegten eher theoretischen Gedanken meiner Dissertation zum Thema „Unterrichtsstörungen“ heutzutage derart praktische Nachfolger finden. Das hier besprochene Buch ist gut ausgearbeitet und sehr empfehlenswert. Es bietet eine ausführliche Übersicht an theoretischem Wissen und einen ausführlichen Rahmen, um selbst handeln zu können. Pluspunkte sind außerdem die ausführliche Literaturliste und das Online-Material.

Falls es in diesem Schuljahr also mal wieder „ernst“ wird:
Buch besorgen
empfiehlt Dr. Christa D. Schäfer