Interessierte Leserinnen und Leser meines Blogs werden wissen, dass das Thema „Emotionale Intelligenz“ und die Beschäftigung mit Gefühlen eines meiner Lieblingsthemen sind. Insofern habe ich mich vor einiger Zeit mit den acht Gesichtern der Schule – nach Bertold Ulsamer beschäftigt und einige Aspekte von Schuld in Bezug auf das Eltern – Kind-Verhältnis kurz dargestellt.


Heute möchte ich mich mit dem Schuld aus der Sicht der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) beschäftigen. Dazu gibt es das Buch „Wut, Schuld und Scham“ von Liv Larsson, aus dem ich einige Gedankengänge vorstellen möchte. Liv Larsson sieht Wut, Schuld und Scham als drei Seiten der gleichen Medaille an.

 

Wut, Schuld und Scham werden oft als „negative Gefühle“ empfunden.

„Scham, Schuld und Wut sind im Grunde lebensdienliche Signale.
Wir haben diese Signale bisher missverstanden.
Wir müssen sie neu interpretieren, um sie konstruktiv nutzen zu können.“
(Liv Larsson: Wut, Schuld und Scham. S. 11)

Das möchte ich ein wenig erklären. Solange wir andere für unsere Gefühle verantwortliche machen, erkennen wir die Ursachen dieser Gefühle nicht und können nicht erkennen, welche Bedürfnisse dahinter stehen. Wir kommen dadurch nicht in Kontakt mit uns und anderen.

„Die Scham erdrückt uns, sodass wir nichts sagen, wenn es uns gut täte.
Die Schuld ängstigt sich, und so tun wir nicht das, was zu tun hilfreich wäre.
Die Wut macht uns blind, sodass wir Dinge tun, die wir später bereuen.“
(Liv Larsson: Wut, Schuld und Scham. S. 16)

Die Erforschung der drei Gefühle, von denen hier die Rede ist, ist eng verknüpft mit unseren gelernten Urteilen darüber, was „richtig, falsch, passend, unpassend, unnormal und normal“ ist. Da wir bei dieser Sichtweise unsere tatsächlichen Bedürfnisse nicht wahrnehmen, handeln wir dann gewöhnlich in einer Art und Weise, die weder uns noch andern gut tut. Waren wir wütend, folgt danach Schuld oder Scham über dieses Gefühl. Haben wir jemanden bedroht und unrechtmäßige Forderungen gestellt, schämen wir uns häufig hinterher und suchen die Fehler wieder bei uns, und finden sie auch indem wir uns als unreif, dumm und unpassend empfinden. Haben wir uns eine Weile selber so Vorwürfe gemacht, kann das Pendel leicht wieder in die andere Richtung umschlagen und wir richtigen unsere Wut durch Urteile und Forderungen nach außen. So entsteht ein Hin und Her zwischen Wut, Schuld und Scham – ein Teufelskreis, aus dem wir manchmal schwer ausbrechen können.

Es gibt Studien, die zeigen, dass wir uns am stärksten schämen, wenn wir zuvor wütend waren (besonders wenn der Ärger gegen Kinder gerichtet war).

Wut scheint mit der ihr innewohnenden Explosivität das Gefühl zu sein, das am häufigsten zu Gewalt führt. Dem ist wahrscheinlich nicht so. Vielmehr steckt hinter den Gewalttaten vieler Menschen ein demütigendes Erlebnis und / oder die Situation, dass einige der allen Menschen gemeinsamen Bedürfnisse (Respekt, Akzeptanz) nicht erfüllt worden sind. Einige Menschen wissen nicht, wie sie Scham und Demütigung aushalten sollen, so dass dies zu Gewalt umschlägt.

„Hinter dem Empfinden von Wut und Schuld verbergen sich oft ein Gefühl der Scham und eine Sehnsucht, respektvoll behandelt zu werden. Um unsere wahren Bedürfnisse zu erkennen, sollten wir also unsere Wut und unsere Schuldgefühle hinterfragen und uns mit der darunterliegenden Scham vertraut machen. Scham, Schuld und Wut spielen eine große Rolle in der zwischenmenschlichen Kommunikation und sind ein wichtiger Schlüssel zu unserem Inneren. Daher ist es sinnvoll, sich mit diesen als negativ empfundenen Gefühlen anzufreunden und zu ganz neuen Einsichten zu gelangen.“ (Zitat Buchrücken)

Nach den Grundannahmen der GfK ist jegliches menschliches Verhalten von dem Wunsch angetrieben, ein Bedürfnis zu befriedigen. Auch wenn eine Person eine andere beschuldigt, bedroht, Gewalt anwendet, ist dies ein – wenn auch tragischer – Versuch, ein Bedürfnis zu erfüllen. Die GfK lässt uns nach der natürlichen Antriebskraft hinter Wut, Schuld und Scham suchen, ohne von „gut, schlecht, richtig oder falsch“ zu sprechen. Das ist nicht ganz einfach und erfordert zunächst ein Innehalten.

Das Buch „Wut, Schuld und Scham“ bespricht auch Merkmale einer Dominanzkultur, Unterschiede zwischen Dominanz- und Partnerschaftskultur, Schulderzeugende Kommunikation, die rote und die weiße Scham, den Stolz, wofür Wut gut ist und die nagende Schuld. An dieser Aufzählung ist bereits unschwer zu erkennen, wie gewinnbringend dieses Buch für alle diejenigen ist, die sich mit Gefühlen allgemein oder mit diesen Gefühlen insbesondere beschäftigen wollen. Im Buch werden die Gefühle beschrieben, verdeutlicht und mit Übungen zur Reflexion und zur Vergrößerung eines Handlungsrepertoires versehen. Super!

Und wie oft in meinen Blogartikeln möchte ich Sie gerne an einer Übung teilhaben lassen.

Fünf Schritte, um Wut zu akzeptieren und mit ihr umzugehen

  1. „Halten Sie inne und atmen Sie. Tun und sagen Sie nichts.
  2. Geben Sie allen Urteilen und Forderungen in ihrem Kopf freien Raum, halten Sie nichts zurück. Beachten Sie dabei, was in Ihnen passiert.
  3. Stellen Sie eine Verbindung zu den Urteilen und Forderungen her.
  4. Nehmen Sie Kontakt mit Ihren Emotionen auf. Wenn Ihr Gefühl von Wut zu etwas anderem, ebenso starkem wechselt, stehen Sie in Kontakt mit Ihren Bedürfnissen.
  5. Äußern Sie die Gefühle und Bedürfnisse, die nicht erfüllt wurden sowie eine Bitte, von der Sie glauben, sie könne helfen, die Bedürfnisse zu befriedigen.“
    (Liv Larsson: Wut, Schuld und Scham. S. 168)

Nicht einfach, aber wirksam.

In diesem Sinne: Achten Sie auf Ihre Gefühle.
Christa D. Schäfer