„Streit bringt uns voran und hilft uns, uns durchzusetzen: mit unseren Gedanken, unseren Meinungen, Ideen und Gefühlen. Streit befestigt Beziehungen, schafft Identität und macht tolerant. Das ist gut so und der Motor jeder Entwicklung.“

So steht es auf der Buchrückseite des Buches „Erfolgreich streiten. Wie man seine Ziele durchsetzt und trotzdem alle gewinnen“ von Werner Ehrhardt und Thomas Schneider, das 2013 im südwest Verlag erschienen ist. Was also ist erfolgreich streiten, und wie geht das?

Ehrhardt und Schneider erarbeiten, welche Richtlinien es im Streit gibt, um mit einem positiven Ergebnis für alle Beteiligten aus dem Streit herauszugehen. Dabei haben sie sich die Tit-for-Tat-Strategie näher angeschaut. Sie beschreiben, wie das Denken und Handeln in Win-win-Kategorien (Harvard-Modell von Fisher/Ury), erweitert um das Streitmodul Tit-for-Tat heutzutage unverzichtbarer und erfolgreicher Bestandteil von Krisenmanagement in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft geworden ist. In Situationen und Konflikten des Alltags ist Tit for Tat noch lange nicht angekommen. Aber nun muss erst einmal erläutert werden, was Tit-for-Tat überhaupt bedeutet …

Ehrhardt und Schneider nennen drei Parameter, die jeden Streit begleiten:

  1. Es sind immer Gefühle beteiligt.
  2. Es geht immer um etwas.
  3. Jeder Streit ist anders.

Die Tit-for-Tat-Strategie berücksichtigt alle drei Parameter. Ehrhardt und Schneider haben daran gearbeitet, die bereits im Politik- und Wirtschaftsbereich erfolgreiche Tit-for-Tat-Strategie als Alltagstraining für die Psychotherapie „umzubauen“. Es gibt 10 Elemente im Tit-for-Tat, die als ganzheitliches System zu verstehen und zu nutzen sind. Ein nicht beachtetes Element kann die gesamte Strategie außer Kraft setzen.

Die 10 „Regeln“ der Tit-for-Tat-Strategie:

  1. „Analysiere die Situation: Handelt es sich um eine Verdrängungssituation, ist es gewollter Kampf oder das Angebot für eine Kooperation.
  2. Beginne grundsätzlich freundlich und ehrlich, sei dabei immer offen, durchschaubar und berechenbar.
  3. Dein übergeordnetes Ziel ist, dass alle Beteiligten Gewinner sind.
  4. Schlage bei Verrat sofort, aber angemessen zurück.
  5. Frage bei Vermutungen aller Art unbedingt erst einmal nach, bevor du reagierst.
  6. Entschuldige dich sofort und leiste Wiedergutmachung, wenn du selber eine Vereinbarung gebrochen hast oder irgendetwas fahrlässig oder schuldhaft zu verantworten hast.
  7. Akzeptiere die Aggressionen und Gegenaggressionen anderer.
  8. Kommuniziere sowohl das Positive der Beziehung als auch das konflikthafte der aktuellen Situation.
  9. Achte auf die langfristige Ausgeglichenheit des Verhältnisses von Geben und Nehmen.
  10. Akzeptiere, wenn ein Partner nicht Tit-for-Tat-fähig ist, und beende die Beziehung.“
    (Ehrhardt, Werner; Schneider, Thomas: Erfolgreich streiten. München: südwest 2013, S. 61)

So können sich vermeintliche GegnerInnen gegenüberstehen und dennoch gemeinsam den Konflikt aufarbeiten und im besten Fall aus dem Weg schaffen. Gut und realistisch ist auch Punkt 10, denn er bezieht mit ein, dass nicht alle Leute hinter diesem Konzept stehen müssen und sich in dieser Art der Konfliktlösung wohl fühlen. Ein Konflikt oder Streit kann auch so festgefahren sein, dass es zusammen keinen Ausweg mehr gibt und die Wege sich vielleicht schweren Herzens trennen müssen.

Es ist super spannend, was Ehrhardt und Schneider zu jeder der 10 Regeln schreiben. Und überhaupt ist das Buch absolut lesenswert, weil es vom Alltag, vom täglichen Miteinander berichtet. Man erkennt viele der beschriebenen Situationen und kann vieles im Buch „Gelerntes“ auch gleich wieder im Alltag einsetzen. So kommt man wirklich dem Ziel näher, im Streit seine Interessen befriedigt zu bekommen und dennoch allen zum gewinnen“ verholfen zu haben. Damit ist auch die Anfangsfrage geklärt: Ja, man kann erfolgreich streiten.

Interessant ist auch der Teil des Buches, in dem Ehrhardt und Schneider auf individuelle Gefühlswelten eingehen. Das entsprechende Kapitel lautet: Wie erzieht man Kinder so, dass ihre Aggressionen sich auf natürliche Weise entwickeln und ausbilden? Als positive Vorbilder liegt es an den Eltern bzw. Bezugspersonen, den Kindern zu zeigen, wie Aggressionen ausgelebt werden. Wie wird gestritten und wie wird sich entschuldigt? Was ändert sich danach? Es ist auch total legitim einfach mal wütend zu sein und auf den Tisch zu hauen. Der Knackpunkt dabei ist jedoch, sich wieder zu beruhigen und gegebenenfalls zu entschuldigen und zu sehen, was gerade passiert ist. Wut ist ok. Es bringt nichts, sich dafür zu schämen oder sie zu unterdrücken. In der Rolle als Beschützende ist es jedoch wichtig, dass Erwachsene für die Kinder da sind. Haben Kinder ihre erste Wunde oder erleben ihren ersten Streit, ist es wichtig, dass die Bezugspersonen ihnen den Rücken stärken, sie auffangen, Verständnis zeigen und trösten. Wir sind nicht immer alle stark und brauchen jemanden, an den oder die wir uns anlehnen können. Und die dritte Rolle von Erwachsenen ist es, Grenzen zu setzen. Es ist wichtig, dass das Kind in verschiedenen Situationen lernt, was Ordnung bedeutet und was Grenzen überschreitet.

Ja, auch hierzu könnte ich noch viel schreiben, aber lesen Sie das Buch doch einfach selbst. Viel Spaß dabei wünscht Christa Schäfer