Weltweit sind ca. 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Nur ein Bruchteil davon kommt nach Europa. In den vergangenen Monaten waren geflüchtete Menschen in den deutschen Medien ein großes Thema. Die Bericht erfolgen oft dramatisierend und es wurde oft der Eindruck vermittelt, dass Deutschland eines der Länder ist, das am meisten Flüchtlinge aufnimmt.

Nach Angaben des Bundesinnenministerium (BMI) kamen 2015 bis Ende September 577.000 Menschen nach Deutschland. Schätzung nach werden es in 2015 fast 1 Million Menschen sein, die hier Asyl suchen. Eine unvorstellbare Zahl von vielen vielen Einzelschicksalen.

Ein Drittel bis die Hälfte der geflüchteten Menschen sind Kinder und Jugendliche. Viele Kinder und Jugendliche kommen mit ihren Eltern und gelten dann als „Begleitete Flüchtlingskinder“. Sie werden mit ihren Familien zusammen in Gemeinschaftsunterkünften eingegliedert. Andere Kinder kommen ohne ihre Eltern und sind damit „Unbegleitete geflüchtete Kinder und Jugendliche“. In Berlin sind 2015 ungefähr 4.000 unbegleitete Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung angekommen. Ein Zahl, die schier unglaublich erscheint. Die meisten unbegleiteten Kinder und Jugendliche sind Jungen, nur ca. 5 bis 10 % sind Mädchen. Nach der Erstaufnahme bzw. einer Clearingphase kommen die Kinder und Jugendlichen in Kitas und Schulen in Berlin.

In Kitas werden die Kinder in den normalen Gruppenablauf integriert, in Schulen gibt es die sogenannten Willkommensklassen. Während es im November noch 575 Willkommensklassen gab, ist diese Anzahl in der Zwischenzeit auf 639 Willkommensklassen in Berlin angestiegen. Die Schülerinnen und Schüler lernen Deutsch und finden in diesen Klassen den Anschluss an das deutsche Schulsystem. Keine einfache Aufgabe!!

Da stellt sich die Frage, auf welchen fachlichen Hintergrund die Pädagogische Arbeit mit Flüchtlingskindern beruht und wo sich PädagogInnen Unterstützung für Ihre Arbeit holen können …

Statistisch gesehen haben 38,8% der kriegserlebten Menschen posttraumatische Belastungssymptome, und bei Kindern könnte diese Zahl noch höher sein. Das bedeutet nicht, dass alle geflüchteten Kinder ein Trauma haben – doch es macht für mich deutlich, dass es mehr Fachliteratur zu traumatisierten geflüchteten Kindern geben muss, denn da steckt die Expertise noch “in den Kinderschuhen”!

Aus diesem Grund war ich hocherfreut, das Buch “Pädagogische Arbeit mit Migranten- und Flüchtlingskindern. Unterrichtsmodule und psychologische Grundlagen” aus dem Beltz Verlag in den Händen zu halten. Sarah Inal und Hubertus Adam haben 2013 mit dieser Veröffentlichung ein Novum geschaffen – nicht nur beim Beltz Verlag.

Unterteilt ist das Buch in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Der theoretische Part umfasst Migration und Flucht, psychische Belastung und Traumatisierung sowie Kindesentwicklung und Coping. Der Praxisteil stellt Methodiken vor wie z.B. das Arbeiten mit Ritualen und Unterrichtsentwürfe für Kinder und Jugendliche. Damit bietet das Buch sowohl Theorie als auch Praxis.

Der Teil zu Traumatisierung im Kindes- und Jugendalter hat mich ganz besonders interessiert. Die Erkenntnisse waren traurig. Denn traumatisierte Erfahrungen erschüttern das Vertrauen des Kindes oder des Jugendlichen in die Welt im Allgemeinen und die Unangetastetheit der eigenen Sicherheit und psychischen Integrität. Dies kann sich weitreichend auswirken:

“Schwere Belastungen vor und nach Migration oder Flucht können die Entwicklungskontinuität einer Person unterbrechen und ihre Fähigkeit zur Alltagsbewältigung, Beziehungsaufnahme und Zukunftsplanung zerstören (…). Derartige Erfahrungen nehmen – insbesondere bei Kindern – Einfluss auf:

  • neurobiologische Prozesse: zum Teil dauerhafte Veränderungen der Regulation von Neurohormonen (z.B. Katecholamine, Serotonin, Glukokortikoide und endogene Opioide) sowie Veränderungen von Hirnstrukturen mir negativen Effekten auf das Lernen, auf die Fähigkeit, sich an etwas zu gewöhnen, auf die Fähigkeit zur Reizdiskriminierung und auf die Sprachentwicklung (expressiv und rezeptiv)
  • Prozesse der Entwicklung: Beeinflussung der psychomotorischen Entwicklung der Persönlichkeitsentwicklung
  • Prozesse in der Gestaltung von Beziehungen: Beeinflussung der Fähigkeit, mit dem Verlust, von Beziehungen umzugehen bzw. neue aufzunehmen, der Fähigkeit, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, und der Fähigkeit, Hilfe von anderen anzunehmen
  • soziokulturelle und politische Prozesse: Effekte aus dem Zusammenhalt von Gesellschaften durch ständiges Misstrauen als Folge von Gewaltherrschaft (Atomisierung der Gesellschaft)”

(Adam, Hubertus; Inal, Sarah: Pädagogische Arbeit mit Migranten – und Flüchtlingskindern. Unterrichtsmodule und psychologische Grundlagen. Weinheim und Basel: Beltz 2013 , S. 30)

Neben diesen gravierenden Prozessen gibt es aber doch auch Einiges, das Potential hat für positive und konstruktive Veränderungen, zum Beispiel ist für die Prävention von Störungen, die nach Belastungen auftreten können, die Nähe einer Bezugsperson relevant. Dabei sind intakte Familienstrukturen sowohl für die Verarbeitung der traumatisierenden Ereignisse immens wichtig als auch für den post-traumatischen Verlauf.

Wie viel mehr könnte zu diesem Buch noch gesagt werden … Doch ich hoffe, Sie versuchen es selbst einmal beim nächsten Stöbern im Bücherladen oder wenn Ihnen das Buch im Internet über den Weg läuft. Es ist für alle zu empfehlen – und natürlich ganz besonders für LehrerInnen der Grundschule und weiterführenden Schule, PädagogInnen und anderes Personengruppen, die mit geflüchteten und migrantisierten Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Ich wünsche mir in jedem Fall, dass auch über die Expertise dieser Veröffentlichung noch weitere Bücher zu ebendiesen Themen folgen werden. Nötig ist es – und “Pädagogische Arbeit mit Migranten- und Flüchtlingskindern” geht mit gutem Beispiel voran!

Viele Erkenntnisse beim Lesen
wünscht Christa Schäfer