Monster können sehr wirklich für Kinder sein. Wie oft werden sie abends beim Schlafengehen unter dem Bett vermutet. Oder hinter dem Duschvorhang, im Schrank oder im Keller … Manchmal sind die Monster für Kinder aber andere als diejenigen, von denen Erwachsene es glauben: nicht aus den Träumen und nicht einfach die Manifestation einer entwicklungsbedingten Phase, die im Alter von 2 bis 3 Jahren häufig auftritt, weil Kinder Angst haben und noch nicht zwischen Phantasie und Realität unterscheiden können. Manchmal sind die Monster so viel näher, als wir denken.

Das zeigt eine finnische Kampagne aus dem Jahr 2012. In dem von zahlreichen Preisen ausgezeichneten Video sieht man mehrere Monster aus der Perspektive der Kinder. Da taucht der Tod auf, ein Zombie und ein riesiger Hasenkopf, der Anzug trägt. Es gibt auch einen unheimlichen Clown, einen beängstigenden Weihnachtsmann und eine Person, die eine weiße furchteinflößende Maske trägt. Die Kinder starren vor sich hin, wenden den Blick ab, zucken zusammen, schauen irritiert …
… auf ihre Eltern.

Am Ende erscheint der Schriftzug: “How do our children see us when we’ve been drinking?” (Wie sehen unsere Kinder uns, wenn wir betrunken sind?) Die Kampagne ist von Fragile Childhood, einer finnischen Organisation, welche den Alkoholmissbrauch von Eltern thematisiert und betroffene Kinder und ihre Familien unterstützt. Studien zufolge wird jedes vierte Kind in Finnland durch den Alkoholkonsum seiner Eltern körperlich und/oder psychisch geschädigt. In Deutschland ist es jedes sechste Kind, das sind 2,65 Millionen Kinder. Und in dieser Zahl sind nur die amtlich erfassten Abhängigen enthalten. Sie sind also keine Ausnahme oder Randgruppe.

Um keine Missverständnisse zu erwecken – es geht nicht darum, hin und wieder mal eine Flasche Bier oder ein Glas Wein oder Sekt zu trinken. Es sind Eltern gemeint, die ein Alkoholproblem haben – vor allem aber stehen die Perspektive der (mittlerweile teilweise erwachsenen) Kinder im Vordergrund:

  • “I can remember learning in school not to drink and drive and then have to get in the car with my drunk dad after every family function.” (Alias Ano) “Ich kann mich daran erinnern, in der Schule zu lernen, nicht betrunken Auto zu fahren und dann nach jeder Familienfeier mit meinem betrunkenen Vater ins Auto steigen zu müssen.”
  • “Only at adult age I came to realise why Santa smelled funny.” (Alias A) “Erst als Erwachsene kam ich zur Erkenntnis, weshalb der Weihnachtsmann so seltsam roch.”
  • “For me it took a long time to find out why I liked my mother more in the mornings instead of evenings” (Alias Moominmamma 51 yrs) “Ich brauchte lange um herauszufinden, weshalb ich meine Mutter morgens lieber mochte als Abends.”
  • “If your kid looks at you funny the next day and you forgot what you said to him, kick the booze und love the kid.” (Alias Amanda) “Wenn dich dein Kind am nächsten Tag seltsam anschaut und du vergessen hast, was du zu ihm sagtest, tritt den Schnaps zur Seite und liebe das Kind.”

Das Video und die erwähnten Bilder und Zitate finden Sie hier …
Mehr zu Fragile Childhood …
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Nicht selten brechen Kinder aus Alkoholikerfamilien den Kontakt mit ihren Eltern oder einem Elternteil als Erwachsene ab – hier mehr über verlassende Kinder …

Doch diese sehr ernste Thematik ist nicht alles, was ich heute mit Ihnen teilen möchte. Es gibt noch deutlich mehr zu Monstern und Perspektiven zu sagen. Gerne möchte ich deshalb das das Kinderbuch “Ich komm dich holen!” vorstellen. Es wurde von Tony Ross geschrieben, heißt im Original “I’m Coming to Get You!” und erschien 2015 im Carl Auer Verlag.

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Das Buch wurde bereits 1984 mit dem Deutschen Jugendbuchliteraturpreis ausgezeichnet, war allerdings etwa 25 Jahre lang nicht mehr im Handel erhältlich. Es ist für Kinder ab 3 Jahren geschrieben und eine wahre Perle unter den zahlreichen Kinderbüchern! Zwei Handlungsstränge laufen parallel aufeinander zu: die von einem furchterregenden Ungeheuer, das Angst und Schrecken auf anderen Planeten verbreitet, und die von Tommy auf der Erde, der große Angst vor Ungeheuern hat.

Während das Monster ein Bananenvolk verspeist und den Planeten frisst (bis auf den Kern und die Pole), bekommt Tommy eine Geschichte über ein Monster vorgelesen und fürchtet sich. Das Ungeheuer im fernen All erblickt Tommy auf seinem Radarschirm und macht sich auf den Weg zur Erde, um Tommy zu holen. “Ich komm dich holen!”, brüllte es. Tommy sucht währenddessen das gesamte Haus und alle Verstecke nach Ungeheuern ab.

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Am nächsten Morgen, als Tommy nicht mehr an Monster denkt, stürzt sich das Ungeheuer mit Gebrüll auf ihn … und muss feststellen, dass es Tommy nicht einmal bis zu den Schnürsenkeln reicht!

 

 

 

 

 

 

 

Besonders lohnend sind auch die Hinweise für Eltern, Vorlesende und Erziehende am Ende des Buches. In diesen stellt der Autor die Handlung vor einen entwicklungspsychologischen Hintergrund und erklärt, wie Kinder im Spiel sinnlich reflektieren können, was sie erleben, anstatt ausgeliefert zu sein.

“In welcher Geschichte oder welchen Geschichten (es sind ja meist viele, die zur Auswahl stehen und individuell gemischt werden können) und mit welchen Rollen sich jeder von uns sieht, hängt zu einem guten Teil von der Lebensgeschichte ab und davon, wie sie erzählt wird. Auch das gilt für Erwachsene wie Kinder.” (Ross: Ich komm dich holen!)

Dieses Buch bietet einen Gesprächseinstieg, um sich mit Kindern über ihre Ängste zu unterhalten – größere wie kleinere, mehr oder weniger reale. So können Kinder u.U. thematisieren, was sonst nicht sagbar ist. Es kann auch darüber gesprochen werden, was Erwachsene tun, wenn sie Angst haben. Und es bietet einen schönen Perspektivenwechsel an: Wer ist größer, die Angst oder ich? Wie groß lasse ich meine Angst sein? “Ich komm dich holen!” ist wunderschön und witzig illustriert, mit kräftigen Farben und einzigartiger Mimik der Charaktere. Der Humor ist bezaubernd und der Blickwechsel eine Freude und Überraschung!

Um noch einmal auf das Monstervideo vom Beginn zurückzukommen – Kinder, deren Eltern (oder ein Elternteil) ein Alkoholproblem haben, können nicht einfach die Perspektive wechseln, und schon ist alles gut. Aber auch für sie geht es um Ängste und Perspektiven, und Fragile Childhood arbeitet daran (wie auch deutsche Initiativen, z.B. Nacoa), dass Kinder aus suchtbelasteten Familien Widerstandkräfte entwickeln und in die Stärkung ihrer Sichtweisen gehen können.

Ich wünsche Ihnen, Ihrem inneren Kind und all den Kindern, die Monster sehen, dass die Ungeheuer kleiner werden.
Christa Schäfer