Erziehungsmethoden haben sich massiv verändert in den letzten Jahrzehnten. Die autoritäre Erziehung und auch die antiautoritäre Erziehung wurden endlich von anderen und geeigneteren Pädagogik-Stilen abgelöst – was keineswegs bedeutet, dass nicht immer noch viele Kinder autoritär oder anti-autoritär aufwachsen.

Es gibt viele Bücher zum Thema Erziehung, es gibt Webseiten und Informationen im Internet. Dennoch gibt es weiterhin Eltern, die überfordert sind und dennoch gibt es weiterhin Eltern-Kind-Beziehungen, die misslingen. Deshalb möchte ich heute gerne über ein Buch berichten, das sich aus systemischer Sicht mit Erziehungsproblemen beschäftigt. Es heißt “Was unseren Kindern wirklich hilft. Unterstützung bei sozialen Problemen und Krankheiten”. Autor ist Thomas Schäfer, Heilpraktiker Psychotherapie mit Schwerpunkt Familienaufstellungen, im Scorpio Verlag erschien das Buch 2015.

Der systemische Blick fördert oft hilfreiche Erklärungen für Erziehungsprobleme zutage. Thomas Schäfer schärft dafür den Blick und zeigt, dass Erziehungsprobleme durch systemische Aufstellungsarbeit „gelöst“ werden können. Seine Kernthesen ist die Folgende:

“Wie gesagt, sehnen Kinder sich nach starken Eltern, die ihnen Grenzen setzen, denn Grenzen verleihen Sicherheit. Falls Eltern sich stattdessen, wie heute oft zu beobachten, ihren Kindern unterordnen, ihnen sofort jeden Wunsch erfüllen und sie wichtige Familienfragen entscheiden lassen, dann werden die Kinder psychisch unsicher. Wenn Kinder in der Schule und Elternhaus sich alles erlauben dürfen und keine Konsequenzen für problematisches Verhalten erfahren, ‘testen’ sie die Grenzen der Eltern immer intensiver und ‘brutaler’. Mit ihrer Wut ‘schreien’ sie förmlich danach, endlich starke Eltern zu haben.”   (Thomas Schäfer: Was unseren Kindern wirklich hilft, S. 79)

In diesem Zusammenhang gefiel mir diese Aussage besonders gut:

“Kinder gehören sich selbst – Eltern auch
Auf den vorangegangenen Seiten haben wir erfahren, welche Folgen es für den Einzelnen und die Gesellschaft hat, wenn Eltern sich vor Kindern kleinmachen. Damit kein falsches Bild entsteht, muss aber auch aufgezeigt werden, dass Eltern in keinster Weise über Kinder ‘verfügen’ dürfen. Kinder sind nicht der ‘Besitz’ der Eltern – sie gehören sich selbst! Umgekehrt gehören auch die Eltern in erster Linie sich selbst. Eltern haben eine Verpflichtung, ihr eigenes Leben und ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen.”   (ebenda, S. 52)

Thomas Schäfer nutzt in der Praxis seiner Familienaufstellungen Papierschreiben oder Holzfiguren. Seiner Erfahrung nach ist die systemische Arbeiten mit Menschen in einer Gruppe wesentlich intensiver als die Arbeit mit Holzfiguren. Er sagt jedoch auch, dass Kindern eine Gruppe Erwachsener nicht zugemutet werden kann. Die Einfühlung in die Holzfiguren gelingt Kindern – seiner Erfahrung nach – sehr leicht, und er fügt hinzu: “Es erübrigt sich wohl der Hinweis, dass es nie gut sein kann, wider besseren Wissens, gutgläubig und ohne eigene Prüfung dem Wort oder dem Rat eines anderen zu folgen, unabhängig davon, welche Methode er auch angewandt haben mag.”   (ebenda, S. 18)

In Bezug auf Familienaufstellungen präsentiert Thomas Schäfer überraschende Erklärungen für Probleme, mit denen sich Kinder und deren Eltern konfrontiert sehen. Folgendes kann Schäfer zufolge zum Beispiel ein möglicher familiärer Hintergrund zu sozialer Isolierung im Schulkontext sein:

“Wenn Kinder in der Schule Mobbingopfer werden, sieht man in den Familien verschiedene Hintergründe. Am häufigsten erlebe ich, dass das Kind ständig zwischen den Eltern ‘vermitteln’ muss. Auf diese Weise wird es ‘groß’ und mutiert zum ‘Schiedsrichter’. Im Kindergarten und dem Klassenverband wird dem Kind sehr schnell auf unangenehme Weise gezeigt, dass es hier nicht mehr allen anderen sagen kann, wo es langgeht.
‘Moderator’ der elterlichen Beziehung zu sein ist eine Überforderung des Kindes und bringt es in falsche Rollenbilder. Eltern sollten ihre Probleme allein oder mit Unterstützung eines professionellen Helfers lösen, nicht mithilfe des Kindes.”   (ebenda, S. 82)

Auch zur extremen Wut eines Kindes führt Schäfers überraschender Blick:

“Oft hat die Kinderwut mit der Dynamik zwischen den Eltern und ihrem ‘Vorleben’ zu tun. Wie wir in den Abschnitten über Neurodermitis, Asthma und Allergien noch sehen werden, können sich Kinder, die mit einem früheren Partner der Eltern verbunden sind, dem gleichgeschlechtlichen Elternteil oft nicht richtig öffnen. Hat beispielsweise ein Mann seine frühere erste Freundin geschwängert und dann sitzengelassen, wird oft eines seiner Kinder (aus der späteren Beziehung) genau diese Wut der Fremden übernehmen und sie den Eltern gegenüber ausdrücken. Die Wut wird aufgelöst, indem der Vater sich seiner früheren Beziehung stellt und Verantwortung übernimmt. Das Kind braucht dann nicht mehr die Wut der früheren Freundin des Vaters auszudrücken.”   (ebenda, S. 77)

Als letztes Beispiel möchte ich auf Kontaktabbruch zwischen Kindern und Eltern eingehen. Hierzu steht im Buch:

“Erwachsen gewordene Kinder brechen nicht selten den Kontakt zu ihren Eltern ab, wenn diese sie sexuell oder ‘energetisch’ missbraucht haben. Unter ‘energetischem Missbrauch’ verstehe ich den Umstand, dass Eltern ihr Kind als ‘Ersatzpartner’ benutzen und über das Kind ihren Selbstwert definieren. Kinder nehmen auch von ihren Eltern Abstand, wenn diese ihnen gegenüber gewalttätig waren oder ihnen den anderen Elternteil vorenthalten haben. […]
Wenn Kinder sich jedoch entschlossen haben, die Eltern zu hassen und ihnen den Tod zu wünschen, müssen Eltern Abstand von den Kindern halten. Sie können der freiwilligen Entscheidung der Kinder nur zustimmen, so schmerzhaft es auch sein mag. […]
Kinder brechen den Kontakt zu Eltern oft auch ab, wenn diese sich zu sehr in ihr Leben eingemischt haben und sie ihnen etwas nicht verzeihen können. Eine Tochter brach den Kontakt zu den Eltern als Neunzehnjährige ab, nachdem diese sie mit siebzehn Jahren zu einer Abtreibung gezwungen hatten. Die Tochter konnte den Eltern das nicht verzeihen.“   (ebenda, S. 84-85)

Das Buch zeigt, wie Familiensysteme wirken und was eine „richtige“ Haltung gegenüber Kindern aber auch gegenüber Eltern bewirken kann. Ich hoffe, dass ich Sie neugierig machen konnte. Herzliche Grüße, Ihre Christa Schäfer

Hier können Sie mehr lesen über den Kontaktabbruch von erwachsenen Kindern zu ihren Eltern. Und hier der Hinweis zu einem weiteren praktischen Erziehungsratgeber und zum Thema Aggression von Kindern und Jugendlichen: Wenn Lukas haut