Manche Themen polarisieren. Eines von ihnen ist meiner Erfahrung nach das Aufwachsen von Kindern ohne einen Elternteil – in den meisten Fällen ohne den Vater. Ob und inwieweit dies dem betreffenden Kind schadet, ist Gegenstand hitziger Diskussionen – privat, in Studien, bei PolitikerInnen, medial, in Verbänden. Während die einen sagen, dass Kinder in jedem Fall beide Eltern brauchen, vertreten andere den Standpunkt, dass es für Kinder besser ist, ohne einen Elternteil aufzuwachsen – wenn bestimmte Problematiken vorliegen, die den Kindern schaden.

Heftig wird auch gestritten über das Sorgerecht, von Elternteilen, die sich getrennt haben oder im Familiengericht. Oft geht es darum, wer die “Schuld” trage. Männerrechtsgruppen sehen sich als Opfer ihrer Ex-Partnerinnen, die ihnen ihre Kinder vorenthalten wollten. Verbände weisen darauf hin, dass es oft gute Gründe hat, wenn Frauen den Kontakt zwischen Ex-Partner und Kind(ern) ablehnen, wie zum Beispiel häusliche oder sexualisierte Gewalt in der Familie. Manche Kinder machen ihren Müttern später Vorwürfe, dass sie den Kontakt mit den Vätern unterbanden; andere erheben Vorwürfe, weil sie es als destruktiv erlebten, der Beziehung zum Vater ausgesetzt zu sein. So oder so: Zwei Millionen Kinder in der Bundesrepublik wachsen ohne ihren Vater auf. Die Gründe dafür sind vielfältig und komplex. Der zahlenmäßig häufigste Grund für die väterliche Abwesenheit im Leben der Kinder ist, dass sich ein Großteil der Väter nicht um die Kinder kümmert (keinen Kontakt aufnimmt, hält, kein sichtbares Interesse zeigt). Die Frage lautet: WARUM?

Eben diese Frage stellt sich auch Jeannette Hagen in ihrem Buch “Die verletzte Tochter. Wie Vaterentbehrung das Leben prägt”, 2015 im Scorpio Verlag erschienen. Sie erzählt autobiographisch ihre Geschichte und verknüpft diese mit Sachinformationen zu von Vätern verlassenen Kindern.

Jeanette Hagen wuchs mit Vater und Mutter auf. Sie war neun Jahre alt, als ihre Cousinen ihr sagten, dass ihr Vater nicht “ihr richtiger Vater” sei. Dieser Moment veränderte ihr Leben. Sie fühlte sich ungewollt und schuldig. Die Frage beschäftigte sie, ob es nicht an ihr liege, wenn ihr Vater den Kontakt zu ihr ablehnte. Ihr Selbstbewusstsein litt darunter sowie auch ihre Beziehungen. Ich möchte einige Stellen aus dem Buch mit Ihnen teilen, die mich zum Nachdenken angeregt haben.

In dem Kapitel “Wohin mit der Wut?” beschreibt Hagen, wie sich für sie mit der Lüge über ihre Herkunft die Frage stellte, ob sie überhaupt noch vertrauen könne. Der Betrug stellte alles in Frage:

“Vertrauen war nicht mehr möglich, was dazu führte, dass sich mein Alltag manchmal wie ein Tanz auf dünnem Eis anfühlte. Zum Vertrauensverlust gesellte sich zwangsläufig Wut, die sich natürlich einen Kanal suchen will. Ich hatte das Problem, dass ich die Wut aufgrund meiner Verlustangst nicht nach außen richten konnte. Also richtete ich sie gegen mich. Die Tatsache, dass offenbar mit zweierlei Maß gemessen wurde, dass man mich für meine Lügen bestrafte, die Erwachsenen aber nicht, brachte mein Bild über Gerechtigkeit nachhaltig ins Wanken.”   (Hagen: Die verletzte Tochter, S. 33)

An einer anderen Stelle wird in dem Buch die Frage aufgeworfen, ob Vaterentbehrung ein Trauma sei. Sie kommt zu dem Schluss, dass Vaterentbehrung sich in das Konzept der Traumatheorie einreihen lasse. Somit stände sie in einer Reihe mit anderen Erfahrungen, die abrupt und nachhaltig das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen unterbrechen. Dies löse Gefühle von Hilflosigkeit und Wut aus, welche den Umgang einer Person mit Stress grundlegend beeinflussen könne. Darüber hinaus verändere sich das Bild von der Welt fundamental und beeinträchtige das Selbstbewusstsein von Menschen empfindlich.

In dem Kapitel “Viele Mosaiksteine ergeben das Bild” konstatiert Hagen, dass der abwesende oder fehlende Vater nur ein Baustein in einem vielschichtigen Bild sei. Dennoch stelle seine Abwesenheit einen entscheidenden Einfluss auf bestimmte wesentliche Häufungen von Problemen dar. Hagen schreibt zu der Verarbeitung dieser Erfahrung:

“Entscheidend für die Verarbeitung der Vaterentbehrung ist neben dem Umfeld und anderen Erfahrungen vor allem, wie die Mutter oder andere Angehörige über den Vater sprechen, und ob das, was das Kind hört, auch mit seiner Wahrnehmung und seinem Erleben übereinstimmt. Kinder haben sehr feine Antennen und leiten sehr viel ab aus dem, was sie sehen und intuitiv wahrnehmen. Stimmt das, was über den Vater erzählt wird, nicht mit dem überein, was das Kind aus Gebärden, aus der Körpersprache und den ‘Schwingungen’ entnimmt, dann führt das zu Irritationen. Diese schreibt das Kind aber nicht den Erwachsenen zu, denn diese haben ja die ‘Wahrheitshoheit’. Nein, es zweifelt an seiner eigenen Wahrnehmung.”   (ebenda, S. 5)

Nicht nur Eltern verlassen ihre Kinder. Manchmal gehen auch (erwachsene) Kinder aus dem Leben ihrer Eltern. Mehr dazu in dem oft kommentierten Blogartikel Wenn Kinder den Kontakt abbrechen.

Ich kann mir vorstellen, dass auch das Buch „Die verletzte Tochter“ das Potential zum Polarisieren hat. Jeannette Hagen stellt die Situation dar, als Kind von ihrem Vater verlassen worden zu sein. Es gibt jedoch auch erwachsene Kinder von abwesenden Vätern (und seltener Müttern), die dies nicht als großes Problem in ihrem Leben betrachten, die sagen, dass ihnen nichts fehle, und es besser war, keinen Vater in ihrem Leben zu haben als einen “schlechten”. Und es gibt andere Kinder (jüngere wie auch erwachsene), welche schreckliche Erfahrungen mit ihren Vätern (oder Müttern) gemacht haben und sich gewünscht hätten, ohne diese aufzuwachsen; und es gibt Erwachsene, die sagen, dass die Anwesenheit ihrer Eltern (oder einem Elternteil) ihr Leben zerstört habe oder ihnen ein glückliche Kindheit in jedem Fall überaus schwer gemacht haben.

Vielleicht ist es gut zu sehen, dass es nicht ein Entweder-Oder sein muss, sondern dass es ein breites Spektrum gibt an Möglichkeiten, und dass die einen Erfahrungen nicht gegen die anderen aufgewogen werden können; dass alle stehen bleiben dürfen und ihre Berechtigung haben. So machen die guten Erfahrungen, die Kinder ohne Vater hatten, nicht die Trauer wett ohne Vater aufgewachsen zu sein; und umgekehrt empfinden nicht alle ohne Vater aufgewachsenen Kinder gleich. Und dann gibt es auch Familien, die nicht aus Vater und Mutter bestehen, sondern in denen andere Modelle gelebt werden. Wichtig ist meiner Ansicht nach weniger die entsprechende Familienkonstellation, sondern ob die Kinder Liebe, und Aufmerksamkeit erhalten.

In jedem Fall beleuchtet Hagen ein wichtiges Thema, das kein Einzelschicksal ist, und sie tut dies auf eine sehr persönliche und berührende Art und Weise. Sie ist dabei selbstkritisch und reflektiert von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Neben der spannend geschriebenen eigenen Geschichte präsentiert sie Theorien, Fakten und Erkenntnisse durch sorgfältige Recherche. Damit ist das Buch nicht nur autobiographisch ansprechend, sondern auch ein überaus informatives Sachbuch.

Lesen Sie hier einen Zeitungsarikel über Jeannette Hagen und verlassene Kinder.

Eine gute Woche
wünscht Christa Schäfer