Immer wieder gibt es Schlagzeilen über Gewalt im öffentlichen Raum in Berlin. Gerade heute ist wieder in den Nachrichten zu hören und zu lesen, dass ein 26jähriger junger Mann mit seinem 18jährigen Begleiter vor einem Supermarkt in Neukölln von einer 15köpfigen Gruppe junger Männer angegriffen und niedergestochen wurde.

Nicht selten haben mir schon Menschen aus anderen Städten gesagt, dass sie durch solche Nachrichten Angst davor hätten, Berlin zu besuchen oder sich nicht vorstellen können, dort zu leben. Berlin ist laut Kriminalstatistik 2014 hinter Frankfurt/M. und Köln die drittgefährlichste Stadt Deutschlands. Andererseits erzählen mir Bekannte auch immer wieder von massiver Gewalt in kleineren Städten oder Dörfern – nur kommt dies seltener in die bundesweiten Nachrichten …

Gewalt ist also leider alltäglich. Sie ist nicht unbedingt zufällig, und es sind keine individuellen Ausraster von besonders gewalttätigen Einzelpersonen, wie es medial oft suggeriert wird. Rassistische Gewalt beispielsweise ist massiv, und seit Jahresbeginn verging fast kein Tag, an welchem kein Geflüchtetenheim angegriffen wurde. Darüber hinaus gab es im Jahr 2015 320 rechte und/oder rechtsextrem motivierte Angriffe auf Angehörige von Minderheiten und politische GegnerInnen – das ist ein Anstieg von 80 % zum Vorjahr …

Häusliche Gewalt betrifft jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben, schwere sexualisierte Gewalt jede fünfte bis siebte Frau in Deutschland. Bei Frauen ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie von einer ihr bekannten Person angegriffen werden (meist von Partner, Ex-Partner usw – und zu Hause), während bei Männern die Wahrscheinlichkeit größer ist, im öffentlichen Bereich von einer/mehreren unbekannten Person(en) angegriffen zu werden. Und oftmals verhält es sich so, dass es Menschen gibt, welche die Gewalttat mitbekommen, aber nicht eingreifen (sowohl im öffentlichen Bereich wie auch NachbarInnen in Bezug auf häusliche Gewalt). Es gibt zahlreiche Beispiele aus dem Leben und auch viele soziale Experimente dazu. Hier der Link zu einem Experiment, die mangelnde Unterstützung für angegriffene Frauen betreffend …

Meistens haben die Umstehenden laut eigener Aussage Angst, dass ihnen selbst etwas zustoßen könnte. Und diese Angst ist nicht ganz unberechtigt. Der Tod der Studentin Tuğçe Albayrak im November 2014 ist nur ein Beispiel von vielen, wie solidarische Menschen oftmals selbst Gewalt erfahren, wenn sie andere vor eben dieser beschützen wollen.

Wie also Zivilcourage zeigen, ohne selbst zum Opfer zu werden?
Vor kurzem las ich ein Buch, das sich genau mit diesem Thema beschäftigt. Es heißt “Nutze deine Angst. Wie wir in Gewaltsituationen richtig reagieren”, von Ralf Bongartz geschrieben, erschienen 2013 bei Fischer.

Das Buch greift viele wichtige Themen auf: Wie eine Situation richtig erkannt werden kann; welche Handlungsstrategien es gibt; sexuelle Gewalt und andere extreme Gewalt, sowie Selbstbilder. Im ersten Kapitel beschäftigt sich Bongartz ausführlich mit der Frage, weshalb Menschen nichts unternehmen, wenn sie erleben, wie jemand anderem Gewalt zugefügt wird. Darauf werde ich hier näher eingehen, weil dies in so vielen Momenten Betroffenen Unterstützung gegeben hätte – denn viele Menschen, die zu Opfer wurden, sagen, dass nicht die Tat an sich das Schlimmste gewesen sei, sondern dass niemand der Umstehenden eingegriffen und ihnen geholfen habe.

Bongartz’ These lautet, dass es nicht allein Angst sei, die am Eingreifen hindere, da Menschen sich in kontrollierte Gefahrensituationen begeben wie Bungee-Jumping, die Besteigung von Mont Blanc, das Lesen eines Thrillers, oder sich den “Tatort” anzusehen. Vielmehr seien es die unkontrollierten Reaktionen, welche die Angst in Menschen auslöse, so dass es schwerfalle, in Grenzsituationen dem Impuls zu folgen, Hilfe zu leisten. Diese Reaktionen werden von Bongartz “Fallstricke” genannt, und er stellt die vier folgenden vor: Territorium und Stammesbewusstsein; Abgabe von Verantwortung; die Angst vor Fehlern; die Angst, verletzt zu werden.

Zu territorialem Verhalten schreibt er:
“Territoriales Verhaten […] führt dazu, dass wir nur das zu verteidigen bereit sind, was wir als mein bezeichnen. Es bezieht sich nicht nur auf Orte, sondern auf alle Menschen und Dinge, die wir als uns zugehörig begreifen: Mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Kinder, meine Familie, meine Schule, meine Mannschaft, mein Berufsstand, aber auch: mein Glaube, mein Ansehen etc. Aber meine Mitmenschen? Das sagt fast niemand. Es sei denn, man ist durch eine bestimmte Rolle oder eine politische oder religiöse Überzeugung dazu verpflichtet […]” (Bongartz, Ralf: Nutze deine Angst, S. 27)

Eine Kernaussage zu “Abgabe von Verantwortung” ist folgende:
“Werden Menschen Zeugen von Gewaltsituationen, denken sie häufig: Andere sind näher dran als ich selbst. Dahinter steckt die Vorstellung, dass diejenigen, die näher am Geschehen sind, auch über bessere Informationen verfügen. Daraus ziehen erstere den Schluss, dass die Situation nicht so schlimm sein kann. Denn sonst würden die anderen ja einschreiten. Das Nichthandeln, Wegsehen oder Weitergehen der Person vor mir ist dann meine Legitimation, selbst auch untätig zu bleiben. Oft entsteht so eine Kettenreaktion: Wenn der, der am nächsten dran ist, nicht handelt, wird der, der amzweitnächsten dran ist, auch nicht handeln. Und so fort. Die kollektive für Situationen sinkt deutlich, und die Täter haben freie Bahn.” (Ebenda, S. 32)

Auch die Angst vor Fehlern wird von Bongartz beleuchtet als Grund des Nicht-Eingreifens. Er konstatiert:
“Die Angst, Fehler zu machen, spielt […] in Grenzsituationen eine Rolle, vor allem dann, wenn sie, wie in der U-Bahn, zunächst uneindeutig erscheinen. Sie führt dazu, dass Menschen zögern einzugreifen, weil sie sich nicht lächerlich machen wollen. Sie fürchen Scham, Niederlagen, Kontrollverlust. […] Um die Angst vor Fehlern zu überwinden, brauchen wir eine Veränderung der inneren Haltung. Sich lächerlich zu machen oder Fehler zu machen ist menschlich. Es bedeutet nichts anderes, als dass man gerade dabei ist, etwas zu lernen. […] Fast alles ist besser, als nichts zu tun!” (Ebenda, S. 33-34)

Zuletzt schreibt Bongartz über die Angst verletzt zu werden:
“In einer Atmosphäre von Angst und Unsicherheit ist die größte Hürde, die wir überwinden müssen, bevor wir konstruktiv handeln können, die Angst, verletzt oder getötet zu werden. In Grenzsituationen wird sie schlagartig in uns präsent und aktiviert all jene negativen Phantasien, die wir aus der Presse oder der Unterhaltungsindustrie kennen. Dass Gewalttaten mit Todesfolge die absolute Ausnahme sind, die Anzahl gefährlicher Körperverletzungen statistisch gesehen abnimmt und der Täteranteil an jungen Männern ebenfalls jedes Jahr sinkt, ist so gut wie unbekannt. […]
Nichtsdestotrotz können wir auch in Grenzsituationen unterscheiden zwischen der Angst, die uns wachsam macht und körperlich aktiviert, und jener Angst, die uns lähmt und ‘klein werden lässt’. Letztere ist gefährlich und kann zu Panik führen, erstere zu gesteigerter Aufmerksamkeit, präziserer Wahrnehmung und erhöhter körperlicher Leistungsfähigkeit. Daher verstehe ich die Angst in erster Linie als Energie, die man zum Vorteil nutzen kann. (Ebenda, S. 34-35)

Würden Sie die Polizei rufen, wenn Sie eine eskalierende Situation miterleben? Wenn ja, ist das prima. Doch was ist, wenn die Polizei selbst der Angreifer ist? Auch diese Erfahrung gibt es, insbesondere für schwarze Menschen und People of Color, und auch in Berlin. Am Morgen des 2. September 2013 Nähe des Görlitzer Parks in Berlin sahen PassantInnen, wie zwei schwer betrunkene weiße Männer einen schwarzen Mann körperlich angriffen. Sie gingen von einem rassistischen Angriff aus und wollten die Polizei rufen. Daraufhin zückten die weißen betrunkenen Männer ihre Dienstmarken und gaben sich als Polizisten zu erkennen – und schlugen weiter auf den Mann ein. So der Bericht einer Berliner Zeitung. In den USA erschießt die Polizei im Durchschnitt alle 28 Stunden eine schwarze Person.

Zum Abschluss bleibt zu sagen:
Ralf Bongartz hat einen wichtigen Ratgeber zum Thema Gewalt im öffentlichen Raum geschrieben. Das Buch “Nutze deine Angst” gibt gute Tipps und bleibt aufgrund des Thema lange in Erinnerung. Es enthält viele praktische Vorschläge dafür, wie es möglich ist, dass Gewaltsituationen gar nicht erst entstehen können, oder dass sie zumindest nicht eskalieren bzw. glimpflich ablaufen. Realistische Situationen aus dem Alltag werden beschrieben und analysiert. Und vor allem: Einige Personen berichteten bereits, dass ihnen dieses Buch Angst vor bedrohlichen Situationen nahm – und das ist doch schon viel wert!

Wenn Sie mehr darüber lesen wollen, wie Sie Zivilcourage zeigen können, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben, lesen Sie hier weiter zu Tipps zur Zivilcourage …

Und der Hinweis zu einem Film über Zivilcourage …

Auf dass Sie immer sicher an Ihr Ziel kommen …
Christa D. Schäfer