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Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Author: Christa Schäfer (Page 2 of 81)

Krisenkommunikation – die neue Ausgabe der Zeitschrift “Die Mediation”

Das neue Heft der (Wirtschafts-)Mediation ist da – die erste Ausgabe in diesem Jahr. Genau genommen wurde “Die Wirtschaftsmediation” umbenannt in “Die Mediation”. Dieser Titel bzw. die Änderung zeigt, dass die außergerichtliche Konfliktlösung demnächst in ihrer gesamten Breite dargestellt werden soll. Herzlichen Glückwunsch und gutes Gelingen von mir zu diesem Schritt der Neuausrichtung der Zeitschrift !!

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Sprechsport zu Ostern

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Ostern ist Hasenzeit!

Und ohne noch mehr Worte zu verlieren:

 

 

Scan eines Reprints von Gustav Süs

Fabel: Der Hase und der Igel

Der Hase und der Igel, die schlossen eine Wett’,
wer schneller wohl könnt’ laufen und wer mehr Puste hätt’.
Am nächsten Morgen frühe, da sollt’ der Wettlauf sein,
vorm Tor von Buxtehude, wohl über Stock und Stein.
Der Has’ sprang aus dem Startloch und stürzte blindlings los,
er rannte wie ums Leben, in Sätzen riesengroß.

Durch Klee und Kartoffeln
mit flinken Pantoffeln,
durch Kohl und Karotten
mit fliegenden Zotten,
durch Rüben und Roggen
mit sausenden Socken,
durch Felder und Koppeln
und Dornen und Stoppeln,
ein Laufen und Wetzen,
ein Schnaufen und Hetzen
und immer nicht eilig genug.

Am Ziele angekommen, wischt’ er sich Aug’ und Ohr:
Da saß doch schon der Igel und grunzt’: “Ick bün all dor!”
Nur Stacheln sah der Hase, nur Stacheln grau in grau.
Dabei ist ihm entgangen: Das war des Igels Frau!
Der Hase keuchte wütend: “Du hattest diesmal Glück!
Nun bleibt dir keine Chance. Auf geht’s, die Bahn zurück!”

Durch Dornen und Stoppeln
und Felder und Koppeln,
mit sausenden Socken
durch Rüben und Roggen,
mit fliegenden Zotten
durch Kohl und Karotten,
mit flinken Pantoffeln
durch Klee und Kartoffeln,
ein Laufen und Wetzen,
ein Schnaufen und Hetzen
und immer nicht eilig genug.

Am Ziel erschrak der Hase und wischt’ sich Aug’ und Ohr:
Da saß doch schon der Igel und grunzt’: “Ick bün all dor!”
Nur Stacheln sah der Hase, die blickt’ er ratlos an,
dabei ist ihm entgangen: Das war der Igelmann!
Der Has’ konnt’ nicht ertragen, dass man ihn überbot.
Er lief noch viele Male und hetzte sich zu Tod!

Durch Klee und Kartoffeln
mit flinken Pantoffeln,
durch Kohl und Karotten
mit fliegenden Zotten,
durch Rüben und Roggen
mit sausenden Socken,
durch Felder und Koppeln
und Dornen und Stoppeln,
ein Laufen und Wetzen,
ein Schnaufen und Hetzen,
zurück durch die Stoppeln
und Felder und Koppeln,
mit sausenden Socken
durch Rüben und Roggen,
mit fliegenden Zotten
durch Kohl und Karotten,
mit flinken Pantoffeln
durch Klee und Kartoffeln,
ein Laufen und Wetzen,
ein Schnaufen und Hetzen …
Padauz! Jetzt hatt’ er genug!

Die Igel aber lachten, gestreckt ins Sonnenbad:
“So geht’s halt, wenn es einer nur in den Beinen hat.
Wer sich aufs kühle Köpfchen und heißen Tee versteht,
der weiß, wie er zum Ziele auf kurzem Wege geht!”

(Winter, Georg und Puchalla, Dagmar: Sprechsport. Mit Aussprache, Ausdauer- und Auftrittstraining, S. 236 – 237)

Dieses Gedicht stammt aus dem Buch Sprechsport. Mit Aussprache, Ausdauer- und Auftrittstraining” von Georg Winter und Dagmar Puchalla, in der zweiten überarbeiteten und erweiterten Auflage 2015 im Beltz Verlag erschienen.

Die Geschichte vom Hasen und dem Igel ist ein volkstümlich überliefertes Märchen, zuerst 1840 von Wilhelm Schröder im Hannoverschen Volksblatt veröffentlicht und dann 1843 von den Gebrüdern Grimm in die Kinder- und Hausmärchen aufgenommen.

Schröder lässt die Geschichte auf der Buxtehuder Heide stattfinden. Und tragisch endet sie, die Geschichte von dem Igel (dem “kleinen Mann”, der in der Nähe seines Hauses die Rüben verspeist und sie darum auch als die seinen betrachtet) und dem Hasen (einem feinen Herr, der grausam hochfahrend ist) – kurz: dem schlauen Bauern und dem unsympathischen Großgrundbesitzer im schönen Buxtehude.

Jetzt aber ein weiterer Aspekt: Hätten Sie gewusst, dass in der obigen Reim-Fabel ganz oft das Endungs-E vorkommt und dies kein vollstimmiger Vokal ist, sondern ein schwachtoniger Laut? Ich nicht – bis zum Durchstöbern des Buches „Sprechsport“! Und das Gedicht ist nur eines von sehr vielen (meistens deutlich kürzeren), die das Buch bereithält. Es sind Übungen zum Aussprechen, zum Laute bilden und für die klare Artikulation. Zungenbrecherische Übungen und Gedichte, die Spaß machen und mit denen sich Aussprache und Stimme leicht trainieren lässt. Darüber hinaus gibt es viele Tipps für die Körperhaltung, Körpersprache, für die Stimme, den Atem sowie zumThema Emotionen wie auch Stress.

Gerade auch bei der Mediation kommt es auf die Stimme an. Daher ist es in jedem Fall vorteilhaft, die eigene Stimme immer wieder und ausdauernd zu trainieren. Dieses Buch bietet einen guten und humorvollen Ansatz dazu und ist darum wärmstens zu empfehlen.

Frohe Ostern wünscht Ihnen
Christa Schäfer

Kinder können sich nach der Trennung ihrer Eltern nicht zweiteilen – und das sollen sie auch nicht

“Das doppelte Lottchen” von Erich Kästner erschien 1949 und war eines der ersten, welches Scheidung thematisierte und die Perspektive von Kindern darauf in den Mittelpunkt rückte. In einer Szene des Buches sagt Lottes Lehrerin zu Frau Körner (Luises und Lottes Mutter), dass verheiratete Frauen ihre Männer zu wichtig nähmen. Dabei sei nur eines wesentlich: das Glück der Kinder! Worauf Frau Körner antwortet: “Glauben Sie, dass meine Kinder in einer langen, unglücklichen Ehe glücklicher geworden wären?”

Fast siebzig Jahre später ist ebendiese Frage noch immer brandaktuell. Nicht nur in Online-Foren gibt es hitzige Diskussionen darüber, was gut für Kinder ist, wie schmerzhaft eine Trennung ihrer Eltern, ob Scheidungskinder anders durch das Leben gehen und Beziehungen führen als Menschen, deren Eltern zusammenbleiben, und natürlich – wie sich Eltern nach der Trennung verhalten sollten, wer die “Schuld” trägt am Nicht-Kontakt zwischen einem Elternteil und den Kindern usw.

Ich möchte für diesen Zusammenhang ein Buch vorstellen, das sich an Väter richtet und dafür plädiert, dass diese Verantwortung für ihre Kinder übernehmen – auch nach der Trennung. Das Buch heißt “Stark und verantwortlich – Ein Ratgeber für Väter nach Trennungen”, ist von den Autoren Eberhard Schäfer und Marc Schulte geschrieben und erschien als 3. Auflage 2015 im Pinguin Druck.

Dies Buch bedient keine maskulinistischen Väterrechtsnarrativen. Die Autoren machen immer wieder klar, dass es um Wege der Verständigung und Kooperation mit der Mutter der Kinder geht und nicht um einen Krieg um die Kinder – es ist also kein Ratgeber gegen Mütter! Sehr gut fand ich, dass die Interessen von Kindern immer wieder in den Mittelpunkt gestellt werden und es nicht in erster Linie um die Kränkung des Vaters in seiner Beziehung geht, sondern darum, wie ganz praktisch der Kontakt zwischen den Eltern aussehen sollte und was sich Kinder von ihren getrennten Eltern wünschen.

Die Autoren stellen zunächst verschiedene Modelle vor, die Familien leben können nach einer Trennung: das Residenzmodell, das Doppelresidenzmodell/Wechselmodell, das Nestmodell oder die Familien-WG. Das Residenzmodell bezeichnet, dass das Kind/die Kinder hauptsächlich bei einem Elternteil (i.d.R. der Mutter) leben und jedes zweite Wochenende beim anderen; Feiertage werden aufgeteilt. Das Doppelresidenzmodell/Wechselmodell dagegen sieht vor, dass das Kind/die Kinder z.B. eine Woche beim einen, die andere Woche beim anderen Elternteil leben. Beim Nestmodell wohnen die Kinder an einem festen Lebensort (dem “Nest”), und die getrennten Eltern nutzen dieses abwechselnd mit den Kindern. Zuletzt wird eine Familien-WG vorgestellt, in der die Eltern mit den Kindern zusammen wohnen, aber getrennt sind, das Ganze funktioniert wie in einer WG. Das Buch macht auch Vätern Mut, die in anderen Städten als ihre Kinder wohnen, und es wird gezeigt, dass viele Kinder mit Bahn, Bus oder Flugzeug reisen, um das eine Elternteil zu sehen, und dass Kontakt auch über räumliche Distanz gehalten werden kann.

Wie erwähnt, stehen die Kinder in diesem Ratgeber im Mittelpunkt. Dazu folgenden Ausschnitt:

“Das Kind im Blick: Was mildert die Zerissenheit des Kindes?
Trennungen gehen an Kindern nicht spurlos vorüber. 70 Prozent aller Kinder zeigen psychische Reaktionen auf die Trennung ihrer Eltern. Hier einige Zahlen zu den kurz- und mittelfristigen Auswirkungen von Trennungen auf Kinder:
37 Prozent reagieren mit depressivem Verhalten, Ängsten und schlechteren Schulleistungen,
20 Prozent reagieren mit psychosomatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, chronischen Magen-und Darmstörungen oder Hautausschlag,
13 Prozent reagieren mit aggressivem Verhalten, Wutanfällen und Lügen,
30 Prozent aller Kinder zeigen keine sicht- oder messbaren Reaktionen auf die Trennung der Eltern.

Wenn es den Eltern nach der Trennung gelingt, ein gutes Elternteam zu bleiben bzw. zu bilden und sich gemeinsam um ihre Kinder zu bemühen, verschwinden diese Folgen meist innerhalb eines Jahres. Kinder können sich relativ rasch auf die neue Situation einstellen, vorausgesetzt, den Eltern gelingt es, ein neues Miteinander zu finden. Das Drama vieler Kinder ist nicht, dass Mama und Papa sich als Paar trennen, sondern, wenn in Folge der Trennung ein Elternteil sich von den Kindern zurückzieht oder vom anderen Elternteil herausgedrängt wird – und wenn die Eltern im Streit verharren.

Für ihr Kind wirkt es entlastend, wenn es erlebt, dass seine Eltern sich nicht seinetwegen streiten, dass sie respektvoll miteinander umgehen und sich darum bemühen, dass es dem Kind gut geht.”   (Schäfer, Eberhard & Schulte, Marc: Ein Ratgeber für Väter nach Trennungen, S. 61)

Ganz besonders berührend fand ich die “Zwanzig Bitten von Kindern an ihre getrennten Eltern”. Einige davon möchte ich hier mit Ihnen teilen:

1. Vergesst nie: Ich bin das Kind von euch beiden. Ich habe zwar jetzt einen Elternteil, mit dem ich vielleicht öfter zusammen bin und und der die meiste Zeit für mich sorgt. Aber ich brauche den anderen genauso.
2. Fragt mich nicht, wen von euch beiden ich lieber mag. Ich habe euch beide gleich lieb. Macht den anderen also nicht schlecht vor mir. Denn das tut mir weh.
4. Redet miteinander wie erwachsene Menschen. Aber redet. Und benutzt mich nicht als Boten zwischen euch – besonders nicht für Botschaften, die den anderen wütend oder traurig machen.
5. Seid nicht traurig, wenn ich zum anderen gehe. Der, von dem ich weggehe, soll auch nicht denken, dass ich es in den nächsten Tagen schlecht habe. Am liebsten würde ich ja immer bei euch beiden sein. Aber ich kann mich nicht in zwei Stücke reißen – nur weil ihr unsere Familie auseinandergerissen habt.
8. Gebt mich nicht wie ein Paket vor der Haustür des andern ab. Bittet den anderen für einen kurzen Moment rein und redet darüber, wie ihr mein schwieriges Leben einfacher machen könnt. Wenn ich abgeholt oder gebracht werde, gibt es kurze Momente, in denen ich euch beide habe. Zerstört das nicht dadurch, indem ihr euch anödet oder zankt.
13. Einigt euch fair übers Geld. Ich möchte nicht, dass einer von euch viel Geld hat – und der andere ganz wenig. Es soll euch beiden so gut gehen, dass ich es bei euch beiden gemütlich habe.   (ebenda, S. 61 f.)

Um noch einmal auf Erich Kästner zurückzukommen, in seiner Autobiographie „Als ich ein kleiner Junge war” beschreibt er, wie er als Kind vor der Bescherung an Weihnachten Angst hatte. Seine Eltern waren zwar nicht getrennt, aber in ihrer Liebe zu ihm waren sie aufeinander eifersüchtig, und sie versuchten sich in den Geschenken für ihn gegenseitig zu überbieten. Er musste immer bedacht sein, beide Elternteile gleich glücklich anzulächeln, obwohl ihm eher zum Weinen war. Kästner schreibt, wie er als Kind im ewigen Pendelverkehr zwischen seinen Eltern stand, sich zur rechten und linken Tischhälfte hin gleich freuen musste, nirgends zu lange, nirgends zu flüchtig.

Nun spielten sich die beschriebenen Szenen zwar im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ab. Aber als ich den “Ratgeber für Väter nach Trennungen” las – insbesondere die 20 Bitten an Eltern – , da dachte ich, dass sich manches eben doch nicht so schnell ändert wie es erforderlich wäre. Das heißt – geändert hat sich bei vielen getrennten Familien schon einiges. Aber das geht eben nicht automatisch! Dafür müssen Eltern zunächst erkennen, dass ihr Verhalten gegen ihre/n (Ex-)PartnerIn auch ihre Kinder verletzt, anschließend folgt die Einsicht der Änderung und die Änderung selbst. Nicht einfach, aber es lohnt sich. Ihre Kinder werden es Ihnen danken. Helfen kann Eltern dabei dieses Buch, und gerade die Interviews mit Vätern machen z.B. die unterschiedlichen Wohnmodelle und ihre Vor-und Nachteile greifbarer und weniger theoretisch.

Ungewöhnlich und schön ist, dass das Buch allen Beteiligten wertschätzend begegnet und verschiedene Positionen in den Blick nimmt, also auch keine Stimmung gegen Mütter/Ex-Partnerinnen macht. Das Buch kann also auch Müttern empfohlen werden. Es lässt sich schnell und gut lesen, ist übersichtlich, gut verständlich und strukturiert geschrieben und zeichnet sich vor allem durch seine Praxisnähe aus.

Viel Erkenntnisgewinn und alles Gute auf Ihrem Weg wünscht Ihnen
Christa Schäfer

Lesen Sie mehr zu Trennungs- und Scheidungskindern …

Überraschende Hintergründe von kindlichen Problemen

Erziehungsmethoden haben sich massiv verändert in den letzten Jahrzehnten. Die autoritäre Erziehung und auch die antiautoritäre Erziehung wurden endlich von anderen und geeigneteren Pädagogik-Stilen abgelöst – was keineswegs bedeutet, dass nicht immer noch viele Kinder autoritär oder anti-autoritär aufwachsen.

Es gibt viele Bücher zum Thema Erziehung, es gibt Webseiten und Informationen im Internet. Dennoch gibt es weiterhin Eltern, die überfordert sind und dennoch gibt es weiterhin Eltern-Kind-Beziehungen, die misslingen. Deshalb möchte ich heute gerne über ein Buch berichten, das sich aus systemischer Sicht mit Erziehungsproblemen beschäftigt. Es heißt “Was unseren Kindern wirklich hilft. Unterstützung bei sozialen Problemen und Krankheiten”. Autor ist Thomas Schäfer, Heilpraktiker Psychotherapie mit Schwerpunkt Familienaufstellungen, im Scorpio Verlag erschien das Buch 2015.

Der systemische Blick fördert oft hilfreiche Erklärungen für Erziehungsprobleme zutage. Thomas Schäfer schärft dafür den Blick und zeigt, dass Erziehungsprobleme durch systemische Aufstellungsarbeit „gelöst“ werden können. Seine Kernthesen ist die Folgende:

“Wie gesagt, sehnen Kinder sich nach starken Eltern, die ihnen Grenzen setzen, denn Grenzen verleihen Sicherheit. Falls Eltern sich stattdessen, wie heute oft zu beobachten, ihren Kindern unterordnen, ihnen sofort jeden Wunsch erfüllen und sie wichtige Familienfragen entscheiden lassen, dann werden die Kinder psychisch unsicher. Wenn Kinder in der Schule und Elternhaus sich alles erlauben dürfen und keine Konsequenzen für problematisches Verhalten erfahren, ‘testen’ sie die Grenzen der Eltern immer intensiver und ‘brutaler’. Mit ihrer Wut ‘schreien’ sie förmlich danach, endlich starke Eltern zu haben.”   (Thomas Schäfer: Was unseren Kindern wirklich hilft, S. 79)

In diesem Zusammenhang gefiel mir diese Aussage besonders gut:

“Kinder gehören sich selbst – Eltern auch
Auf den vorangegangenen Seiten haben wir erfahren, welche Folgen es für den Einzelnen und die Gesellschaft hat, wenn Eltern sich vor Kindern kleinmachen. Damit kein falsches Bild entsteht, muss aber auch aufgezeigt werden, dass Eltern in keinster Weise über Kinder ‘verfügen’ dürfen. Kinder sind nicht der ‘Besitz’ der Eltern – sie gehören sich selbst! Umgekehrt gehören auch die Eltern in erster Linie sich selbst. Eltern haben eine Verpflichtung, ihr eigenes Leben und ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen.”   (ebenda, S. 52)

Thomas Schäfer nutzt in der Praxis seiner Familienaufstellungen Papierschreiben oder Holzfiguren. Seiner Erfahrung nach ist die systemische Arbeiten mit Menschen in einer Gruppe wesentlich intensiver als die Arbeit mit Holzfiguren. Er sagt jedoch auch, dass Kindern eine Gruppe Erwachsener nicht zugemutet werden kann. Die Einfühlung in die Holzfiguren gelingt Kindern – seiner Erfahrung nach – sehr leicht, und er fügt hinzu: “Es erübrigt sich wohl der Hinweis, dass es nie gut sein kann, wider besseren Wissens, gutgläubig und ohne eigene Prüfung dem Wort oder dem Rat eines anderen zu folgen, unabhängig davon, welche Methode er auch angewandt haben mag.”   (ebenda, S. 18)

In Bezug auf Familienaufstellungen präsentiert Thomas Schäfer überraschende Erklärungen für Probleme, mit denen sich Kinder und deren Eltern konfrontiert sehen. Folgendes kann Schäfer zufolge zum Beispiel ein möglicher familiärer Hintergrund zu sozialer Isolierung im Schulkontext sein:

“Wenn Kinder in der Schule Mobbingopfer werden, sieht man in den Familien verschiedene Hintergründe. Am häufigsten erlebe ich, dass das Kind ständig zwischen den Eltern ‘vermitteln’ muss. Auf diese Weise wird es ‘groß’ und mutiert zum ‘Schiedsrichter’. Im Kindergarten und dem Klassenverband wird dem Kind sehr schnell auf unangenehme Weise gezeigt, dass es hier nicht mehr allen anderen sagen kann, wo es langgeht.
‘Moderator’ der elterlichen Beziehung zu sein ist eine Überforderung des Kindes und bringt es in falsche Rollenbilder. Eltern sollten ihre Probleme allein oder mit Unterstützung eines professionellen Helfers lösen, nicht mithilfe des Kindes.”   (ebenda, S. 82)

Auch zur extremen Wut eines Kindes führt Schäfers überraschender Blick:

“Oft hat die Kinderwut mit der Dynamik zwischen den Eltern und ihrem ‘Vorleben’ zu tun. Wie wir in den Abschnitten über Neurodermitis, Asthma und Allergien noch sehen werden, können sich Kinder, die mit einem früheren Partner der Eltern verbunden sind, dem gleichgeschlechtlichen Elternteil oft nicht richtig öffnen. Hat beispielsweise ein Mann seine frühere erste Freundin geschwängert und dann sitzengelassen, wird oft eines seiner Kinder (aus der späteren Beziehung) genau diese Wut der Fremden übernehmen und sie den Eltern gegenüber ausdrücken. Die Wut wird aufgelöst, indem der Vater sich seiner früheren Beziehung stellt und Verantwortung übernimmt. Das Kind braucht dann nicht mehr die Wut der früheren Freundin des Vaters auszudrücken.”   (ebenda, S. 77)

Als letztes Beispiel möchte ich auf Kontaktabbruch zwischen Kindern und Eltern eingehen. Hierzu steht im Buch:

“Erwachsen gewordene Kinder brechen nicht selten den Kontakt zu ihren Eltern ab, wenn diese sie sexuell oder ‘energetisch’ missbraucht haben. Unter ‘energetischem Missbrauch’ verstehe ich den Umstand, dass Eltern ihr Kind als ‘Ersatzpartner’ benutzen und über das Kind ihren Selbstwert definieren. Kinder nehmen auch von ihren Eltern Abstand, wenn diese ihnen gegenüber gewalttätig waren oder ihnen den anderen Elternteil vorenthalten haben. […]
Wenn Kinder sich jedoch entschlossen haben, die Eltern zu hassen und ihnen den Tod zu wünschen, müssen Eltern Abstand von den Kindern halten. Sie können der freiwilligen Entscheidung der Kinder nur zustimmen, so schmerzhaft es auch sein mag. […]
Kinder brechen den Kontakt zu Eltern oft auch ab, wenn diese sich zu sehr in ihr Leben eingemischt haben und sie ihnen etwas nicht verzeihen können. Eine Tochter brach den Kontakt zu den Eltern als Neunzehnjährige ab, nachdem diese sie mit siebzehn Jahren zu einer Abtreibung gezwungen hatten. Die Tochter konnte den Eltern das nicht verzeihen.“   (ebenda, S. 84-85)

Das Buch zeigt, wie Familiensysteme wirken und was eine „richtige“ Haltung gegenüber Kindern aber auch gegenüber Eltern bewirken kann. Ich hoffe, dass ich Sie neugierig machen konnte. Herzliche Grüße, Ihre Christa Schäfer

Hier können Sie mehr lesen über den Kontaktabbruch von erwachsenen Kindern zu ihren Eltern. Und hier der Hinweis zu einem weiteren praktischen Erziehungsratgeber und zum Thema Aggression von Kindern und Jugendlichen: Wenn Lukas haut

Wie sich Verlassenheit auf Konflikte auswirken kann

Kürzlich stieß ich auf ein Buch zum Thema Beziehungsschwierigkeiten, das ich Ihnen heute gerne vorstellen möchte. Es heißt “Liebeskrisen. Verletzte Gefühle heilen – Beziehungsprobleme lösen”, geschrieben von Dr. med. Daniel Dufour und 2015 in Erstauflage im mankau Verlag erschienen.

„Wer sich als Kind verlassen gefühlt hat, trägt in späteren Beziehungen die Angst in sich, erneut verlassen zu werden – er fühlt sich nicht wirklich wert, geliebt zu werden, kann sich oft gar nicht wirklich auf eine Partnerschaft einlassen, braucht aber immer neue Liebesbeweise. Probleme und Krisen sind vorprogrammiert. Daher müssen wir lernen, unsere ‚Denke‘ auszuschalten, die uns von der Gegenwart, von uns selbst und unseren Gefühlen abschirmt. Und wir müssen lernen, im Hier und Jetzt zu leben, uns selbst zu erkennen und zu lieben – dann ist auch ein offener, respekt- und liebevoller Umgang mit dem Partner möglich.“, so Dufour.

Im Buch „Beziehungsprobleme lösen“ von Dufour werden wichtige Themen wie die Angst vor dem Alleinsein, die Angst, sich an einen Partner zu binden, die emotionale Abhängigkeit, das Gefallen wollen um jeden Preis u.a. vorgestellt. Zentral ist in allen Kapiteln das Thema der “Verlassenheit”, die meist bis tief in die Kindheit zurückreicht. Als Mediatorin interessieren mich natürlich Dufours Gedanken zu Konflikten, und daher habe ich insbesondere diese Kapitel mit großem Interesse gelesen.

An Verlassenheit leidende Personen neigen häufiger dazu, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Dadurch hoffen sie dem zu entgehen, wovor sie die größte Angst haben – nämlich verlassen zu werden.

“[Pauline] war der Meinung, dass es gute Gründe dafür gab, wütend zu sein. Doch Pauline hatte gelernt, dass es nichts bringt, seine Wut auf einen anderen Menschen zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen ‘muss man sich zurückhalten, um die gute Stimmung wiederherzustellen’. Damit fuhr sie besser und konnte so feststellen, dass dieser Ansatz der richtige war.
So etwas hört man häufig von denen, die alles tun, um Konflikten aus dem Weg zu gehen: Sie konnten austesten, dass es nichts bringt, andere mit der eigenen Wut zu konfrontieren. Es ist besser, sie für sich zu behalten. Wir können dieser Formulierung und diesem Vorgehen nur zustimmen, vorausgesetzt, dass der Betroffene sich zugesteht, seine Wut allein für sich auszuleben, um die Anspannung loszuwerden, die durch das Blockieren der Wut entsteht. Meist jedoch behält der Angegriffene seine Emotionen für sich, weil er sich sagt, er wolle den Anderen nicht kränken oder im Gegenzug die Wut des Anderen zu spüren bekommen, was sich in seiner Vorstellung zu einer Spirale der Gewalt auswächst. Welche Befürchtung steckt wirklich hinter der Weigerung, seine Wut auszuleben? Einmal mehr die Angst, verlassen zu werden, obwohl sie dem Betroffenen meist völlig unbewusst ist.”   (Daniel Dufour: Liebeskrisen. S. 103-104)

Folgen sind bei Pauline Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche und der Verlust des Selbstvertrauens.

“Es ist von größter Wichtigkeit […] zu verstehen, […] was ihr Körper ihr sagen will. Er bestraft sie nicht, weil sie den falschen Weg genommen hat, sondern lenkt ihre Aufmerksamkeit auf etwas, das wir wie folgt zusammenfassen könnten: ‘Du achtest und liebst dich gerade selbst nicht.’ Unser Körper ist kein Lehrer und kein Moralist. Er steht uns zur Verfügung, um unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken, ob wir uns achten oder nicht. Im ersten Fall sind wir entspannt, im zweiten angespannt. So einfach ist das. Außerdem sind wir rund um die Uhr mit ihm zusammen. Und das bedeutet, dass wir in jedem beliebigen Augenblick wissen können, ob wir uns respektieren oder nicht.”   (ebenda, S. 105)

Manchmal braucht ein Verlassener den Konflikt, um sich bestätigt zu fühlen und sich davon zu überzeugen, dass er nicht wegen der Schwäche, die er in sich trägt, verlassen werden kann.

Nach einem Fallbeispiel über ein Paar, in dem beide Teile unbewusst ihre Verlassenheit in heftigem Streiten ausdrücken, heißt es:

“Der Werdegang der beiden zeigt, was im Grunde alle Verlassenen erleben: Angst, Schuldgefühle und die Unmöglichkeit, sich so zu zeigen, wie man wirklich ist. Denn zu enthüllen, dass man nicht liebenswert ist, führt unvermeidlich zu neuer Zurückweisung, und davor fürchten sich die Verlassenen. Diesen Teufelskreislauf zu durchschauen, ist kein leichtes Unterfangen; es ist ein bemerkenswerter Schritt nach vorn, der viel Mut erfordert. Es ist nämlich schwierig, sich darüber klar zu werden, wie falsch das eigene Verhalten ist. Es kann bei jeder weiteren Begegnung dazu führen, die gleichen Fehler und Fehlschläge zu produzieren, selbst wenn sich die Herangehensweise ändert. Jedes Mal merkt der Verlassene, dass es ihm nicht gelingt, sein Ziel zu erreichen, mit einem anderen Menschen glücklich zu sein und gelassen mit ihm zu leben. Er arbeitet für oder gegen den Anderen. Genaugenommen positioniert er sich nur in Bezug auf diesen Anderen und vergisst sich dabei völlig. So erntet er, was er selbst gesät hat: einen Mangel an Respekt und Liebe. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft, doch ohne sie gibt es keine Genesung.”   (ebenda, S. 119)

Dufour hat die OGE-Methode entwickelt, die dabei hilft, unsere Eigenständigkeit und damit auch die Person, die wir wirklich sind, zu bewahren oder wiederzufinden. Soweit so gut – ich hoffe, dass ich Sie neugierig machen konnte. Das Buch lässt sich gut lesen und der Inhalt ist sowohl für am Thema Interessierte als auch für Fachkräfte aussagekräftig und spannend.

Hier ein Interview zwischen Verlag und Autor zu Verlassenheit und Selbstliebe.

Dass auch Sie, liebe Leserin und lieber Leser Teufelskreise begreifen, unterbrechen und mutig neue Schritte wagen können, wünscht Ihnen von Herzen Christa Schäfer

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