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Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Category: Familienmediation (Page 1 of 7)

Über Väter, die gehen – und Kinder, die zurückbleiben

Manche Themen polarisieren. Eines von ihnen ist meiner Erfahrung nach das Aufwachsen von Kindern ohne einen Elternteil – in den meisten Fällen ohne den Vater. Ob und inwieweit dies dem betreffenden Kind schadet, ist Gegenstand hitziger Diskussionen – privat, in Studien, bei PolitikerInnen, medial, in Verbänden. Während die einen sagen, dass Kinder in jedem Fall beide Eltern brauchen, vertreten andere den Standpunkt, dass es für Kinder besser ist, ohne einen Elternteil aufzuwachsen – wenn bestimmte Problematiken vorliegen, die den Kindern schaden.

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Kinder können sich nach der Trennung ihrer Eltern nicht zweiteilen – und das sollen sie auch nicht

“Das doppelte Lottchen” von Erich Kästner erschien 1949 und war eines der ersten, welches Scheidung thematisierte und die Perspektive von Kindern darauf in den Mittelpunkt rückte. In einer Szene des Buches sagt Lottes Lehrerin zu Frau Körner (Luises und Lottes Mutter), dass verheiratete Frauen ihre Männer zu wichtig nähmen. Dabei sei nur eines wesentlich: das Glück der Kinder! Worauf Frau Körner antwortet: “Glauben Sie, dass meine Kinder in einer langen, unglücklichen Ehe glücklicher geworden wären?”

Fast siebzig Jahre später ist ebendiese Frage noch immer brandaktuell. Nicht nur in Online-Foren gibt es hitzige Diskussionen darüber, was gut für Kinder ist, wie schmerzhaft eine Trennung ihrer Eltern, ob Scheidungskinder anders durch das Leben gehen und Beziehungen führen als Menschen, deren Eltern zusammenbleiben, und natürlich – wie sich Eltern nach der Trennung verhalten sollten, wer die “Schuld” trägt am Nicht-Kontakt zwischen einem Elternteil und den Kindern usw.

Ich möchte für diesen Zusammenhang ein Buch vorstellen, das sich an Väter richtet und dafür plädiert, dass diese Verantwortung für ihre Kinder übernehmen – auch nach der Trennung. Das Buch heißt “Stark und verantwortlich – Ein Ratgeber für Väter nach Trennungen”, ist von den Autoren Eberhard Schäfer und Marc Schulte geschrieben und erschien als 3. Auflage 2015 im Pinguin Druck.

Dies Buch bedient keine maskulinistischen Väterrechtsnarrativen. Die Autoren machen immer wieder klar, dass es um Wege der Verständigung und Kooperation mit der Mutter der Kinder geht und nicht um einen Krieg um die Kinder – es ist also kein Ratgeber gegen Mütter! Sehr gut fand ich, dass die Interessen von Kindern immer wieder in den Mittelpunkt gestellt werden und es nicht in erster Linie um die Kränkung des Vaters in seiner Beziehung geht, sondern darum, wie ganz praktisch der Kontakt zwischen den Eltern aussehen sollte und was sich Kinder von ihren getrennten Eltern wünschen.

Die Autoren stellen zunächst verschiedene Modelle vor, die Familien leben können nach einer Trennung: das Residenzmodell, das Doppelresidenzmodell/Wechselmodell, das Nestmodell oder die Familien-WG. Das Residenzmodell bezeichnet, dass das Kind/die Kinder hauptsächlich bei einem Elternteil (i.d.R. der Mutter) leben und jedes zweite Wochenende beim anderen; Feiertage werden aufgeteilt. Das Doppelresidenzmodell/Wechselmodell dagegen sieht vor, dass das Kind/die Kinder z.B. eine Woche beim einen, die andere Woche beim anderen Elternteil leben. Beim Nestmodell wohnen die Kinder an einem festen Lebensort (dem “Nest”), und die getrennten Eltern nutzen dieses abwechselnd mit den Kindern. Zuletzt wird eine Familien-WG vorgestellt, in der die Eltern mit den Kindern zusammen wohnen, aber getrennt sind, das Ganze funktioniert wie in einer WG. Das Buch macht auch Vätern Mut, die in anderen Städten als ihre Kinder wohnen, und es wird gezeigt, dass viele Kinder mit Bahn, Bus oder Flugzeug reisen, um das eine Elternteil zu sehen, und dass Kontakt auch über räumliche Distanz gehalten werden kann.

Wie erwähnt, stehen die Kinder in diesem Ratgeber im Mittelpunkt. Dazu folgenden Ausschnitt:

“Das Kind im Blick: Was mildert die Zerissenheit des Kindes?
Trennungen gehen an Kindern nicht spurlos vorüber. 70 Prozent aller Kinder zeigen psychische Reaktionen auf die Trennung ihrer Eltern. Hier einige Zahlen zu den kurz- und mittelfristigen Auswirkungen von Trennungen auf Kinder:
37 Prozent reagieren mit depressivem Verhalten, Ängsten und schlechteren Schulleistungen,
20 Prozent reagieren mit psychosomatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, chronischen Magen-und Darmstörungen oder Hautausschlag,
13 Prozent reagieren mit aggressivem Verhalten, Wutanfällen und Lügen,
30 Prozent aller Kinder zeigen keine sicht- oder messbaren Reaktionen auf die Trennung der Eltern.

Wenn es den Eltern nach der Trennung gelingt, ein gutes Elternteam zu bleiben bzw. zu bilden und sich gemeinsam um ihre Kinder zu bemühen, verschwinden diese Folgen meist innerhalb eines Jahres. Kinder können sich relativ rasch auf die neue Situation einstellen, vorausgesetzt, den Eltern gelingt es, ein neues Miteinander zu finden. Das Drama vieler Kinder ist nicht, dass Mama und Papa sich als Paar trennen, sondern, wenn in Folge der Trennung ein Elternteil sich von den Kindern zurückzieht oder vom anderen Elternteil herausgedrängt wird – und wenn die Eltern im Streit verharren.

Für ihr Kind wirkt es entlastend, wenn es erlebt, dass seine Eltern sich nicht seinetwegen streiten, dass sie respektvoll miteinander umgehen und sich darum bemühen, dass es dem Kind gut geht.”   (Schäfer, Eberhard & Schulte, Marc: Ein Ratgeber für Väter nach Trennungen, S. 61)

Ganz besonders berührend fand ich die “Zwanzig Bitten von Kindern an ihre getrennten Eltern”. Einige davon möchte ich hier mit Ihnen teilen:

1. Vergesst nie: Ich bin das Kind von euch beiden. Ich habe zwar jetzt einen Elternteil, mit dem ich vielleicht öfter zusammen bin und und der die meiste Zeit für mich sorgt. Aber ich brauche den anderen genauso.
2. Fragt mich nicht, wen von euch beiden ich lieber mag. Ich habe euch beide gleich lieb. Macht den anderen also nicht schlecht vor mir. Denn das tut mir weh.
4. Redet miteinander wie erwachsene Menschen. Aber redet. Und benutzt mich nicht als Boten zwischen euch – besonders nicht für Botschaften, die den anderen wütend oder traurig machen.
5. Seid nicht traurig, wenn ich zum anderen gehe. Der, von dem ich weggehe, soll auch nicht denken, dass ich es in den nächsten Tagen schlecht habe. Am liebsten würde ich ja immer bei euch beiden sein. Aber ich kann mich nicht in zwei Stücke reißen – nur weil ihr unsere Familie auseinandergerissen habt.
8. Gebt mich nicht wie ein Paket vor der Haustür des andern ab. Bittet den anderen für einen kurzen Moment rein und redet darüber, wie ihr mein schwieriges Leben einfacher machen könnt. Wenn ich abgeholt oder gebracht werde, gibt es kurze Momente, in denen ich euch beide habe. Zerstört das nicht dadurch, indem ihr euch anödet oder zankt.
13. Einigt euch fair übers Geld. Ich möchte nicht, dass einer von euch viel Geld hat – und der andere ganz wenig. Es soll euch beiden so gut gehen, dass ich es bei euch beiden gemütlich habe.   (ebenda, S. 61 f.)

Um noch einmal auf Erich Kästner zurückzukommen, in seiner Autobiographie „Als ich ein kleiner Junge war” beschreibt er, wie er als Kind vor der Bescherung an Weihnachten Angst hatte. Seine Eltern waren zwar nicht getrennt, aber in ihrer Liebe zu ihm waren sie aufeinander eifersüchtig, und sie versuchten sich in den Geschenken für ihn gegenseitig zu überbieten. Er musste immer bedacht sein, beide Elternteile gleich glücklich anzulächeln, obwohl ihm eher zum Weinen war. Kästner schreibt, wie er als Kind im ewigen Pendelverkehr zwischen seinen Eltern stand, sich zur rechten und linken Tischhälfte hin gleich freuen musste, nirgends zu lange, nirgends zu flüchtig.

Nun spielten sich die beschriebenen Szenen zwar im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ab. Aber als ich den “Ratgeber für Väter nach Trennungen” las – insbesondere die 20 Bitten an Eltern – , da dachte ich, dass sich manches eben doch nicht so schnell ändert wie es erforderlich wäre. Das heißt – geändert hat sich bei vielen getrennten Familien schon einiges. Aber das geht eben nicht automatisch! Dafür müssen Eltern zunächst erkennen, dass ihr Verhalten gegen ihre/n (Ex-)PartnerIn auch ihre Kinder verletzt, anschließend folgt die Einsicht der Änderung und die Änderung selbst. Nicht einfach, aber es lohnt sich. Ihre Kinder werden es Ihnen danken. Helfen kann Eltern dabei dieses Buch, und gerade die Interviews mit Vätern machen z.B. die unterschiedlichen Wohnmodelle und ihre Vor-und Nachteile greifbarer und weniger theoretisch.

Ungewöhnlich und schön ist, dass das Buch allen Beteiligten wertschätzend begegnet und verschiedene Positionen in den Blick nimmt, also auch keine Stimmung gegen Mütter/Ex-Partnerinnen macht. Das Buch kann also auch Müttern empfohlen werden. Es lässt sich schnell und gut lesen, ist übersichtlich, gut verständlich und strukturiert geschrieben und zeichnet sich vor allem durch seine Praxisnähe aus.

Viel Erkenntnisgewinn und alles Gute auf Ihrem Weg wünscht Ihnen
Christa Schäfer

Lesen Sie mehr zu Trennungs- und Scheidungskindern …

Wie sich Verlassenheit auf Konflikte auswirken kann

Kürzlich stieß ich auf ein Buch zum Thema Beziehungsschwierigkeiten, das ich Ihnen heute gerne vorstellen möchte. Es heißt “Liebeskrisen. Verletzte Gefühle heilen – Beziehungsprobleme lösen”, geschrieben von Dr. med. Daniel Dufour und 2015 in Erstauflage im mankau Verlag erschienen.

„Wer sich als Kind verlassen gefühlt hat, trägt in späteren Beziehungen die Angst in sich, erneut verlassen zu werden – er fühlt sich nicht wirklich wert, geliebt zu werden, kann sich oft gar nicht wirklich auf eine Partnerschaft einlassen, braucht aber immer neue Liebesbeweise. Probleme und Krisen sind vorprogrammiert. Daher müssen wir lernen, unsere ‚Denke‘ auszuschalten, die uns von der Gegenwart, von uns selbst und unseren Gefühlen abschirmt. Und wir müssen lernen, im Hier und Jetzt zu leben, uns selbst zu erkennen und zu lieben – dann ist auch ein offener, respekt- und liebevoller Umgang mit dem Partner möglich.“, so Dufour.

Im Buch „Beziehungsprobleme lösen“ von Dufour werden wichtige Themen wie die Angst vor dem Alleinsein, die Angst, sich an einen Partner zu binden, die emotionale Abhängigkeit, das Gefallen wollen um jeden Preis u.a. vorgestellt. Zentral ist in allen Kapiteln das Thema der “Verlassenheit”, die meist bis tief in die Kindheit zurückreicht. Als Mediatorin interessieren mich natürlich Dufours Gedanken zu Konflikten, und daher habe ich insbesondere diese Kapitel mit großem Interesse gelesen.

An Verlassenheit leidende Personen neigen häufiger dazu, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Dadurch hoffen sie dem zu entgehen, wovor sie die größte Angst haben – nämlich verlassen zu werden.

“[Pauline] war der Meinung, dass es gute Gründe dafür gab, wütend zu sein. Doch Pauline hatte gelernt, dass es nichts bringt, seine Wut auf einen anderen Menschen zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen ‘muss man sich zurückhalten, um die gute Stimmung wiederherzustellen’. Damit fuhr sie besser und konnte so feststellen, dass dieser Ansatz der richtige war.
So etwas hört man häufig von denen, die alles tun, um Konflikten aus dem Weg zu gehen: Sie konnten austesten, dass es nichts bringt, andere mit der eigenen Wut zu konfrontieren. Es ist besser, sie für sich zu behalten. Wir können dieser Formulierung und diesem Vorgehen nur zustimmen, vorausgesetzt, dass der Betroffene sich zugesteht, seine Wut allein für sich auszuleben, um die Anspannung loszuwerden, die durch das Blockieren der Wut entsteht. Meist jedoch behält der Angegriffene seine Emotionen für sich, weil er sich sagt, er wolle den Anderen nicht kränken oder im Gegenzug die Wut des Anderen zu spüren bekommen, was sich in seiner Vorstellung zu einer Spirale der Gewalt auswächst. Welche Befürchtung steckt wirklich hinter der Weigerung, seine Wut auszuleben? Einmal mehr die Angst, verlassen zu werden, obwohl sie dem Betroffenen meist völlig unbewusst ist.”   (Daniel Dufour: Liebeskrisen. S. 103-104)

Folgen sind bei Pauline Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche und der Verlust des Selbstvertrauens.

“Es ist von größter Wichtigkeit […] zu verstehen, […] was ihr Körper ihr sagen will. Er bestraft sie nicht, weil sie den falschen Weg genommen hat, sondern lenkt ihre Aufmerksamkeit auf etwas, das wir wie folgt zusammenfassen könnten: ‘Du achtest und liebst dich gerade selbst nicht.’ Unser Körper ist kein Lehrer und kein Moralist. Er steht uns zur Verfügung, um unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken, ob wir uns achten oder nicht. Im ersten Fall sind wir entspannt, im zweiten angespannt. So einfach ist das. Außerdem sind wir rund um die Uhr mit ihm zusammen. Und das bedeutet, dass wir in jedem beliebigen Augenblick wissen können, ob wir uns respektieren oder nicht.”   (ebenda, S. 105)

Manchmal braucht ein Verlassener den Konflikt, um sich bestätigt zu fühlen und sich davon zu überzeugen, dass er nicht wegen der Schwäche, die er in sich trägt, verlassen werden kann.

Nach einem Fallbeispiel über ein Paar, in dem beide Teile unbewusst ihre Verlassenheit in heftigem Streiten ausdrücken, heißt es:

“Der Werdegang der beiden zeigt, was im Grunde alle Verlassenen erleben: Angst, Schuldgefühle und die Unmöglichkeit, sich so zu zeigen, wie man wirklich ist. Denn zu enthüllen, dass man nicht liebenswert ist, führt unvermeidlich zu neuer Zurückweisung, und davor fürchten sich die Verlassenen. Diesen Teufelskreislauf zu durchschauen, ist kein leichtes Unterfangen; es ist ein bemerkenswerter Schritt nach vorn, der viel Mut erfordert. Es ist nämlich schwierig, sich darüber klar zu werden, wie falsch das eigene Verhalten ist. Es kann bei jeder weiteren Begegnung dazu führen, die gleichen Fehler und Fehlschläge zu produzieren, selbst wenn sich die Herangehensweise ändert. Jedes Mal merkt der Verlassene, dass es ihm nicht gelingt, sein Ziel zu erreichen, mit einem anderen Menschen glücklich zu sein und gelassen mit ihm zu leben. Er arbeitet für oder gegen den Anderen. Genaugenommen positioniert er sich nur in Bezug auf diesen Anderen und vergisst sich dabei völlig. So erntet er, was er selbst gesät hat: einen Mangel an Respekt und Liebe. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft, doch ohne sie gibt es keine Genesung.”   (ebenda, S. 119)

Dufour hat die OGE-Methode entwickelt, die dabei hilft, unsere Eigenständigkeit und damit auch die Person, die wir wirklich sind, zu bewahren oder wiederzufinden. Soweit so gut – ich hoffe, dass ich Sie neugierig machen konnte. Das Buch lässt sich gut lesen und der Inhalt ist sowohl für am Thema Interessierte als auch für Fachkräfte aussagekräftig und spannend.

Hier ein Interview zwischen Verlag und Autor zu Verlassenheit und Selbstliebe.

Dass auch Sie, liebe Leserin und lieber Leser Teufelskreise begreifen, unterbrechen und mutig neue Schritte wagen können, wünscht Ihnen von Herzen Christa Schäfer

Risiken und Schutzfaktoren bei Trennungs- und Scheidungskindern

Scheidungskinder. Welche Assoziationen kommen Ihnen spontan, wenn Sie diesen Begriff hören und an Kinder denken, deren Eltern sich getrennt haben?

Falls Sie unglückliche Kinder, Verhaltensauffälligkeiten und Beziehungsprobleme im späteren Leben der Kinder vor Augen haben, sind Sie nicht allein. Ohne eine wissenschaftliche Studie dazu vorstellen zu wollen: Mein Eindruck ist, dass Medien ein Bild von Scheidungskindern als “Krisenkindern” entwerfen, und die meisten Personen eher traurige und negative Folgen damit verbinden.

Dass es auch anders sein kann, wird durch die Arbeit mancher JournalistInnen und AutorInnen deutlich. Die Sachbuchautorin Monika Czernin hat zum Beispiel das Buch “Glückliche Scheidungskinder” veröffentlicht. So sei nicht das Familienmodell entscheidend darüber, wie glücklich Kinder seien, sondern ob und wie stark ihren Bedürfnissen Beachtung geschenkt werde. Und zweieinhalb Jahre nach der Scheidung kann es sein, dass Scheidungskinder ebenso wenig Verhaltensauffälligkeiten zeigen wie jene, deren Eltern zusammengeblieben sind. Hier können Sie den ganzen Artikel über Glückliche Scheidungskinder lesen:

10 Tipps zur Trennung mit Kind und was es bei einer Scheidung zu beachten gibt

Oft wird von “Scheidungskindern” gesprochen, wenn der passendere Ausdruck eher “Trennungskinder” sein sollte. Denn die Situation für Kinder, deren Eltern nicht miteinander verheiratet waren und sich trennen, unterscheidet sich nicht maßgeblich von den Kindern, deren Eltern über eine Heiratsurkunde verfügen und sich dann scheiden lassen.

Die Wirtschaftsmediation. Familie.

Gerne möchte ich Ihnen hier und heute einen Artikel aus dem Magazin “Die Wirtschaftsmediation” vorstellen. Es ist ein Fachmagazin für Wirtschaft und öffentliche Verwaltung und wird von Gernot Barth und Bernhard Böhm herausgegeben. Die Spezialausgabe 4/2015 ist dem Thema Familie gewidmet und enthält eine ganze Reihe von spannenden und aussagekräftigen Artikeln zu diesem Thema. SEHR LESENSWERT !!
Bestelllink zu „Die Mediation – Familie heute“

Der Artikel “Scheidungsfolgen für Kinder – Risiken und Schutzfaktoren”, geschrieben von Diplompsychologe Wolfgang Jaede, stellt zunächst vor, dass mittlerweile ungefähr jede dritte Ehe geschieden wird und die Scheidungsforschung konstatiert, dass eine Trennung bzw. Scheidung nicht automatisch hohe Folgeschäden für die Kinder bedeuten, und Kinder aus Scheidungsfamilien keine grundsätzliche Benachteiligung gegenüber den Kindern aus Ursprungsfamilien erfahren. Der Autor plädiert dafür, die Situation der betreffenden Kinder differenziert zu betrachten und sowohl ihren Belastungen und Risiken als auch ihren Bewältigungsmöglichkeiten und ihrem Schutzumfeld Beachtung zu schenken.

Risikofaktoren sind unter anderem: Elternkonflikte, Triangulierung und Koalitionsdruck (die Auslagerung des Konflikts auf die Kinder), Einschränkung der Erziehungsfähigkeit, Sorge um das Wohlergehen der Eltern und Armutsrisiko. Da schon viel über Konflikte der Eltern und das Hineinziehen der Kinder in diese Schwierigkeiten geschrieben wurde, möchte ich mich an dieser Stelle auf andere Faktoren konzentrieren.

Sorgen um das Wohlergehen der Eltern
“Eine Trennung und Scheidung geht oft einher mit Erschöpfungszuständen und psychischen Belastungen der Eltern selbst, die sich in Hoffnungslosigkeit und depressiven Verstimmungen, nicht selten auch suizidalen Gefährdungen äußern können. Dies kann zu verstärkten Ängsten der Kinder und einer überfordernden Verantwortungsübernahme für die Eltern führen, wobei die Kinder ihre eigenen Entwicklungsbedürfnisse zurückstellen (‘Parentifizierung’).”   (Jaede in: Die Wirtschaftsmediation)

Armutsrisiko
“Vor allem Alleinerziehende erleben nach einer Scheidung belastende finanzielle Engpässe, die sie selbst unter Stress setzen und auch die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen einschränken. Dies beeinträchtigt deren Selbstwertgefühl vor allem dann, wenn sie sich gegenüber anderen Gleichaltrigen als benachteiligt erleben.” (Jaede in: Die Wirtschaftsmediation)
Anmerkung von mir: 95% der Alleinerziehenden sind Frauen, daher ist Armut nicht nur eine Frage der sozialen Stellung, sondern auch der Geschlechtszugehörigkeit.

Wie Sie wissen, ist mir immer auch der Fokus darauf wichtig, was gut läuft und welche Ressourcen es gibt. Daher an dieser Stelle noch einige der im Artikel von Wolfgang Jaede genannten Schutzfaktoren und Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder, deren Eltern sich getrennt/geschieden haben:

  • konfliktreduzierende und -deeskalierende Beratungsangebote für Scheidungseltern wie Mediation, Scheidungs- und Trennungsberatung
  • Gruppenangebote für Eltern zur Stärkung ihrer Kommunikations-und Erziehungsfähigkeit und zur Gestaltung ihrer Beziehung zu den Kindern
  • Gruppenangebote für Kinder zur Trennungs- und Scheidungsbewältigung
  • finanzielle und strukturelle Unterstützung von Alleinerziehenden
  • Stärkung der Selbstkontrolle und Selbstwirksamkeit der Kinder, Förderung ihrer Ressourcen und aktiven Bewältigungs- sowie emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten.

Der hier vorgestellt Artikel ist erkenntnisreich für Menschen mit und ohne Kinder, für zusammengebliebene und getrennte Eltern. Denn: Familie geht uns alle an.

Wenn ich Ihr Interesse für diese Ausgabe der „Wirtschaftsmediation“ geweckt habe, kann ich Ihnen gleich noch einen weiteren sehr lesenswerten Artikel aus der Zeitschrift ans Herz legen: “Familienmodelle nach der Scheidung: Wechselmodell, Residenzmodell, Nestmodell” mit praktischen Tipps für getrennt lebende Eltern und Vor- sowie Nachteilen der jeweiligen Modelle.

Eine gut gelingende Entwicklung für alle Kinder
wünscht sich Christa Schäfer

Übrigens: Freitag dieser Woche gibt es Zeugnisse in Berlin.

Lesen Sie hier weitere Blogartikel zur “Wirtschaftsmediation”:
Führung
Humor

Mediation – mal ganz anders

Ferien. Ich lese ein neues Buch. Den Roman “Der Klassenfeind“, geschrieben von dem Lehrer, Musiker, Schriftsteller und Kabarettisten Marc Hofmann über den Lehrer Harry Milford.

Und was finde ich in dem Buch? Ein Kapitel über ein „sprechendes Kissen“. Das möchte ich Ihnen als Mediatorinnen und Mediatoren nicht vorenthalten. Also folgendermaßen:

Harry Milford kommt Sonntag Mittag nach einem missglückten Angelausflug wieder nach Hause, wo ihn bereits seine Frau Karen erwartet. Hier ein langes Zitat, was nun passiert:


(Zitatanfang) Ich stehe wie erstarrt auf der Türschwelle. Eigentlich muss ich ziemlich dringend aufs Klo, habe einen Mordshunger und müsste unbedingt mal ein Glas Wasser trinken, aber jetzt hat sich Karen vor mir aufgebaut. Offenbar ist sie in Rage.
„Aha“, sage ich, um Zeit zu gewinnen. Was meint sie? Was hab ich jetzt schon wieder falsch gemacht?
„Ich habe mir was überlegt. Komm mal rein!“
Es scheint mir keine gute Idee, jetzt meine unmittelbaren körperlichen Bedürfnisse zur Sprache zu bringen, so bestimmt, wie sie auftritt. Ich folge ihr ins Wohnzimmer. Es riecht fürchterlich nach Patschuli, und überall stehen brennende Kerzen.
„Wir müssen uns mal aussprechen. Setz dich!“
„Kann ich erst mal …“
„Nein, jetzt lass dich da mal drauf ein. Nicht schon wieder flüchten!“
Eigentlich wollte ich sie nur darauf hinweisen, dass ich noch meine gefütterte Jacke anhabe, aber das muss jetzt offenbar alles warten.
„So!“ Karen setzt sich mir gegenüber und faltet die Hände. „Weil wir ja in letzter Zeit Probleme mit der Kommunikation haben, also ich ja weniger als du, finde ich, brauchen wir einen Moderator.“
Einen Moderator? Was soll denn die Scheiße?
„Der Peter hat da unlängst eine Fortbildung in gewaltfreier Konfliktlösung und themenzentrierter Interaktion gemacht, und daher hat er sich angeboten, das Gespräch zu leiten.“
Der Peter kommt aus der Küche wie ein Stargast. Soll ich jetzt applaudieren?
„Karen, das ist mir zu blöd, das ist doch …“
„Du bleibst sitzen!“
Sie drückt mich zurück auf den Stuhl.
„Also ihr beiden“, beginnt der Peter salbungsvoll und setzt sich aufs Sofa.
„Seht ihr das Kissen hier?“
Karen nickt eifrig. Ich sacke in mich zusammen. Ein Albtraum. Ein verdammter Albtraum.
„Wer das Kissen hat, spricht. Der andere muss zuhören. Er darf nicht widersprechen und nicht unterbrechen. Verstanden?“
Er blickt uns aufmunternd an.
Karen nickt.
„Du auch, Harry?“
Ich weiß nicht, was ich tun soll.
„Also ich schlage vor, Harry, du beginnst.“
Er drückt mir das Kissen auf den Bauch. Im Zimmer ist es unerträglich heiß. Dass ich meine Jacke immer noch anhabe, macht es nicht besser.
„Ja, äh, also …“
Karen dreht sich genervt zu Peter um.
„Siehst du, ich hab’s dir gesagt. Da kommt nichts.“
Peter blickt mich milde an.
„Harry, du wirkst etwas verkrampft. Mach dich doch mal locker.“
Ich schwitze. Meine Kopfhaut juckt und mein Herz rast. Ich habe Durst. Hunger. Und muss arg aufs Klo. Ich will hier weg. Was ist bloß mit den beiden los? Sind die komplett wahnsinnig geworden? Vielleicht sollte ich ihnen erklären, dass ich keine Ahnung habe, was ich eigentlich sagen soll. Worum geht es denn überhaupt?
„Vielleicht beginnst einfach du, Karen, dann kann Harry reagieren.“
Karen schaut mich auffordernd an.
„Was?“, frage ich gereizt.
„Das Kissen!“
Sie zeigt auf das Kissen.
„Ach so.“
Ich gebe es ihr.
Sie presst sich das Kissen auf die Brust.
„Also, Harry ist einfach seit einiger Zeit, ich weiß nicht mehr, wann das angefangen hat,a oder vielleicht ist er ja schon immer so, und ich hab es nur nicht gemerkt …“
Peter hebt einen Finger in die Luft.
„Denk dran, Karen. Ich-Botschaften.“
„Ach so ja, also ich finde, Harry ist einfach so … so …“
Sie fuchtelt mit den Händen durch die Luft.
Ich will das alles nicht. Ich will nicht hören, was sie sagt, ich will nicht über mich reden. Das ist doch absurd. Der ist doch parteiisch. Der will doch bloß mit Karen ins Bett. Da will ich jetzt auch am liebsten hin. Aber alleine.
„So ein unkommunikativer Eigenbrötler, er wird immer kauziger und überlässt alle Erziehungsfragen mir. Außerdem ist er nicht mehr zärtlich. Wir leben ja hier wie in einer WG!“
Peter wendet sich mir zu.
„Das sind deutliche Vorwürfe, Harry. Was sagst du dazu?“
„Ohne Kissen sag ich dazu gar nichts.“
Peter schaut erschrocken, nimmt Karen das Kissen vom Schoß, reicht es mir und blickt mich erwartungsvoll an.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und überlege, ob ich einen Herzanfall vortäuschen soll. Wie kann ich diesen Irrsinn beenden?
Natürlich hätte ich auch etwas zu sagen. Natürlich könnte ich meinem Unmut Luft machen. Darüber was ich hier alles mitmache. Dass ich seit einiger Zeit nur noch Unkraut zu essen kriege, Goji, Chia, Kale, Quinoa, dieser ganze neumodische Quark. Dass ich allabendlich dieses staubtrockene Dinkelbrot herunterwürge und dieses ganze überteuerte laktosefreie Zeug. Ich habe so viel davon verzehrt, dass ich schon eine Laktosefrei-Intoleranz entwickelt habe. Im Kühlschrank liegt glutenfreie Salami, was bitte soll das denn für eine Scheiße sein? Ich arbeite mir die Seele bucklig, damit sich hier alle selbst verwirklichen können. Ich ermögliche Karen, dass sie diesem Nonsensberug nachgehen kann, bei dem sie nichts verdient, weil es ja egal ist, ich verdiene ja genug, weil ich ja immer ein volles Deputat runterreiße, egal, wie es mir geht. (…) Aber beklage ich mich? Hört man von mir ein Wort der Beschwerde? Laufe ich ständig mit einer Maske der Enttäuschung und des latenten Vorwurfs herum? Ich glaube nicht. Ich lasse Karen freie Hand bei der Wohnungseinrichtung, bei dem Perlenvorhang in der Garderobe, in dem man sich ständig verheddert (…). Und als Dank werde ich ständig dafür attackiert, zu wenig im Haushalt zu machen, dabei würde ich sofort eine Haushaltshilfe einstellen, aber nein, das ist ja auch wieder nicht recht. Ich muss mit einer Frau zusammenleben, die überhaupt nicht weiß, was sie will, aber fest entschlossen ist, es zu bekommen!
All das könnte ich sagen, aber was bringt das?

Karen sitzt steif auf ihrem Stuhl und blickt mich erwartungsvoll an.
Peter schaut gehetzt von mir zu Karen und wieder zurück, wie ein nervöses Nagetier.
„Sagst du jetzt was, oder nicht?“ schreit mich Karen an.
„Was willst du denn? Sag doch mal, was du willst! Jetzt ist die Geleghenheit!“
„Ich will jetzt erst mal gepflegt aufs Klo.“
Ich erhebe mich.
„Und danach sehen wir weiter. Aber heute nicht mehr …“ (Zitatende)

(Marc Hofmann: Der Klassenfeind. Stuttgart: Tropen 2015. S. 108-113)

Sicherlich haben Sie als Leserin oder Leser dieses Blog entdeckt, dass es sich hier um den Versuch einer Mediation handelt. Allerdings ist der Versuch aufgrund verschiedener Umstände schief gegangen. Deshalb ist es um so interessanter, sich aus mediativer Sicht Gedanken über den Text zu machen.

  • Welche Grundregel der Mediation wurde von Anfang an vernachlässigt?
  • Welche Gesprächsregeln gelten bei dieser Mediation (auch wenn sie nicht ausgesprochen werden)?
  • Was sind die Bedürfnisse bzw. Interessen von Harry Milford?
  • Was sind die Bedürfnisse und Interessen seiner Frau Karen?
  • Und haben Sie entdeckt, dass auch in diesem Textausschnitt mit der Ähnlichkeit der Worte „Mediation“ und „Meditation“ gespielt wird?

Jenseits dieses Kapitels zur Mediation kann man in dem Buch den Alltag des Gymnasiallehrers Harry Milford nachlesen, der viele Probleme in der Schule hat und auch viele Probleme in der Schule produziert. Er hat ein großes Ziel, seine Frühpensionierung. Als ihm die junge Referendarin Frau Selig kurzfristig den Kopf verdreht, glaubt er, alles wird gut. Aber weit gefehlt. Wer sich für den Schulalltag interessiert, kabarettistisch, messerscharf und zugleich lustig, für den ist da Buch prima geeignet – ob in den Ferien oder in der Schulzeit.


Übrigens steht auf der Rückseite des Buches “Der Klassenfeind” der Spruch: „Schule ist etwa so demokratisch wie Nordkorea“. Damit dies nicht so bleiben muss, hier der Link zu meinem neusten Buch: „Die partizipative Schule. Mit innovativen Konzepten zu einer demokratischen Schulkultur“. Beide Bücher sind absolut empfehlenswert !!!

Dr. Christa D. Schäfer

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