mediation-berlin-blog

Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Category: Gemeinwesenmediation (Page 1 of 5)

Mediation am Landwehrkanal

Ende 2007 hat sie begonnen, die Mediation um den Berliner Landwehrkanal. Zuvor, im April 2007 ist eine gemauerte Kanalwand am Maybachufer abgesackt. Taucher stellten bei einer Begutachtung der Unglücksstelle fest, dass die gesamte Uferbefestigung des Kanals auf einer Länge von 11 Kilometern marode war. Das Wasser- und Schiffahrtsamt veranlasste daraufhin, 200 Bäume am Landwehrkanal zu fällen – das Gewicht der Bäume trage zum Absacken des Ufers bei. Proteste, Bürgerinitiativen und eine Baumpatrouille regten sich und wollte Bäume und Landwehrkanal schützen. 37 Bäume wurden dennoch im Juli 2007 gefällt, teilweise unter Polizeischutz.

Mittlerweile ist wissenschaftlich nachgewiesen, „dass das Wurzelwerk der Bäume eher gut ist für eine Stabilisierung des Ufers.“ – so der Tagesspiegel vom 15.01.2011 unter dem Titel „Wasserstraße ins Ungewisse“.

Die 2007 beginnende Mediation ist eine der längsten bisher in Berlin abgehaltenen. Zahlreiche Arbeitskreise und -gruppen tagen regelmäßig, das Forum hält im Februar seine 34. Sitzung ab. Verzögerungen im sich lange hinziehende Mediationsverfahren werden von der Verwaltung den Bürgern, und von den Bürgern der Verwaltung angelastet. Derzeit werden „Realisierungsvarianten“, danach „Zielvarianten“ entwickelt. Wir werden sehen, wie es weiter geht …

Fachlich gesehen ist diese Mediation eine Umweltmediation bzw. eine Mediation im öffentlichen Bereich.

Definitionen

Umweltmediation
wird hauptsächlich mit „Umwelt(schutz)mediation“ assoziiert

Mediation im öffentlichen Bereich
entwickelte sich geschichtlich gesehen aus dem Begriff der Umweltmediation, indem der Begriff der „Umwelt“ im Sinne von gesellschaftlichem Umfeld oder Lebensfeld konkretisiert wurde.

Eine erste Definition hierzu entstand im Umfeld von Horst Zillessen, einem der ersten Umweltmediatoren im deutschsprachigen Raum: „Gegenstand dieser Verfahren sind Konflikte im öffentlichen Raum, also im politisch-administrativen gestaltbaren gesellschaftlichen Bereich. Damit ist sowohl der physische Raum (bei konkreten baulichen Projekten und Vorhaben) als auch der soziale Raum (bei der Vorbereitung oder der Erstellung von Programmen und politischen/rechtlichen Normvorstellungen) gemeint. Weiter identifiziert sie in Abgrenzung zu anderen Mediationsfeldern als Haupterkennungsmerkmal die Beteiligung von Vertretern aus Politik und Verwaltung.“
Quelle: MEDIATOR – Zentrum für Konfliktmanagement und -forschung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg: Mediation im öffentlichen Bereich. Oldenburg 2004. Nach: Schulz, Olaf: Gemeinwesenmediation als Methode partizipativer Gemeinwesenarbeit. GRIN Verlag 2004.

Die Konfliktaustragung findet im öffentlichen Raum statt – im Gegensatz zur Sphäre des Privaten oder der Arbeitswelt in anderen Bereichen der Mediation. „Die einer Mediation im öffentlichen Bereich zugrunde liegenden Konflikte werden in der Öffentlichkeit diskutiert, im gesamten Bereich der politischen Willensbildung: in Parteien genauso wie in Verwaltungen, betroffenen Unternehmen oder Bürgerinitiativen.“
Quelle: Rüssel, Ulrike: Grundlagen der Mediation im öffentlichen Bereich, in: Niedostadek, André: Praxishandbuch Mediation. Stuttgart, München u.a.: Boorberg 2010. S. 54.

Fachtag November 2011 zur „Mediation im öffentlichen Bereich“ in München

Am 18. November 2011 hat in München eine Fachtagung zum Thema „Mediation im öffentlichen Raum“ stattgefunden. Gut 150 MediatorInnen haben diesen spannenden und vielfältigen Fachtag der Stelle für Gemeinwesenmediation der Stadt München (SteG) besucht. SteG wird von Frau Dr. Eva Jüsten geleitet. Die zu SteG gehörigen MediatorInnen vermitteln bei Konflikten im gesamten Stadtgebiet, und natürlich auch bei Streitigkeiten im öffentlichen Raum. Wer den von mir auf dieser Tagung gehaltenen Eröffnungsvortrag zum Zusammenhang zwischen Mediation im öffentlichen Raum und Gemeinwesenmediation gerne nachlesen möchte, der kann sich das handout hier herunterladen

Infos zur Gemeinwesenmediation

Und wer Informationen zur Gemeinwesenmediation in Deutschland sucht, dem sei weiterhin das erste deutschsprachige Buch zum Thema Gemeinwesenmediation natürlich wärmstens empfohlen:

Christa D. Schäfer

Gemeinwesenmediation im Bundesstaat Maryland / USA

Die USA hat 50 Bundesstaaten. Maryland ist einer der Bundesstaaten, der in der Nähe von Washington D.C. und Baltimore liegt. In Maryland gibt es 24 Countys (Bezirke). Einer davon ist Montgomery County mit 971.777 Einwohnern (2010).

Da Maryland der Mediation gegenüber sehr aufgeschlossen, gibt es in 18 dieser Countys ein Community Mediation Center, also ein Zentrum für Gemeinwesenmediation. Diese MediationsZentren werden von den Gerichten Marylands unterstützt, sie erhalten monitäre Förderung und bearbeiten dafür Fälle, die vom Gericht für eine Mediation benannt wurden.

Das Conflict Resolution Center of Montgomery County (CRCMC) befindet sich in Wheaton. „Strengthening our communities peace by peace“ – das ist der Slogan dieses MediationsZentrums. Es verhilft Personen im Konflikt:

to improve understanding
to open communication
to rebuild relationships
to create win-win solutions
to save time and money

Genau ist festgelegt, in welchen Fällen mediiert wird, nämlich zwischen Nachbarn, zwischen Hauseigentümer und Mieter, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zwischen Betrieb und Kunde, zwischen Familienangehörigen, in Freundschaftsverhältnissen, zwischen Grundstückeigentümer und Mietern, bei geringfügiger Schadenshöhe, zwischen Eltern und deren jugendlichen Kindern sowie zwischen Senioren und deren Familien.

Jährlich gibt es eine Ausbildungsgruppe mit ca. 20 neuen MediatorInnen, die eine 50stündige Ausbildung genießen dürfen. Dafür stellen sie dem MediationsCenter im ersten Jahr 100 Arbeitsstunden zur Verfügung. Diese Arbeitsstunden können auf verschiedene Art und Weise „abgeleistet“ werden. Unter den TeilnehmerInnen der Ausbildung befinden sich auch immer wieder Richter oder Rechtsanwälte, die sich für diese Art der Konfliktbewältigung interessieren – die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass es diese Berufsgruppen nicht so einfach haben, Mediation zu erlernen und später im Mediationsprozess neutral zu bleiben.

Die neuen MediatorInnen werden von der Organisation „Community Mediation Maryland“ trainiert. Diese Organisation ist so etwas wie das „Dach“ der Community Mediation Zentren in Maryland, sie unterstützen die MediationsZentren Marylands durch verschiedene Serviceangebote und bieten jedem der in Maryland ansässigen MediationsZentren ein kostenfreies Training jährlich an.

Community Mediation Maryland hat Richtlinien für die Community Mediation herausgegeben, sie benennen 10 Punkte für die Gemeinwesenmediation:

1. Provide mediation services at no cost or on a sliding scale
2. Hold mediations in neighborhoods where disputes occur
3. Schedule mediations at a time and place convenient to the participants
4. Encourage early use of mediation to prevent violence or to reduce the need for court intervention, as well as provide mediation at any stage in a dispute
5. Mediate community-based disputes that come from referral sources including self-referrals, police, courts, community organizations, civic groups, religious institutions, government agencies and others
6. Educate community members about conflict resolution and mediation
7. Maintain high quality mediators by providing intensive, skills-based training, apprenticeships, continuing education and ongoing evaluation of volunteer mediators
8. Work with the community in governing community mediation programs in a manner that is based on collaborative problem solving among staff, volunteers and community members
9. Provide mediation, education, and potentially other conflict resolution processes to community members who reflect the community’s diversity with regard to age, race, gender, ethnicity, income, education, and geographic location

Aber zurück zum Conflict Resolution Center of Montgomery County (CRCMC): Derzeit stehen hier 76 MediatorInnen auf der Mediatorenliste, davon sind 25 sehr aktiv und 26 kaum aktiv. Zur Zeit wird ein volunteer mediation Standard ausgearbeitet. Danach sollen die MediatorInnen nur die Chance haben weiter zu mediieren, wenn sie mindestens 6 Mediationen pro Jahr mediiert haben und jährlich mindestens 35 Stunden für das MediationsCenter ehrenamtlich arbeiten. Sie unterstützen das Projekt durch ihre Mediationen, ihre Beratungen, ihre Fallorganisationen, als commitee members und vieles mehr. Neben Englisch wird auch in Spanisch mediiert.

Für die Annahme der Fälle sind die ehrenamtlich arbeitenden MediatorInnen selber zuständig. Montags bis Freitag zwischen 9 und 16 Uhr sitzen stets ein oder zwei MediatorInnen am Telefon, um die Fälle anzunehmen, um abzuklären ob sich ein Fall zur Mediation eignet oder um Wichtiges zu organisieren. Die meisten der eintreffenden Fälle können mit Mediation bearbeitet werden, in über 60 % der Fälle kann eine Einigung erzielt werden. Im MediationsZentrum arbeiten weiterhin neun Hauptamtliche, die verschiedene Aufgaben und Tätigkeitsbereiche haben.

Das Conflict Resolution Center of Montgomery County bearbeitete im letzten Jahr insgesamt 500 Fälle. Davon wurden 250 Fälle über das Gericht des Countys vermittelt, diese Mediationen wurden sogar im Gerichtsgebäude durchgeführt. Weitere 250 Fälle sind Fälle, die im Bereich der Community Mediation angefallen sind, vielfältige Konfliktthemen wurden bearbeitet.

Insgesamt hat das Conflict Resolution Center of Montgormery County viele Kooperationspartner, die mediationsgeeignete Fälle an das MeditionsZentrum „überweisen“. Mit manchen der Kooperationspartner wurde sogar vereinbart, dass eine Mediatorin / ein Mediator an einem festen Tag in der Woche in den Räumlichkeiten der „überweisenden Institution“ die Mediationen durchführt.

Wie beispielsweise auch das MediationsZentrum Berlin, so muss auch das Conflict Resolution Center of Montgomery County immer noch viele Aktionen starten, um Mediation bekannt zu machen. Die Vorgehensweisen sind ähnlich: Auf Festen und Festivals präsent sein, Präsentationen für andere Institutionen anbieten und durchführen, kleine zwei- oder sechsstündige Trainingseinheiten für Jedermann initiieren, den Kontakt zu den „überweisenden Institutionen“ ausbauen und halten, die im Gebiet ansässigen Schulen ansprechen und mit diesen zusammenarbeiten, Kirchen und religiöse Orte informieren und um Zusammenarbeit bitten, Broschüren und Flyer auslegen, Zettel im Supermarkt am schwarzen Brett ankleben, die Bücherei als Treff- und Informationsort nutzen, Werbung in öffentlichen Verkehrsmitteln schalten, usw. Auch in Maryland ist es noch so, dass manche Personen erst sechs bis sieben Mal das Wort Mediation gehört haben müssen, bis sie etwas damit verbinden und dann auch noch im Konfliktfall ein Zentrum für Gemeinwesenmediation aufsuchen.

Das CRCMC bietet folgendes an:

  • Mediation (stets kostenfrei)
  • Konfliktmoderation für Konflikte in und mit großen Gruppen (um eine Spende wird gebeten)
  • Community Conferencing und Dialogue Circles für Schulen (always free)
  • Konfliktkurse mit einer geringen Stundenanzahl (auf Spendenbasis von privat oder der jeweiligen Institution)

Viele Aspekte dieses Angebots sind sehr interessant und bemerkenswert. Es gibt beispielsweise ein extra Programm zur Mediation mit ehemaligen Häftlingen, genannt Re-Entry Mediation. Kurz vor und nach der Entlassung können die ehemaligen Häftlinge zusammen mit ihren Familien, Freuden, ehemaligen Freunden usw. Mediationen in Anspruch nehmen. Ein weiteres Programm nennt sich Senior-Mediation. Es soll Senioren und deren Familien helfen, die Zukunft zu planen. Sowohl die älteren Menschen als auch deren Familien besprechen gemeinsam Fragen nach der Pflege, einer Heimunterbringung und vielem anderen mehr. Die Parent-teen Mediationen sind speziell für Eltern und deren jugendliche Kinder gedacht. Die Pubertät der Kinder ist in viele Familien ein heftiger Einschnitt und die daraus erwachsenden Probleme fast nicht mehr in den Griff zu bekommen – hier wird mit Mediation eine Lösung geschaffen. Gerichte schicken beispielsweise auch bereits geschiedene Ehepaare zum CRCMC um Parenting plans zu machen, also Vereinbarungen zu treffen, wo das Kind bzw. die Kinder wann nach der Scheidung wohnen soll(en).

Die oben bereits angesprochenen Konfliktkurse laufen in Wheaton sehr erfolgreich, es sind meist sechsstündigen Konfliktkurse (drei Termine á zwei Stunden), die dort angeboten werden. Für Kooperationspartner und andere Interessierte aus der Community geht es dabei um folgende Inhalte: 1. Termin: Was ist ein Konflikt? Wie gehe ich mit einem Konflikt um? 2. Termin: Gefühle, Bedürfnisse, Grundlagen der Kommunikation 3. Termin: Creative problem solving. Zwischen 10 und 80 Personen nehmen je Kurs an diesen Terminen teil; ca. 80 derartiger Trainings gab es 2010.

Falls Sie sich nach diesem Ausflug in die Gemeinwesenmediation von Montgomery County nur für die Gemeinwesenmediation in Deutschland interessieren, empfehle ich Ihnen gerne folgendes Buch: “Mediation im Gemeinwesen“, das viele wertvolle Informationen enthält.

Ja, und über die Meeting Facilitations in Schools sowie die Dialogue Circles und die Methode des Community Conferencing gibt es demnächst in diesem blog einen eigenen Artikel, denn auch diese drei Themen sind natürlich höchst spannend !!

But now: I want to say Thank you to the three ladys from the Conflict Resolution Center of Montgomery county, who talked to me and explained all the facts I wanted to know about the Center. Thanks a lot !!

Christa D. Schäfer

Fortschritte in der Mediation zur Admiralbrücke

Seit Frühjahr gibt es, wie hier im Blog berichtet, eine Mediation zur Berliner Admiralbrücke. Zahlreiche Menschen treffen sich hier insbesondere bei gutem Wetter auf der Brücke, um zu feiern. Es sind Berliner, die dort feiern, und es sind Berlinbesucher, die in ihrem Reiseführer von der Brücke gelesen haben. Die Anwohner finden das gar nicht lustig.

Im August musste wegen einer Eskalation erneut eine Hundertschaft der Polizei im Konflikt eingreifen.

Wie der Berliner Tagesspiegel jetzt berichtete, hat der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit kürzlich die Admiralbrücke besucht:

„Eigentlich wollte Klaus Wowereit auf der Admiralbrücke nur einen kleinen Scherz machen. Man solle doch die Verlage anschreiben und sie bitten, die Admiralbrücke in ihren Reiseführern nicht mehr als Geheimtipp und ultimativen Partyort zu bewerben, schlug der Regierende Bürgermeister (SPD) bei seinem Kiezbesuch in Friedrichshain-Kreuzberg augenzwinkernd vor. Alle lachten. Keiner der Anwesenden sah darin offenbar ernsthaft eine Möglichkeit, den seit drei Sommern bestehenden Konflikt zwischen genervten Anwohnern und feierfreudigen Brückengästen im Graefekiez zu lösen. Doch seitdem ist die Idee in der Welt – und tatsächlich wurden inzwischen Briefe ähnlichen Inhalts an Reiseführerverlage verschickt.“

Jetzt im September ist das Berliner Wetter wieder etwas kühler geworden und ich bin gespannt, wie die Mediation weiter geht. Christa D. Schäfer

Interkulturelle Mediation

Das Wort „interkulturell“ wird in der Zwischenzeit in ganz vielen Fachbereichen genutzt. Was es eigentlich genau meint, können die Wenigsten erklären. Auch im Bereich der Mediationsausbildung gibt es oft das Stichwort „Interkulturelle Mediation“, mal sehen, was es damit auf sich hat …

Also, nach Wikipedia ist die interkulturelle Kompetenz:

„die Fähigkeit, mit Menschen anderer Kulturkreise erfolgreich zu agieren, im engeren Sinne die Fähigkeit zum beidseitig zufriedenstellenden Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. Diese Fähigkeit kann schon in jungen Jahren vorhanden sein oder auch entwickelt und gefördert werden. Dies wird als interkulturelles Lernen bezeichnet. Die Basis für erfolgreiche interkulturelle Kommunikation ist emotionale Kompetenz und interkulturelle Sensibilität.“

Zum Stichwort des interkulturellen Lernens bzw. der interkulturellen Kompetenz gibt es verschiedene Teilziele. Das sind zunächst der bewusste und kritische Umgang mit Stereotypen, der Aufbau von Akzeptanz für andere Kulturen, die Überwindung des Ethnozentrismus, aber auch ein Verständnis der eigenen Kulturverhaftung sowie ein Fremdverstehen.

Petra Haumersen und Frank Liebe weisen in ihrem Buch „Mediation in der interkulturellen Arbeit“ darauf hin, dass man sich bei dem Versuch, den Begriff „interkulturell“ näher zu bestimmen, gelegentlich wie in einer Auseinandersetzung mit einer Hydra vorkommen: „Aus jeder vermeintlich erreichten Klärung können unversehens neue Fragen erwachsen, die ihrerseits wieder der Klärung bedürfen.“ (Buch, S. 19)

Und weiter heißt es:

„Von „interkulturell“ zu sprechen, beinhaltet logisch, dass es um Unterschiede zwischen mindestens zwei Kulturen geht. Dies gilt so erst recht für die Situation eines interkulturellen Konflikts …: Schon das Vorhandensein eines Konflikts setzt voraus, dass zumindest unterschiedliche Interessen – zumeist in der Gestalt gegensätzlicher Positionen – vorliegen. Das Vorhandensein eines interkulturellen Konflikts setzt darüber hinaus voraus, dass es zwischen den Konfliktparteien außerdem einen Unterschied hinsichtlich ihrer kulturellen Zugehörigkeit gibt.“ (ebenda)

Einen ganz grundsätzlichen Unterschied gibt es zwischen interkultureller und intra-kultureller Mediation: Gewöhnlich kann man bei einer Mediation von einem gemeinsamen Wertekanon (Werte und Weltsicht) ausgehen. Im Falle einer interkulturellen Mediation muss jedoch die unterschiedliche Werteorientierung in den Prozess integriert werden.

Eine Mediation zwischen zwei Medianden aus unterschiedlichen Kulturen ist in diesem Sinne nicht unbedingt interkulturell. Dagegen kann eine Mediation zwischen zwei Medianden aus ein und demselben Land durchaus interkulturell sein … Zudem ist interkulturelle Mediation als Methode des konstruktiven Umgangs mit einem Konflikt mehr als der Umgang mit interkulturellen Konflikten. Und interkulturelle Mediation meint stets die Auseinandersetzung auch mit unterschiedlichen Wertevorstellungen.

Da schließt sich meine Frage an: Ist Mediation in diesem Sinne nicht sehr oft interkulturell, auch wenn ich eine „deutsche Familie“ oder zwei „türkische Nachbarn“ im Streit vor mir sitzen habe? Ebenso wie sie per se grundsätzlich systemisch ist? Siehe dazu auch einen früheren Artikel in diesem blog zum Thema Interkulturelle Mediation in der Gemeinwesenmediation.

Interkulturelle Kompetenz kann übrigens schon ab frühester Kindheit gelernt werden. Dazu gehört u.a. eine Erziehung zur Offenheit anderen gegenüber, zum achtsamen Umgang miteinander sowie zur Toleranz. Das kleine Buch der Sozialwissenschaftlerin Wilma Osuji mit Titel „Die 50 besten Spiele zum interkulturellen Lernen“ will die Grundlage zur interkulturellen Kompetenz für den Kindergarten- und Grundschulbereich geben. In dem Büchlein aus dem don bosco Verlag findet man leicht umsetzbare Spielideen, die bei jungen Kindern emotionale Intelligenz und interkulturelle Sensibilität fördern. Es sind:

  • Spiele, die neugierig machen
  • Spiele, die verschiedene Sprachen näher bringen
  • Spiele aus verschiedenen Ländern
  • Spiele zu kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden
  • Spiele für Empathie, Vertrauen und Wir-Gefühl

Osuji schlägt vor, im Spiel durch praktisches Tun interkulturell zu lernen. Sie will damit u.a. typische Handlungs- und Verhaltensweisen verschiedener Kulturen erfahrbar machen, Empathie herausfordern, unterschiedliche Wahrnehmungen thematisieren und Vorurteile bewusst machen. Dieses Büchlein bietet für 5 Euro 50 wunderbare Spielideen. Das Spiel vom „Kopfschütteln und Nicken“ (Spiel Nr. 33) möchte ich hier exemplarisch für alle anderen gerne vorstellen und zur Nachahmung empfehlen:

„Wenn ein Mensch in Bulgarien mit dem Kopf schüttelt, heißt das „Ja“. Nickt er mit dem Kopf, bedeutet das „Nein“ – also genau andersherum als in Deutschland. Daraus kann Verwirrung entstehen – oder ein lustiges Reaktionsspiel: Die Kinder sitzen beieinander. Nun stellt ein Kind eine Frage, z.B.: „bulgarisch: Können Vögel fliegen?“ Die richtige Antwort der anderen Kinder darauf ist ein Kopfschütteln. Fragt das Kind z.B. „deutsch: Haben Zebras Streifen?“ erfolgt ein Kopfnicken. Hat ein Kind falsch reagiert, gibt es ein Pfand ab.“

Wer sich auf das Wagnis einlässt Fremdes kennen zu lernen,
wird letztlich viel über sich selbst erfahren !! (Wilma Osuji)

Christa D. Schäfer

Intervision / Kollegiale Fallberatung für MediatorInnen

Strebt ein Mediator eine Anerkennung beim Bundesverband Mediation (BM e.V.) an, so muss er oder sie mindestens 20 Stunden Intervision mit einbringen. Intervision meint hierbei die Arbeit in einer eigenverantwortlichen Lerngruppe über mediationsbezogene Themen, z.B. Rollenspiele, Konfliktanalyse, Fallbesprechung, Literaturstudium o.ä. Oft verläuft diese Intervision im Rahmen der Mediationsausbildung mehr schlecht als recht, meist steht keine Arbeitsform hinter dem Intervisionsformat der Arbeitsgruppe.

Dabei ist die Intervision eindeutig eine kollegiale Beratungsform, die der Supervision nahe steht, aber dennoch zur Supervision einige gravierende Unterschiede mitbringt. Günstigerweise läuft die Intervision bzw. Fallberatung über das Format der Kollegialen Fallberatung.

In Anlehnung an das Buch von Bernd Schmid, Thorsten Veith und Ingeborg Weidner möchte ich das Thema “Einführung in die Kollegiale Beratung“ so vorstellen, dass Sie als Leser dieses Blogs diese Methode leicht und einfach in Ihrer Intervisionsgruppe anwenden können.

Eine gute Beratungsgröße für die Bearbeitung eines Anliegens liegt dabei zwischen vier und sechs Teilnehmern, für größere Gruppen schlagen die Autoren beispielsweise das Setting des Beratermarkts vor. Das Verteilen von Rollen ist eine der Grundvoraussetzung für ein gutes Gelingen der Sitzungen, für Anfänger empfiehlt sich die Orientierung an einem Leitfaden für den Prozess.

Rollen in der Kollegialen Fallberatung

Jeder Teilnehmer an der Kollegialen Fallberatung übernimmt eine klar definierte Rolle. Dabei gibt es zunächst den Fallgeber (bzw. Ratsuchenden), also diejenige Person, die den Fall in die Beratung hineingibt. Er ist bereit, offen über sein Anliegen zu sprechen und dieses möglichst umfassend darzustellen.

Der Moderator leitet das Gespräch und achtet darauf, dass die verschiedenen Phasen des Beratungsprozesses eingehalten werden. Er kann zeitgleich die Rolle des Zeitwächters einnehmen, falls kein extra Zeitwächter in der Gruppe vorher ernannt wurde.

Die Berater treten dem Fallgeber in respektvoller Haltung und mit ehrlichem Interesse entgegen. Sie stellen sich zunächst auf die Sichtweise des Fallgebers ein und akzeptieren, dass das eingebrachte Thema ein Problem für den Fallgeber darstellt. Sie spiegeln offen, ehrlich und ressourcenorientiert Ihre Eindrücke und Wahrnehmungen. Ihre Aufgabe ist es, Ideen zu liefern und den Fallgeber zu unterstützten, eine für ihn passende Lösung zu finden.

Die Rolle eines Beobachters ist nicht zwingend notwendig, ist allerdings gut dazu geeignet, um Feedback zum Arbeitsprozess und zu den Teilnehmern einzuholen.

Grundform für einen Leitfaden im kollegialen Beratungsprozess

  1. Rollen- und Zeitvereinbarung: Ein Fallgeber, verschiedene Berater, ein Moderator und ein Beobachter werden ausgewählt. Die Dauer der kollegialen Beratung wird festgelegt. (5 Minuten)
  2. Anliegen: Der Fallgeber stellt sein Anliegen dar und formuliert zwei bis drei zentrale Fragestellungen. (10 Min.)
  3. Die Berater erfragen das Ziel der Beratung und wesentliche Perspektiven des Problemes. (20 Min.)
  4. Die Berater überlegen sich Hypothesen zur Klärung des Problems, der Fallgeber hört konzentriert zu. Hier geht es nicht darum Lösungen zu geben oder Ratschläge zu erteilen. (15 Min.)
  5. Der Fallgeber priorisiert die Hypothesen und entscheidet, welche er als für ihn weiterführend ansieht. (5 Min.)
  6. Es gibt ein Gruppenbrainstorming, bei dem Berater und Beobachter Lösungsideen formulieren, die dem Fallgeber helfen sollen, in Bezug auf die Herausforderung konkret etwas anderes tun zu können. Der Fallgeber hört auch in dieser Phase intensiv zu. (15 Min.)
  7. Der Fallgeber bewertet die Lösungsideen und entscheidet, welche für seine Fragestellung hilfreich sind. (10 Min.)
  8. Abschließend gibt es eine Prozessreflexion, zunächst vom Beobachter, dann von allen Anwesenden im Prozess. (5 Min.)

Beim nächsten Treffen wird der Fallgeber berichten, was er unternommen hat, was aus seiner Sicht gut gegangen ist bzw. was nicht und welche Folgefragen entstanden sind.

Diese vorgestellte Form der Kollegialen Fallberatung ist systemisch geprägt und enthält Hypothesenarbeit. Je nach Beratungsintention kann der Leitfaden variiert, abgewandelt oder ergänzt werden. Das von mir zugrunde gelegte Buch „Einführung in die kollegiale Beratung“ beschreibt die Thematik kompakt, griffig und lebensnah. Es gibt vielfältige Anregungen für Anfänger und Fortgeschrittene und die Ausführungen sind darum auch für MediatorInnen eine prima Lektüre. Fallbeispiele machen es leicht, den theoretischen Ausführungen zu folgen und die Methode anschließend auf die eigene Praxis zu übertragen.

In Berlin treffen sich beispielsweise aktive StadtteilmediatorInnen regelmäßig zur Intervision, auch hier liegt zur Fallbesprechung das Format der Kollegialen Fallberatung zugrunde. Hier wird unter MediatorInnen gemeinsam an der Lebenswelt und am Beispiel gelernt, hier wird Wissen gemanagt und es werden Kooperationsstrukturen aufgebaut. Hoffentlich wird es diese kollegiale Struktur im Bereich der Berliner Stadtteil- und Gemeinwesenmediation noch lange geben …

Christa D. Schäfer

Page 1 of 5

Copyright©mediation-berlin-blog.de 2008

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén