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Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Category: Konfliktlösung (Page 1 of 11)

Kinder können sich nach der Trennung ihrer Eltern nicht zweiteilen – und das sollen sie auch nicht

“Das doppelte Lottchen” von Erich Kästner erschien 1949 und war eines der ersten, welches Scheidung thematisierte und die Perspektive von Kindern darauf in den Mittelpunkt rückte. In einer Szene des Buches sagt Lottes Lehrerin zu Frau Körner (Luises und Lottes Mutter), dass verheiratete Frauen ihre Männer zu wichtig nähmen. Dabei sei nur eines wesentlich: das Glück der Kinder! Worauf Frau Körner antwortet: “Glauben Sie, dass meine Kinder in einer langen, unglücklichen Ehe glücklicher geworden wären?”

Fast siebzig Jahre später ist ebendiese Frage noch immer brandaktuell. Nicht nur in Online-Foren gibt es hitzige Diskussionen darüber, was gut für Kinder ist, wie schmerzhaft eine Trennung ihrer Eltern, ob Scheidungskinder anders durch das Leben gehen und Beziehungen führen als Menschen, deren Eltern zusammenbleiben, und natürlich – wie sich Eltern nach der Trennung verhalten sollten, wer die “Schuld” trägt am Nicht-Kontakt zwischen einem Elternteil und den Kindern usw.

Ich möchte für diesen Zusammenhang ein Buch vorstellen, das sich an Väter richtet und dafür plädiert, dass diese Verantwortung für ihre Kinder übernehmen – auch nach der Trennung. Das Buch heißt “Stark und verantwortlich – Ein Ratgeber für Väter nach Trennungen”, ist von den Autoren Eberhard Schäfer und Marc Schulte geschrieben und erschien als 3. Auflage 2015 im Pinguin Druck.

Dies Buch bedient keine maskulinistischen Väterrechtsnarrativen. Die Autoren machen immer wieder klar, dass es um Wege der Verständigung und Kooperation mit der Mutter der Kinder geht und nicht um einen Krieg um die Kinder – es ist also kein Ratgeber gegen Mütter! Sehr gut fand ich, dass die Interessen von Kindern immer wieder in den Mittelpunkt gestellt werden und es nicht in erster Linie um die Kränkung des Vaters in seiner Beziehung geht, sondern darum, wie ganz praktisch der Kontakt zwischen den Eltern aussehen sollte und was sich Kinder von ihren getrennten Eltern wünschen.

Die Autoren stellen zunächst verschiedene Modelle vor, die Familien leben können nach einer Trennung: das Residenzmodell, das Doppelresidenzmodell/Wechselmodell, das Nestmodell oder die Familien-WG. Das Residenzmodell bezeichnet, dass das Kind/die Kinder hauptsächlich bei einem Elternteil (i.d.R. der Mutter) leben und jedes zweite Wochenende beim anderen; Feiertage werden aufgeteilt. Das Doppelresidenzmodell/Wechselmodell dagegen sieht vor, dass das Kind/die Kinder z.B. eine Woche beim einen, die andere Woche beim anderen Elternteil leben. Beim Nestmodell wohnen die Kinder an einem festen Lebensort (dem “Nest”), und die getrennten Eltern nutzen dieses abwechselnd mit den Kindern. Zuletzt wird eine Familien-WG vorgestellt, in der die Eltern mit den Kindern zusammen wohnen, aber getrennt sind, das Ganze funktioniert wie in einer WG. Das Buch macht auch Vätern Mut, die in anderen Städten als ihre Kinder wohnen, und es wird gezeigt, dass viele Kinder mit Bahn, Bus oder Flugzeug reisen, um das eine Elternteil zu sehen, und dass Kontakt auch über räumliche Distanz gehalten werden kann.

Wie erwähnt, stehen die Kinder in diesem Ratgeber im Mittelpunkt. Dazu folgenden Ausschnitt:

“Das Kind im Blick: Was mildert die Zerissenheit des Kindes?
Trennungen gehen an Kindern nicht spurlos vorüber. 70 Prozent aller Kinder zeigen psychische Reaktionen auf die Trennung ihrer Eltern. Hier einige Zahlen zu den kurz- und mittelfristigen Auswirkungen von Trennungen auf Kinder:
37 Prozent reagieren mit depressivem Verhalten, Ängsten und schlechteren Schulleistungen,
20 Prozent reagieren mit psychosomatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, chronischen Magen-und Darmstörungen oder Hautausschlag,
13 Prozent reagieren mit aggressivem Verhalten, Wutanfällen und Lügen,
30 Prozent aller Kinder zeigen keine sicht- oder messbaren Reaktionen auf die Trennung der Eltern.

Wenn es den Eltern nach der Trennung gelingt, ein gutes Elternteam zu bleiben bzw. zu bilden und sich gemeinsam um ihre Kinder zu bemühen, verschwinden diese Folgen meist innerhalb eines Jahres. Kinder können sich relativ rasch auf die neue Situation einstellen, vorausgesetzt, den Eltern gelingt es, ein neues Miteinander zu finden. Das Drama vieler Kinder ist nicht, dass Mama und Papa sich als Paar trennen, sondern, wenn in Folge der Trennung ein Elternteil sich von den Kindern zurückzieht oder vom anderen Elternteil herausgedrängt wird – und wenn die Eltern im Streit verharren.

Für ihr Kind wirkt es entlastend, wenn es erlebt, dass seine Eltern sich nicht seinetwegen streiten, dass sie respektvoll miteinander umgehen und sich darum bemühen, dass es dem Kind gut geht.”   (Schäfer, Eberhard & Schulte, Marc: Ein Ratgeber für Väter nach Trennungen, S. 61)

Ganz besonders berührend fand ich die “Zwanzig Bitten von Kindern an ihre getrennten Eltern”. Einige davon möchte ich hier mit Ihnen teilen:

1. Vergesst nie: Ich bin das Kind von euch beiden. Ich habe zwar jetzt einen Elternteil, mit dem ich vielleicht öfter zusammen bin und und der die meiste Zeit für mich sorgt. Aber ich brauche den anderen genauso.
2. Fragt mich nicht, wen von euch beiden ich lieber mag. Ich habe euch beide gleich lieb. Macht den anderen also nicht schlecht vor mir. Denn das tut mir weh.
4. Redet miteinander wie erwachsene Menschen. Aber redet. Und benutzt mich nicht als Boten zwischen euch – besonders nicht für Botschaften, die den anderen wütend oder traurig machen.
5. Seid nicht traurig, wenn ich zum anderen gehe. Der, von dem ich weggehe, soll auch nicht denken, dass ich es in den nächsten Tagen schlecht habe. Am liebsten würde ich ja immer bei euch beiden sein. Aber ich kann mich nicht in zwei Stücke reißen – nur weil ihr unsere Familie auseinandergerissen habt.
8. Gebt mich nicht wie ein Paket vor der Haustür des andern ab. Bittet den anderen für einen kurzen Moment rein und redet darüber, wie ihr mein schwieriges Leben einfacher machen könnt. Wenn ich abgeholt oder gebracht werde, gibt es kurze Momente, in denen ich euch beide habe. Zerstört das nicht dadurch, indem ihr euch anödet oder zankt.
13. Einigt euch fair übers Geld. Ich möchte nicht, dass einer von euch viel Geld hat – und der andere ganz wenig. Es soll euch beiden so gut gehen, dass ich es bei euch beiden gemütlich habe.   (ebenda, S. 61 f.)

Um noch einmal auf Erich Kästner zurückzukommen, in seiner Autobiographie „Als ich ein kleiner Junge war” beschreibt er, wie er als Kind vor der Bescherung an Weihnachten Angst hatte. Seine Eltern waren zwar nicht getrennt, aber in ihrer Liebe zu ihm waren sie aufeinander eifersüchtig, und sie versuchten sich in den Geschenken für ihn gegenseitig zu überbieten. Er musste immer bedacht sein, beide Elternteile gleich glücklich anzulächeln, obwohl ihm eher zum Weinen war. Kästner schreibt, wie er als Kind im ewigen Pendelverkehr zwischen seinen Eltern stand, sich zur rechten und linken Tischhälfte hin gleich freuen musste, nirgends zu lange, nirgends zu flüchtig.

Nun spielten sich die beschriebenen Szenen zwar im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ab. Aber als ich den “Ratgeber für Väter nach Trennungen” las – insbesondere die 20 Bitten an Eltern – , da dachte ich, dass sich manches eben doch nicht so schnell ändert wie es erforderlich wäre. Das heißt – geändert hat sich bei vielen getrennten Familien schon einiges. Aber das geht eben nicht automatisch! Dafür müssen Eltern zunächst erkennen, dass ihr Verhalten gegen ihre/n (Ex-)PartnerIn auch ihre Kinder verletzt, anschließend folgt die Einsicht der Änderung und die Änderung selbst. Nicht einfach, aber es lohnt sich. Ihre Kinder werden es Ihnen danken. Helfen kann Eltern dabei dieses Buch, und gerade die Interviews mit Vätern machen z.B. die unterschiedlichen Wohnmodelle und ihre Vor-und Nachteile greifbarer und weniger theoretisch.

Ungewöhnlich und schön ist, dass das Buch allen Beteiligten wertschätzend begegnet und verschiedene Positionen in den Blick nimmt, also auch keine Stimmung gegen Mütter/Ex-Partnerinnen macht. Das Buch kann also auch Müttern empfohlen werden. Es lässt sich schnell und gut lesen, ist übersichtlich, gut verständlich und strukturiert geschrieben und zeichnet sich vor allem durch seine Praxisnähe aus.

Viel Erkenntnisgewinn und alles Gute auf Ihrem Weg wünscht Ihnen
Christa Schäfer

Lesen Sie mehr zu Trennungs- und Scheidungskindern …

I am proud to present you: Die partizipative Schule. Mit innovativen Konzepten zur demokratischen Schulkultur

In Schulen wächst das Bedürfnis nach Methoden und Konzepten, mit denen sie Gewalt vorbeugen, Probleme lösen und Konflikte bearbeiten können. Ziel der Implementierung partizipativer Methoden ist es, den Wert von Schule als Lern- und Lebensort zu steigern. Das soziale Klima an Schulen wird dadurch nachhaltig gestärkt, das Lernverhalten der Schüler verändert sich positiv und Lehrer und Schüler gestalten ihre Schule gemeinsam.

Mein neues Buch „Die partizipative Schule. Mit innovativen Konzepten zu einer demokratischen Schulkultur vermittelt kompakt die Grundlagen der partizipativen Schulentwicklung als Voraussetzung für demokratische Strukturen. Im praktischen Teil profitiert der Leser anhand zahlreicher Praxisprojekte von Anregungen und Erfahrungsberichten und findet außerdem Unterstützung für die Umsetzung an der eigenen Schule. Ergänzt wird das Buch durch zahlreiche exklusive Online-Materialien.

Ende letzten Jahres geschrieben,
Anfang diesen Jahres gesetzt und gedruckt,
jetzt erhältlich !!

Das Buch eignet sich hervorragend als Ferienlektüre für die anstehenden Sommerferien, denn dann können Sie nach den Ferien mit neuen Ideen in das neue Schuljahr starten. Es ist geeignet für Schulleitungen, Lehrkräfte, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Erzieherinnen und Erzieher, Eltern und viele weitere an Schule Beteiligte.

Gerne können Sie Ihre Eindrücke zum Buch hier im Blog, auf amazon oder auch persönlich bei mir rückmelden.

Und natürlich können Sie bei mir anfragen für:

  • Beratung für Schulentwicklung
  • Coaching für Schulleitungen und Lehrkräfte
  • Mediationen für Konflikte in Schulen
  • Moderation für Studientage, Zukunftswerkstätten, Open Space Veranstaltungen und World-Cafés
  • Projektbegleitung für Programme zur demokratischen Schulkultur
  • Training für pädagogische und kommunikative Themen

Lassen Sie uns in Verbindung bleiben.
Ich freue mich auf Sie.
Dr. Christa D. Schäfer

 

Sie können das Buch bestellen,
indem Sie auf folgenden Link klicken:

Finde zu dir selbst zurück …

Wirklich, ich lese viele Bücher. Manche würden sagen zu viele Bücher. Die meisten Bücher sind mittelmäßig, aber zwischendurch gibt es dann einige, die wirklich beeindrucken. So ein Buch möchte ich heute gerne vorstellen.

Es handelt von wirksamen Wegen aus dem Burnout.

Und weil das Buch es so auf den Punkt bringt und ich es nicht besser sagen könnte, möchte ich hier eine längere Passage aus dem Buch zitieren:

Leben ist Beziehung

„Wissen Sie, wo der meiste Stress entsteht? In Beziehungen. Wir sind ständig in Beziehung – ob auf der Straße, ob beim Einkaufen, ob an unserem Arbeitsplatz oder in unserem Privatleben. Und wir stehen ständig in Beziehungen mit uns selbst. Beziehung zu sich selbst und eine gute Beziehung zu anderen ist Grundlage für ein gesundes und erfolgreiches Leben. Leben ist Beziehung. Leben ist Begegnung. Wir brauchen Beziehung und Begegnung, um zu leben – und zwar sowohl die Begegnungen im Außen als auch im Innen, mit uns selbst. Wir Menschen erfahren uns über Beziehung.

Menschen, die aufgrund eines Burnouts zu mir in die Beratung kamen, gelang dies nicht mehr. Sie verfügten entweder über keine sozialen Beziehungen mehr, lebten entweder in „leeren“ Beziehungen oder in überwiegend konfliktreichen. Und niemand, der ausgebrannt war, stand noch in Beziehung zu sich selbst. Die Betroffenen hatten sich also nicht, wie allgemein angenommen, an einer reinen Überlastung oder Stress erschöpft, sondern an der Tatsache, dass sie in Beziehung zu sich und ihrem Leben verloren hatten und ein Leben fernab ihres wahren Selbst lebten.“

Quelle: Prieß, Mirriam: Finde zu dir selbst zurück. Wirksame Wege aus dem Burnout. München: Südwest Vlg 2014. S. 11 f

Das Buch, aus dem dieses Zitat stammt, trägt den Titel Finde zu dir selbst zurück! Es stammt von Dr. med. Mirriam Prieß und zeigt einerseits wodurch Burnout entsteht und andererseits wie der Weg aus einem Burnout gemeistert werden kann.

Viele Menschen führen ein Leben fernab von sich selbst. Sie agieren und reagieren und laufen wie im Hamsterrad durch die Tage und die Jahre. Oft ahmen sie dabei unbewusst das nach, was Ihnen vorgelebt wurde, was sie für die Wahrheit halten. Wichtig ist also im Burnout sich die Frage zu stellen, was einen geprägt hat. Vielleicht ist das, was mich geprägt hat, gar nicht das, was meiner inneren Identität entspricht?

Dann kommen die inneren Realitiäten ins Spiel. Stress entsteht nicht durch eine Situation an sich, sondern immer daraus, was ich aus einer Situation mache, wie ich über die Situation denke und fühle. Die Bewertung der Situation entscheidet also darüber, ob ich in Stress gerate oder nicht. Nun ist es ja so, dass ich Situationen so bewerte, wie ich sie bewerte. Und das ist auf meine Erfahrungen zurück zu führen. Innere Realitäten sind – nach Prieß – „subjektive Welten und Wahrheiten, die in Momenten der Ohnmacht, des inneren Rückzugs, entstanden sind. Es sind ursprünglich äußere Realitäten gewesen, von denen wir uns überwältigt gefühlt, denen wir uns hilflos unterworfen und die wir aufgrund von fehlender eigener Identität übernommen und zu unserer Wahrheit gemacht haben“ (ebenda, S. 41).

Also müssen wir uns im Falle eines Burnouts auch mit unseren Inneren Realitäten auseinander setzen …

Mirriam Prieß betrachtet sechs Lebensbereiche (Partnerschaft, Glaube, Soziale Kontakte, Individualität und Hobbys, Gesundheit, Beruf) als Fundamente für ein gesundes und erfülltes Leben. Wunderbar, dass sie in Bezug auf diese Lebensbereiche Leitfragen zur Selbstreflexion und vielfältige Hinweise gibt, die unterstützen, sich in diesen Lebensbereichen wieder zu Hause zu fühlen.

Wer also mal ein wirklich gutes Buch zum Thema Burnout lesen möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen …

Hier finden Sie 10 Tipps zum Nein-Sagen

Und übrigens: Leben Sie Ihren Traum oder träumen Sie Ihr Leben?

Christa D. Schäfer

2014

Christa_D_Schaefer

 

Am Jahresanfang 2014
möchte ich mich gerne für das in mich gesetzte Vertrauen bedanken bei:

meinen Blogleserinnen und Lesern
meinen Coachees
meinen Medianden
meinen Studentinnen und Studenten
meinen TrainingsteilnehmerInnen aus den vielen Seminaren und Trainings
den Autorinnen und Autoren, mit denen ich im intensiven Austausch war
den Buchverlagen, mit denen ich zusammenarbeiten konnte
meinen Kolleginnen und Kollegen

Christa D. Schäfer
Januar 2014

Konflikte? Mediation!

Konflikte fordern uns heraus

Das kann man wohl sagen. Jede(r), der sich an einen dicken Streit erinnert, spürt förmlich noch im Nachhinein körperlich die Herausforderungen, in denen er zu Streitzeiten gesteckt hat.

Mediation als Brücke zur Verständigung

Das können MediatorInnen bestätigen. Jede(r), die bzw. der schon als Mediatorin oder als Mediator einen Streit mediiert hat, kennt wahrscheinlich das Gefühl der Erschöpfung nach einer langen Mediation, aber auch das Gefühl der Befriedigung, wenn alles gut gegangen ist.

Konflikte fordern uns heraus. Mediation als Brücke zur Verständigung

Dies ist der Titel des Buches, über das ich heute an dieser Stelle berichten möchte. Es stammt von Gary Friedman und Jack Himmelstein, zwei bekannten und herausragende Mediatoren, bekannt in den USA und in Europa. Das 2008 mit dem Titel „Challenging Conflict: Mediation Through Understanding“ erschienene Buch hat bereits eine Erfolgsgeschichte in den USA hinter sich. Jetzt gibt es das 346 Seiten dicke Buch endlich auch auf Deutsch.

Das Herausragende an dem Buch sind die 10 Fallgeschichten. Alle Fallgeschichten werden lebensnah und gut nachvollziehbar geschildert. Längere Passagen mit Beschreibung der Mediation werden durch Originalzitate aus den Mediationsgesprächen ergänzt und mit theoriebasierten Erläuterungen zum Geschehen vervollständigt. So bietet das Buch einen perfekten Mix zwischen einem Einblick in unterschiedliche Mediationsfälle und theoretischen Aspekten zum verstehensbasierten Modell der Mediation.

Aber zunächst erst einmal zu den 10 Fallgeschichten, die hier kurz vorstellt werden sollen:

Die Blockade auf der Finca beschreibt einen Streit zwischen Graziella und Ricardo, zwei Geschwistern, die gemeinsam Land geerbt, dort eine Finca mit Gästebetrieb aufgebaut hatten und jetzt in zunehmenden Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten über die Leitung des Ressorts sowie die Pläne für Gästebetrieb und Garten verstritten waren.

Radix und Argyle sind zwei Wirtschaftsunternehmen, die seit einigen Jahren einen erbitterten Rechtsstreit über viele Millionen Dollar führten. 20 Spitzenvertreter der beiden Unternehmen führten zusammen mit ihren Anwälten eine Art „Mediatorencasting“ durch, um den für den Streit geeigneten Mediator zu finden.

Mrs. Sara Levi ist eine ältere Dame mit Gehstock, die keinesfalls schwach ist, sondern diesen Gehstock mitunter sogar lieber als Waffe denn in seiner ursprünglichen Funktion nutzen wollen würde. Sie wird zur Mediation von ihrem Neffen Adolfo begleitet, was vorher nicht abgesprochen war. Mr. Patrick McAllister ist die zweite Streitpartei. Er hatte die Aufgabe, die Memoiren der alten Dame über ihre Holocaust-Zeit nieder zu schreiben. In diesem fall mussten erst einmal die Rahmenbedingungen für die Mediation geschaffen werden.

Eine weitere Fallbeschreibung berichtet über ein Naturschutzgebiet, das seit Generationen im Besitz von Kimberleys Familie liegt. Das Gebiet selber war noch relativ unberührt, das Land außen herum litt bereits stark unter den Folgen intensiver Bebauung. Um zu verhindern, dass einer ihrer Erben das Land veräußert, hat Kimberley 160 Hektar Land an eine gemeinnützige Umweltorganisation gestiftet. Dort wird ein Unterausschuss zum Schutz des Landes gegründet. Investoren lauern darauf, endlich diese Filetstücke bebauen zu können. Die Mediation fand mit 30 Personen in einer 200 Jahre alten Blockhütte statt.

Auch in der San Francisco Symphony haben Friedman und Himmelstein mediiert. Nach dem Scheitern von Vertragsverhandlungen blieben Wunden bei vielen Beteiligten zurück. Dies wirkte noch Jahre später, als neue Vertragsverhandlungen anstanden. Den Fall zeichnen viele Ungewöhnlichkeiten aus, bereits vor der Mediation werden mit allen Konfliktparteien Einzelgespräche geführt, die startende Mediation beginnt mit einer Übung, in der sich die Orchestermitglieder untereinander „zuhören“ sollen, …

Friedman und Himmelstein nennen das Aktive Zuhören, das Paraphrasieren, den Rapport beim gelungenen Pacing übriges das „Loopen“ …

Ein weiterer Fall beschreibt die Mediation zwischen Rick als Inhaber und Geschäftsführer eines kleinen Verlages und Charlene, einer Autorin des Verlages. Auch dieser Fall gestaltet sich (für uns deutsche LeserInnen) sehr ungewöhnlich. Die Anwälte beider Streitparteien sind bei der Mediation zugegen, das „Recht“ spielt eine große Rolle. Die Mediation selber beginnt mit einer Konferenzschaltung.

Ein Kapitel über Vor- und Nachteile von Einzelgesprächen legt die Argumente am Fall von Stephen (59 Jahre alt) und Jamie dar. Stephen hatte eine langjährige intime Beziehung zu Jamies älterem Bruder Eddie (64 Jahre alt). Stephen und Eddie wohnen zusammen. Jamie wusste zwar von der Freundschaft zwischen den beiden nicht aber von der Liebe. Als Eddie krank wurde, musste er rund um die Uhr gepflegt werden, was Stephan aber nicht leisten konnte. Jamie bekommt dies mit und zieht von einem Tag auf den anderen bei den beiden ein. Dass dies zu Verwicklungen führte, ist vollkommen klar. Auch in diesem Fall sind die Anwälte mit im Boot und Einzelgespräche mit den Konfliktparteien unabdingbar.

Auch ein Nachbarschaftsstreit fand Eingang ins Buch, nämlich der zwischen der 78-jährigen Nancy und Henry, einem erfolgreichen jungen Bauunternehmer. Der Mediation ging ein Vorfall voraus, in dem Nancy Henry fast umfuhr und Henry den Bezirkssheriff kontaktierte und Nancy wegen Körperverletzung festnehmen ließ. In der Schilderung dieser Mediation erfährt die Leserin / der Leser, wie MediatorInnen die Haltung der positiven Neutralität wahren können und wie selbst der Versuch der Streitparteien, die andere Streitpartei verstehen zu wollen, helfen kann.

Die Schilderung des Streits zwischen dem Bauunternehmer Colby und dem Hausbesitzer Larry zeigt, wie wichtig das Herausarbeiten von Interessen ist und wie die Lösungsoptionen für den Streit an diesen Interessen gemessen aufbauen.

Und schließlich zum letzten Fall im Buch: Martha, die Mutter der Schülerin Donna, die psychisch erkrankt ist, hat gegen die Schule ihrer Tochter geklagt, weil diese vollkommen unangemessen auf die Erkrankung ihrer Tochter reagiert hatte.

Bisher ist ein solcher Einblick in eine Mediationspraxis in Deutschland noch nicht zugänglich gewesen. Danke an den Wolfgang Metzner Verlag, der die Herausgabe des amerikanischen Mediationsklassikers ermöglicht hat.

Auf der Webseite vom Center for Understanding in Conflict, einem von Friedman und Himmelstein gegründeten Institut, kann man übrigens einige kurze Filmtrailer anschauen, in denen Friedman und Himmelstein über Mediation sprechen und Ausschnitte von Mediationen zu sehen sind.

Christa D. Schäfer

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