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Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Category: Mediationsverfahren (Page 2 of 12)

Mediation mit Living Puppets

Vor einiger Zeit lernte ich Nicole Buch kennen, eine junge Mediatorin, die mit Living Puppets in der Mediation arbeitet und viel Erfolg damit hat. Ich fragte Nicole Buch, ob sie in diesem Blog über ihre Arbeit berichten würde. Sie hat zugesagt und gibt uns im Folgenden einen Einblick in Ihre Arbeit. Besten Dank, liebe Nicole, sagt Christa

Nicole_Buch_mit_Living_Puppets

Die meisten Lehrer und Schüler finden Konflikte in der Schule ermüdend und fühlen sich überfordert. Mediation kann helfen und Spaß machen. Wie soll das gehen?

In meiner Position als ehemalige Stufenleiterin einer Realschule wurde ich oftmals während eines Konflikts zwischen Schülern um eine einvernehmliche Lösung bemüht. Die Lösung des Konflikts in der Schule wird heute durch den Einsatz von pädagogischen Maßnahmen/Ordnungsmaßnahmen beispielsweise entsprechend der „Verordnung zum Hessischen Schulgesetz“ in der „Verordnung über das Verfahren bei Ordnungsmaßnahmen“ geregelt.

Hier setzt meine Inspiration an. Ich wollte nicht mehr nur auf der Basis von Maßnahmenkatalog und Regeln entscheiden, denn hier bleiben die Gefühle, Bedürfnisse und Ängste der Schüler im Abseits. Der Auslöser des Konflikts bleibt ungeachtet im Raum stehen. Konflikte verstärken sich. Schüler und Lehrer fühlen sich oftmals überfordert. Verhaltensmuster wie Ausbruch von Aggression, Unruhe, Unsicherheit oder Rückzug sind oftmals die Folge.

Mediation – die Kunst Konflikte zu lösen. Kommunizieren – Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, das alles noch mit einer Lehrerin, die nicht nur Fachlehrerin, sondern auch noch Stufenleitung ist und alles dem „Direx“ erzählt, das geht gar nicht. Die beiden Schüler formulierten das so: „Frau Buch, das ist alles neu, wir können Ihnen nicht alles erzählen, sie sind hier der Chef.“ Ich musste also nach einer anderen Form der Mediation suchen, aber was war schülergerecht, einsetzbar für Jungs zwischen zwölf und vierzehn Jahren, pubertär, alles kritisch sehend, außer sich selbst, keine leichte Aufgabe.

Die Recherche nach schülergerechten Methoden blieb für mich erfolglos, erst einmal. Doch im Anblick meiner Stofftiere kam mir die Idee mit den Living Puppets, die bespielbaren Puppen einzusetzen. Puppen, die bereits in der Psychotherapie und der Heilpädagogik , wie auch bei der Behandlung von Demenzkranken eingesetzt wurden, also warum nicht in der Mediation? Ein Experiment – für mich ein neuer Weg – mit Puppen und zwei neugierigen Schülern, die so gemeinsam den Konflikt bearbeiten wollten. Für mich eine neue Methode – für die Schüler eine Chance.

Die Mediation mit den Puppen verlief nach einem „normalen Mediationsmuster“, mit einem gemeinsamen formulierten Memorandum. Wir bespielten die Puppen, waren eins mit den Puppen, einzig die Puppen waren aktiv – eine andere Welt war geschaffen, eine „Traumwelt“, eine „Erzählwelt“, eine „Mediationswelt“. Die Mediation verlief in einer ruhigen, entspannten Atmosphäre. Nach Aussage der Schüler vereinfachte der Einsatz der Living Puppets den Konflikt zu bearbeiten, Gefühle und Bedürfnisse zu formulieren, denn dort saßen nicht „Frau Buch“ und „nicht der Mitschüler“, sondern dort saßen die Puppen „Lene“, „Hanna“ und „Erik“.

Meine These:
Durch den Einsatz der Living Puppets erhalten die Schüler die Möglichkeit Gefühle und Gedanken auf eine andere Person (hier die Puppe) zu übertragen. Den Schülern gibt es die Gelegenheit ihre eigenen Gedanken mitzuteilen, die sie bedrücken und beschäftigen. Die Puppe gibt Ihnen die Chance ihre eigenen Gedanken mitzuteilen ohne die Konfliktpartei direkt ansprechen zu müssen. Die Puppe gestattet im Puppenspiel die Erarbeitung von Konflikten und seelischen Belastungen, die mit dem Konflikt in Verbindung stehen.

Meine Erkenntnis aus dem Experiment Living Puppets in der Mediation:
Durch den Einsatz der Living Puppets erhalten die Schüler die Möglichkeit Gefühle und Gedanken auf eine andere Person (hier die Puppe) zu übertragen. Den Schülern gibt es die Handhabe ihre eigenen Gedanken mitzuteilen, die sie bedrücken und beschäftigen. Die Puppe gibt den Schülern die Chance ihre eigenen Gedanken mitzuteilen ohne die Konfliktpartei direkt ansprechen zu müssen. Die Puppe gestattet im Puppenspiel die Erarbeitung von Konflikten und seelischen Belastungen, die mit dem Konflikt in Verbindung stehen. Puppen haben eine beseelende, bezaubernde Wirkung. In ihren unterschiedlichen Erscheinungsbildern öffnen sie den Schülern verschlossenen Welten, regen die Fantasie und den Spieltrieb an. Gudrun Gauda vermutet, dass „das… in erster Linie an dem Abbild des Menschen liegt, da viel hineingelegt werden kann an Persönlichkeit, an Charakter und Verhaltensweisen. Puppen sind wie Menschen eben auch so, wie wir Menschen uns (gerade jetzt) selbst“ gern hätten (Quelle: Gudrun Gauda: „Theorie und Praxis des therapeutischen Puppenspiels“, 2007, S.7).

Puppen können in dem Mediationsprozess ganz unterschiedliche Funktionen übernehmen, sie können bei der Aufarbeitung folgende Problematik helfen:

  • projizieren von Problemen auf die Puppe
  • Identifikation mit der Puppe
  • Aggressionsbewältigung durch die Puppe.

Puppen arrangieren in der Mediation einen besonderen Begegnungsraum in den verschiedenen Mediationsphasen. Sie helfen Konfliktparteien Zugang zur Mediation und zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu finden, sich frei zu äußern ohne Angst vor Konsequenzen. Sie fördern letztendlich die Vertrauensbildung.

Der Schüler kann alle seine Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse in die Puppe projizieren, die er selbst nicht auszudrücken vermag, die er sich wünscht oder die ihm fehlen. Er darf lachen, weinen, aggressiv sein, leise oder laut sein… . In diesem Moment übernimmt die Puppe eine beschützende Rolle, wenn die Puppe dabei ist, fühlt sich der Schüler sicher und geborgen. In dieser Mediation spiegelt der Schüler sein inneres Erlebtes auf die Puppe. Die Puppe übernimmt eine Stellvertreterfunktion.

Die Mediation mit Puppen – nicht nur eine Methode für Schüler – auch für Erwachsene, schüchterne zurückgezogene Persönlichkeiten. Die Living Puppets sind für mich zu einem elementaren Kommunikationsgegenstand und ein wesentlicher Bestandteil, in der Mediation einsetzbar.

Dieser Artikel richtet sich an alle MediatorInnen die experimentell, innovativ und offen für Neues sind.

Living Puppets bauen Brücken und helfen persönliche Täler zu überwinden.
* “vertrauliche Geschäftsgrundlage in der Entwicklung” *

Auch Sternenmännchen können Emotionen haben

In den Schulferien komme ich meist dazu, einige Sachen zu machen, die ich mir schon lange vorgenommen habe. Das geht Ihnen vielleicht genauso. Und schon lange habe ich mir vorgenommen, besser zeichnen zu lernen – nicht richtig zeichnen, sondern eher grafisch zu visualisieren.

Und deshalb meine Fragen an Sie zu Ihrem Arbeitsfeld:
Wie oft verwenden Sie die Möglichkeit zur Visualisierung?
Welche Hilfsmittel nutzen Sie?
Wie visualisieren Sie?
Wo haben Sie visualisieren gelernt?

Ganz ehrlich, am Anfang meiner Freiberuflichkeit vor ca 15 Jahren habe ich mich hauptsächlich auf die Sprache konzentriert. Paraphrasieren, aktiv zuhören, Fragen stellen, dem Gespräch Struktur geben, all das war das Wichtigste für mich als Neueinsteigerin im Feld Mediation / Coaching / Training.

Dann kam relativ schnell die Methode der Visualisierung hinzu. Visualisierungen lagen und liegen mir sehr am Herzen, da ich weiß wie Optisches die Konstruktionen über die Sichtweisen verdeutlichen können. Durch ein Bild kann etwas auf eine andere Art und Weise transportiert werden als in der Sprache, und manche Menschen verstehen einen Sachverhalt sogar erst durch eine Visualisierung oder ein Bild.

Stephan Ulrich, der ein Buch geschrieben bzw. gezeichnet hat zum Thema “Menschen grafisch visualisieren”, gibt Hinweise dazu, warum das Arbeiten mit Bildern bei der Wissensvermittlung und in der Prozessbegleitung so wertvoll ist:

  • Bilder regen die Hirnaktivität mehr an als das Hören eines Wortes.
  • Bilder sprechen anders als Worte sowohl das rationelle, als auch das kreative Denkzentrum an.
  • Der Betrachter eines Bildes ist aktiv, nicht passiv.
  • Konzentration und Aufmerksamkeit werden gesteigert.
  • Kreativität und emotionales Denken werden gefördert.
  • Ideenreichtum und verbaler Austausch werden potenziert.
  • Der Betrachter denkt über die visuellen Grenzen des Bildes hinaus.
  • Das Bild wird in aller Regel vor allen anderen Dingen wahrgenommen.
  • Sprachbarrieren werden durch eine gemeinsame visuelle Sprache überwunden.
  • Die Gedächtnisleistung wird um ein Vielfaches erhöht.
  • Bildhafte Informationsmengen sind komplexer als Wörter und werden Mit einem Blick erfasst.
  • Der visuelle Wahrnehmungskanal ist mit ca. 80 Prozent das mit Abstand wichtigste Lerninstrument des Menschen.

    (Ulrich, Stephan: Menschen grafisch visualisieren. Paderborn: Junfermann 2010. S. 8 – 10)

Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu visualisieren. Aussagen können zusammengefasst auf Flipchart geschrieben werden. Ich kann Moderationskarten nutzen. Ich kann als Mediatorin selber schreiben. Ich kann meinen Coachee bitten sein Ziel selber aufzuschreiben. Und ich kann sogar Skizzen anfertigen lassen von Situationen oder ich nehme Holzfiguren zur systemischen Verdeutlichung von Beziehungsstrukturen. Jede Möglichkeit der Visualisierung wirkt unterschiedlich, das wird mir immer wieder deutlich.

Visualisieren ist als solches bereits eine Intervention in Beratungsprozessen !!

Lange habe ich mein Augenmerk auf die Visualisierung mit Wort, Schrift und Skizzen gelegt. Erst in letzter Zeit gehe ich den nächsten Schritt, auch Visualisierung in Form von grafischen Zeichnungen zu nutzen und „Männchen“ zu zeichnen. Manche Versuche schlagen da natürlich fehl, aber es gibt immer wieder Flip-Charts, mit denen ich sehr zufrieden bin. Dabei hat mir das Buch von Stephan Ulrich aus dem Junfermann Verlag sehr geholfen. Es zeigt, wie man Menschen darstellen kann, ohne über großes zeichnerisches Talent zu verfügen. Ulrichs Männchen sind Sternmännchen, die besonders geeignet sind, da sie auf der geometrischen Grundfigur eines 5-zackigen Sterns basieren. Das sieht dann folgendermaßen aus:

Stephan Ulrich: Menschen grafisch visualisieren. Paderborn: Junfermann 2010. S. 13

Sternmännchen können übrigens auch Emotionen haben. Das glauben Sie nicht? Dann schauen Sie mal hier:

Stephan Ulrich: Menschen grafisch visualisiseren. Paderborn: Junfermann S. 19

Stephan Ulrich: Menschen grafisch visualisieren. Paderborn: Junfermann 2010. S. 20

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Versuchen Sie doch auch mal ein jubelndes, winkendes, entspanntes, fragendes, verwirrtes, wütendes, zitterndes oder schlafendes Sternmännchen zu malen …

Ja, und nun wissen Sie, was ich mir für die Sommerferien unter anderem vorgenommen habe. Schöne Ferien wünscht Ihnen Christa Schäfer

Artikel zu GfK visuell
Comic zu GfK in der Schule

Was ist Mediation?

Mediation ist ein Verfahren, bei dem zwei oder mehr in einen Konflikt verwickelte Personen zusammenkommen, um die Beilegung des Konflikts mit Hilfe einer unparteiischen dritten Person zu erarbeiten. MediatorInnen gehen strukturiert und dennoch prozessorientiert vor. Das Verfahren wird an verschiedenen Qualitätskriterien gemessen.

Mediation ist:
freiwillig
vertraulich
eigenverantwortlich
interessens- und bedürfnisorientiert
zukunfts- und lösungsorientiert
fragt nicht nach einem Schuldigen
produziert keine Gewinner und Verlierer

ausführlicher …

Derzeit bilde ich über das Institut für Mediative Kommunikation und Diversity-Kompetenz“, angesiedelt an der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie (INA gGmbH) der Freien Universität Berlin (in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Hochschulverband) Mediatorinnen und Mediatoren in verschiedenen Städten Deutschlands aus. Im Wintersemester 2012/2013 und im Sommersemester 2013 habe ich an der FU Berlin Studierende im 120stündigen Basismodul Mediation ausgebildet. Am Ende dieses Basismoduls sind Plakate zum Motto “Was ist Mediation?” entstanden.

Lange Zeit haben diese Plakate nun bei mir gelagert. Jetzt möchte ich sie hier im Blog in den folgenden Wochen der Öffentlichkeit vorstellen. Natürlich bedanke ich mich recht herzlich bei allen Studentinnen und Studenten für die gemeinsame intensive Arbeit und die Möglichkeit zum Abdruck der Plakate. Ihnen, sehr geehrte Leserinnen und Leser des Blogs wünsche ich viel Spaß beim Betrachten / Interpretieren / Assoziieren zu den Plakaten.

Mediation als Achterbahn

Mediation mit Herz

Weitere Plakate zur Frage “Was ist Mediation” demnächst …

Plakate zur Gewaltprävention im Stadteil hier …

Christa D. Schäfer

Wirtschaftsmediation

Das Thema Wirtschaftsmediation habe ich bisher in diesem blog etwas stiefmütterlich behandelt, das soll aber nicht so bleiben, zumal ich jetzt endlich ein Buch entdeckt habe, das ein echtes Juwel zum Thema darstellt …

Dorothea und Kurt Faller haben ein Buch geschrieben zur „Innerbetrieblichen Wirtschaftsmediation“. Sie leiten das Thema ein, indem sie berichten, dass Übergänge stets den Spirit zu etwas Neuem enthalten, in Zeiten des Übergangs allerdings immer die Risiken und Unannehmlichkeiten im Vordergrund zu stehen scheinen. Die späte Erfassung und Bearbeitung von Konflikten behindert eine kreative Lösungssuche, und zu einer gelingenden Konfliktbearbeitung und Lösungssuche im Wirtschaftsumfeld möchte das Buch gerne beitragen.

Eine der Stärken des Buches liegt darin, dass es die Grundlagen der systemischen Wirtschaftsmediation klar, strukturiert und komprimiert darstellt. Innerbetriebliche Konfliktbearbeitung wird als Element der Organisationsentwicklung gesehen. Der Wirtschaftsmediator sollte deutlich machen, dass Mediation eine „dienende Disziplin“ im Unternehmen darstellt. Der Mediator / die Mediatorin sollte mit Achtung und Respekt an seine / ihre Aufgabe gehen, damit ein Klima der gemeinsamen Verantwortung für die Lösung des Konflikts entstehen kann.

Besonders fasziniert haben mich die Kapitel, in denen Dorothea und Kurt Faller auf die Pre-Mediation (Vor-Phase) eingehen und einen Werkzeugkasten für die innerbetriebliche Konfliktberatung vorstellen, der aus 12 Techniken besteht.

Grafik_Medius-Werkzeugkasten

Jede dieser Techniken wird dargestellt, schrittweise erläutert, mit Verlaufsgrafiken versehen und mit einem Beispiel ergänzt. Beeindruckend! Damit wird das Buch zu einem Werk, das für WirtschaftsmediatorInnen zu einem Art Kompendium werden kann. Man erfährt die Vielfältigkeit der Konfliktbearbeitungsmöglichkeiten in Betrieben, kann stets nachschauen und sich verschiedener Methoden versichern und letztlich diejenige auswählen, die am Besten zur Bearbeitung des Konflikts passt. Damit ist das Buch sowohl für Mediationsanfänger geeignet, die sich über die Wirtschaftsmediation erkundigen möchten, als auch für Mediationsprofis, die der Mediation angrenzende Formate der Konfliktbearbeitung kennen lernen wollen.

Übrigens wird auch Edgar Schein mit seiner „Prozessberatung für die Organisation der Zukunft“ in dem Buch zitiert, mitsamt der zehn Punkten für die helfende Haltung des Beraters, also auch des Mediators:

  1. Versuche stets zu helfen
  2. Verliere nie den Bezug zu der aktuellen Realität
  3. Setze dein Nichtwissen ein
  4. Alles, was du tust, ist eine Intervention
  5. Das Problem und seine Lösung gehören dem Kunden
  6. Geh mit dem Flow
  7. Das Timing ist entscheidend
  8. Sei konstruktiv opportunistisch und arbeite mit konfrontativen Interventionen
  9. Alles liefert Daten; Fehler wird es immer geben, sie sind die wichtigste Quelle neuer Erkenntnisse
  10. Teile im Zweifelsfall das Problem mit anderen

Besten Dank für dieses Buch
sagt Christa Schäfer

Kennen Sie schon die Zeitschrift “Die Wirtschaftsmediation“?

Auch die neue Ausgabe der Zeitschrift „Spektrum der Mediation“, jetzt herausgegeben im Wolfgang Metzner Verlag, widmet sich dem Thema Werte, Wandel und Erfolg in Unternehmen

Konflikte? Mediation!

Konflikte fordern uns heraus

Das kann man wohl sagen. Jede(r), der sich an einen dicken Streit erinnert, spürt förmlich noch im Nachhinein körperlich die Herausforderungen, in denen er zu Streitzeiten gesteckt hat.

Mediation als Brücke zur Verständigung

Das können MediatorInnen bestätigen. Jede(r), die bzw. der schon als Mediatorin oder als Mediator einen Streit mediiert hat, kennt wahrscheinlich das Gefühl der Erschöpfung nach einer langen Mediation, aber auch das Gefühl der Befriedigung, wenn alles gut gegangen ist.

Konflikte fordern uns heraus. Mediation als Brücke zur Verständigung

Dies ist der Titel des Buches, über das ich heute an dieser Stelle berichten möchte. Es stammt von Gary Friedman und Jack Himmelstein, zwei bekannten und herausragende Mediatoren, bekannt in den USA und in Europa. Das 2008 mit dem Titel „Challenging Conflict: Mediation Through Understanding“ erschienene Buch hat bereits eine Erfolgsgeschichte in den USA hinter sich. Jetzt gibt es das 346 Seiten dicke Buch endlich auch auf Deutsch.

Das Herausragende an dem Buch sind die 10 Fallgeschichten. Alle Fallgeschichten werden lebensnah und gut nachvollziehbar geschildert. Längere Passagen mit Beschreibung der Mediation werden durch Originalzitate aus den Mediationsgesprächen ergänzt und mit theoriebasierten Erläuterungen zum Geschehen vervollständigt. So bietet das Buch einen perfekten Mix zwischen einem Einblick in unterschiedliche Mediationsfälle und theoretischen Aspekten zum verstehensbasierten Modell der Mediation.

Aber zunächst erst einmal zu den 10 Fallgeschichten, die hier kurz vorstellt werden sollen:

Die Blockade auf der Finca beschreibt einen Streit zwischen Graziella und Ricardo, zwei Geschwistern, die gemeinsam Land geerbt, dort eine Finca mit Gästebetrieb aufgebaut hatten und jetzt in zunehmenden Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten über die Leitung des Ressorts sowie die Pläne für Gästebetrieb und Garten verstritten waren.

Radix und Argyle sind zwei Wirtschaftsunternehmen, die seit einigen Jahren einen erbitterten Rechtsstreit über viele Millionen Dollar führten. 20 Spitzenvertreter der beiden Unternehmen führten zusammen mit ihren Anwälten eine Art „Mediatorencasting“ durch, um den für den Streit geeigneten Mediator zu finden.

Mrs. Sara Levi ist eine ältere Dame mit Gehstock, die keinesfalls schwach ist, sondern diesen Gehstock mitunter sogar lieber als Waffe denn in seiner ursprünglichen Funktion nutzen wollen würde. Sie wird zur Mediation von ihrem Neffen Adolfo begleitet, was vorher nicht abgesprochen war. Mr. Patrick McAllister ist die zweite Streitpartei. Er hatte die Aufgabe, die Memoiren der alten Dame über ihre Holocaust-Zeit nieder zu schreiben. In diesem fall mussten erst einmal die Rahmenbedingungen für die Mediation geschaffen werden.

Eine weitere Fallbeschreibung berichtet über ein Naturschutzgebiet, das seit Generationen im Besitz von Kimberleys Familie liegt. Das Gebiet selber war noch relativ unberührt, das Land außen herum litt bereits stark unter den Folgen intensiver Bebauung. Um zu verhindern, dass einer ihrer Erben das Land veräußert, hat Kimberley 160 Hektar Land an eine gemeinnützige Umweltorganisation gestiftet. Dort wird ein Unterausschuss zum Schutz des Landes gegründet. Investoren lauern darauf, endlich diese Filetstücke bebauen zu können. Die Mediation fand mit 30 Personen in einer 200 Jahre alten Blockhütte statt.

Auch in der San Francisco Symphony haben Friedman und Himmelstein mediiert. Nach dem Scheitern von Vertragsverhandlungen blieben Wunden bei vielen Beteiligten zurück. Dies wirkte noch Jahre später, als neue Vertragsverhandlungen anstanden. Den Fall zeichnen viele Ungewöhnlichkeiten aus, bereits vor der Mediation werden mit allen Konfliktparteien Einzelgespräche geführt, die startende Mediation beginnt mit einer Übung, in der sich die Orchestermitglieder untereinander „zuhören“ sollen, …

Friedman und Himmelstein nennen das Aktive Zuhören, das Paraphrasieren, den Rapport beim gelungenen Pacing übriges das „Loopen“ …

Ein weiterer Fall beschreibt die Mediation zwischen Rick als Inhaber und Geschäftsführer eines kleinen Verlages und Charlene, einer Autorin des Verlages. Auch dieser Fall gestaltet sich (für uns deutsche LeserInnen) sehr ungewöhnlich. Die Anwälte beider Streitparteien sind bei der Mediation zugegen, das „Recht“ spielt eine große Rolle. Die Mediation selber beginnt mit einer Konferenzschaltung.

Ein Kapitel über Vor- und Nachteile von Einzelgesprächen legt die Argumente am Fall von Stephen (59 Jahre alt) und Jamie dar. Stephen hatte eine langjährige intime Beziehung zu Jamies älterem Bruder Eddie (64 Jahre alt). Stephen und Eddie wohnen zusammen. Jamie wusste zwar von der Freundschaft zwischen den beiden nicht aber von der Liebe. Als Eddie krank wurde, musste er rund um die Uhr gepflegt werden, was Stephan aber nicht leisten konnte. Jamie bekommt dies mit und zieht von einem Tag auf den anderen bei den beiden ein. Dass dies zu Verwicklungen führte, ist vollkommen klar. Auch in diesem Fall sind die Anwälte mit im Boot und Einzelgespräche mit den Konfliktparteien unabdingbar.

Auch ein Nachbarschaftsstreit fand Eingang ins Buch, nämlich der zwischen der 78-jährigen Nancy und Henry, einem erfolgreichen jungen Bauunternehmer. Der Mediation ging ein Vorfall voraus, in dem Nancy Henry fast umfuhr und Henry den Bezirkssheriff kontaktierte und Nancy wegen Körperverletzung festnehmen ließ. In der Schilderung dieser Mediation erfährt die Leserin / der Leser, wie MediatorInnen die Haltung der positiven Neutralität wahren können und wie selbst der Versuch der Streitparteien, die andere Streitpartei verstehen zu wollen, helfen kann.

Die Schilderung des Streits zwischen dem Bauunternehmer Colby und dem Hausbesitzer Larry zeigt, wie wichtig das Herausarbeiten von Interessen ist und wie die Lösungsoptionen für den Streit an diesen Interessen gemessen aufbauen.

Und schließlich zum letzten Fall im Buch: Martha, die Mutter der Schülerin Donna, die psychisch erkrankt ist, hat gegen die Schule ihrer Tochter geklagt, weil diese vollkommen unangemessen auf die Erkrankung ihrer Tochter reagiert hatte.

Bisher ist ein solcher Einblick in eine Mediationspraxis in Deutschland noch nicht zugänglich gewesen. Danke an den Wolfgang Metzner Verlag, der die Herausgabe des amerikanischen Mediationsklassikers ermöglicht hat.

Auf der Webseite vom Center for Understanding in Conflict, einem von Friedman und Himmelstein gegründeten Institut, kann man übrigens einige kurze Filmtrailer anschauen, in denen Friedman und Himmelstein über Mediation sprechen und Ausschnitte von Mediationen zu sehen sind.

Christa D. Schäfer

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