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Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Category: Soziales Lernen (Page 2 of 17)

Kann man erfolgreich streiten?

„Streit bringt uns voran und hilft uns, uns durchzusetzen: mit unseren Gedanken, unseren Meinungen, Ideen und Gefühlen. Streit befestigt Beziehungen, schafft Identität und macht tolerant. Das ist gut so und der Motor jeder Entwicklung.“

So steht es auf der Buchrückseite des Buches „Erfolgreich streiten. Wie man seine Ziele durchsetzt und trotzdem alle gewinnen“ von Werner Ehrhardt und Thomas Schneider, das 2013 im südwest Verlag erschienen ist. Was also ist erfolgreich streiten, und wie geht das?

Ehrhardt und Schneider erarbeiten, welche Richtlinien es im Streit gibt, um mit einem positiven Ergebnis für alle Beteiligten aus dem Streit herauszugehen. Dabei haben sie sich die Tit-for-Tat-Strategie näher angeschaut. Sie beschreiben, wie das Denken und Handeln in Win-win-Kategorien (Harvard-Modell von Fisher/Ury), erweitert um das Streitmodul Tit-for-Tat heutzutage unverzichtbarer und erfolgreicher Bestandteil von Krisenmanagement in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft geworden ist. In Situationen und Konflikten des Alltags ist Tit for Tat noch lange nicht angekommen. Aber nun muss erst einmal erläutert werden, was Tit-for-Tat überhaupt bedeutet …

Ehrhardt und Schneider nennen drei Parameter, die jeden Streit begleiten:

  1. Es sind immer Gefühle beteiligt.
  2. Es geht immer um etwas.
  3. Jeder Streit ist anders.

Die Tit-for-Tat-Strategie berücksichtigt alle drei Parameter. Ehrhardt und Schneider haben daran gearbeitet, die bereits im Politik- und Wirtschaftsbereich erfolgreiche Tit-for-Tat-Strategie als Alltagstraining für die Psychotherapie „umzubauen“. Es gibt 10 Elemente im Tit-for-Tat, die als ganzheitliches System zu verstehen und zu nutzen sind. Ein nicht beachtetes Element kann die gesamte Strategie außer Kraft setzen.

Die 10 „Regeln“ der Tit-for-Tat-Strategie:

  1. „Analysiere die Situation: Handelt es sich um eine Verdrängungssituation, ist es gewollter Kampf oder das Angebot für eine Kooperation.
  2. Beginne grundsätzlich freundlich und ehrlich, sei dabei immer offen, durchschaubar und berechenbar.
  3. Dein übergeordnetes Ziel ist, dass alle Beteiligten Gewinner sind.
  4. Schlage bei Verrat sofort, aber angemessen zurück.
  5. Frage bei Vermutungen aller Art unbedingt erst einmal nach, bevor du reagierst.
  6. Entschuldige dich sofort und leiste Wiedergutmachung, wenn du selber eine Vereinbarung gebrochen hast oder irgendetwas fahrlässig oder schuldhaft zu verantworten hast.
  7. Akzeptiere die Aggressionen und Gegenaggressionen anderer.
  8. Kommuniziere sowohl das Positive der Beziehung als auch das konflikthafte der aktuellen Situation.
  9. Achte auf die langfristige Ausgeglichenheit des Verhältnisses von Geben und Nehmen.
  10. Akzeptiere, wenn ein Partner nicht Tit-for-Tat-fähig ist, und beende die Beziehung.“
    (Ehrhardt, Werner; Schneider, Thomas: Erfolgreich streiten. München: südwest 2013, S. 61)

So können sich vermeintliche GegnerInnen gegenüberstehen und dennoch gemeinsam den Konflikt aufarbeiten und im besten Fall aus dem Weg schaffen. Gut und realistisch ist auch Punkt 10, denn er bezieht mit ein, dass nicht alle Leute hinter diesem Konzept stehen müssen und sich in dieser Art der Konfliktlösung wohl fühlen. Ein Konflikt oder Streit kann auch so festgefahren sein, dass es zusammen keinen Ausweg mehr gibt und die Wege sich vielleicht schweren Herzens trennen müssen.

Es ist super spannend, was Ehrhardt und Schneider zu jeder der 10 Regeln schreiben. Und überhaupt ist das Buch absolut lesenswert, weil es vom Alltag, vom täglichen Miteinander berichtet. Man erkennt viele der beschriebenen Situationen und kann vieles im Buch „Gelerntes“ auch gleich wieder im Alltag einsetzen. So kommt man wirklich dem Ziel näher, im Streit seine Interessen befriedigt zu bekommen und dennoch allen zum gewinnen“ verholfen zu haben. Damit ist auch die Anfangsfrage geklärt: Ja, man kann erfolgreich streiten.

Interessant ist auch der Teil des Buches, in dem Ehrhardt und Schneider auf individuelle Gefühlswelten eingehen. Das entsprechende Kapitel lautet: Wie erzieht man Kinder so, dass ihre Aggressionen sich auf natürliche Weise entwickeln und ausbilden? Als positive Vorbilder liegt es an den Eltern bzw. Bezugspersonen, den Kindern zu zeigen, wie Aggressionen ausgelebt werden. Wie wird gestritten und wie wird sich entschuldigt? Was ändert sich danach? Es ist auch total legitim einfach mal wütend zu sein und auf den Tisch zu hauen. Der Knackpunkt dabei ist jedoch, sich wieder zu beruhigen und gegebenenfalls zu entschuldigen und zu sehen, was gerade passiert ist. Wut ist ok. Es bringt nichts, sich dafür zu schämen oder sie zu unterdrücken. In der Rolle als Beschützende ist es jedoch wichtig, dass Erwachsene für die Kinder da sind. Haben Kinder ihre erste Wunde oder erleben ihren ersten Streit, ist es wichtig, dass die Bezugspersonen ihnen den Rücken stärken, sie auffangen, Verständnis zeigen und trösten. Wir sind nicht immer alle stark und brauchen jemanden, an den oder die wir uns anlehnen können. Und die dritte Rolle von Erwachsenen ist es, Grenzen zu setzen. Es ist wichtig, dass das Kind in verschiedenen Situationen lernt, was Ordnung bedeutet und was Grenzen überschreitet.

Ja, auch hierzu könnte ich noch viel schreiben, aber lesen Sie das Buch doch einfach selbst. Viel Spaß dabei wünscht Christa Schäfer

Ein Tipp, damit Sie nicht irgendwann reif für die Insel sind …

Die Ferien sind vorüber. Der Urlaub war super. Jetzt geht es wieder an die Arbeit. Der Alltag kommt. Da ist bei manchen Menschen schnell die Erholung vorüber und der Stress kommt. Damit Lehrkräfte gut durch das neue Schuljahr kommen habe ich ein Buch gesucht, was sie dabei unterstützen kann. Und ich bin dabei auf folgendes Buch gestoßen: „Mach dich mal LOCKER“. Dieses Buch von Patrick Lynen will unterstützen, einen leichten Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens zu finden.

Gut, davon gleich ein wenig nach den Ferien in den Alltag einzubauen …

Ich möchte Sie zunächst zu einer Übung einladen und anschließend ein wenig über das Buch berichten. Bitte wundern Sie sich nicht, dass ich Sie jetzt mit den Worten aus dem Buch duze. Versuchen Sie vielmehr sich in aller Ruhe auf die folgende Übung einzulassen. Suchen Sie aber zunächst sich einen gemütlichen Platz, an dem Sie für ein paar Minuten ungestört sein können. Nehmen Sie sich jetzt eine paar Minuten Zeit, um nur da zu sein.

Übung „Meine Insel“

„Kannst Sie wahrnehmen, wie schön es ist, frei von Eindrücken und Reizen einfach nur da zu sein? Wenn du auf die Stille lauschst, hörst du nichts, außer vielleicht draußen die Vögel zwitschern oder im Hintergrund das Surren des Kühlschranks. Ich genieße dieses Geräusch der Stille seit Jahren jeden Morgen.
Schließe nun bitte kurz die Augen, wenn es für dich angenehm ist, und suche dir in Gedanken einen schönen, absolut ruhigen Platz. Den schönsten, ruhigen Platz, der dir bisher begegnet ist. Vielleicht war das ein Ort im Urlaub oder die Bank auf dem Spielplatz deiner Kindheit. Nimm dir Zeit und erinnere dich an diesen einen Ort an dem du glücklich warst. Erlebe ihn mit allen Sinnen. Wann war das? Wo war das? Wie sah es dort aus? Wie bist du dort hingekommen? Mit wem hast du diese Momente erlebt? Wie hat es dort gerochen? Welche Farben hatte die Umgebung? An welche Details kannst du dich erinnern? Geh zurück zu einem Zeitpunkt, als du dich an diesem Ort ganz geborgen und glücklich gefühlt hast.
Spüre, wie du innerlich zur Ruhe kommst, während diese Bilder, Momente und Gefühle in dir aufsteigen. Lass dir Zeit. Lass deinen Atem ganz natürlich fließen. Sag dir selbst: ‘LANGSAM. Es gibt jetzt nichts zu tun, ich darf einfach nur JETZT sein. ICH BIN HIER.’ Ist das nicht ein herrliches Gefühl? Dieser Moment nur mit und bei dir?“
(Patrick Lynen: Mach dich mal locker. Koha Verlag, S. 14 f.)

Dieses Gefühl kann man gut mit in den Tag nehmen. Mit diesem Bild kann man jederzeit nach innen gehen. In hektischen Zeiten kann man für einen kurzen Moment eine innere Insel der Ruhe schaffen und für einen kurzen Moment den Zauber der Nichtbewegung spüren. In stressigen Phasen kann dieses innere Bild helfen, körperlich, emotional und gedanklich still zu werden.

Also genau das, was gestresste Lehrerinnen und Lehrer von Zeit zu Zeit gut gebrauchen können …

Ich möchte Ihnen nicht vorenthalten, dass das Buch von Patrick Lynen aus dem KOHA Verlag, aus dem ich die Übung entnommen habe, noch viel mehr bietet als eine Sammlung von Übungen. Das Buch lädt zu einer Reise ein, die in über 33 Etappen zu mehr Leichtigkeit und Entspanntheit im Alltag führt. Man startet mit der ersten Etappe am Freitag und liest dann jeden Morgen ein weiteres kleines Kapitel mit einer Übung und einer Devise für den Tag. Nach 33 Tagen hat man so einen großen Fundus an Strategien mitgenommen und geübt, die zu mehr Ausgeglichenheit führen und sogar Burnout vorbeugen. Und das sogar spielerisch und mit viel Spaß.

Mein Tipp: Versuchen Sie gleich, die obige Übung mit den Alltag zu integrieren oder kaufen Sie sich das Buch und schauen Sie, was Ihre Lieblingsstrategie für einen gelingenden Alltag wird.

Übrigens ist dieses Buch überhaupt nicht nur für Lehrerinnen und Lehrer gedacht. Auch MediatorInnen, ManagerInnen und eigentlich alle anderen Berufsgruppen können die 33 Morgenrituale aus dem Buch gut nutzen !!

 

Angst und Zweifel zerstören mehr Träume
als Scheitern und Versagen es jemals tun können.

Sei wild,
sei mutig,
sei töricht.

(Patrick Lynen,
Vorwort zu „Mach dich mal locker“)

In diesem Sinne alles Gute
wünscht Christa Schäfer

 

PS: Vielleicht interessieren Sie sich auch für meine Blogartikel zum Office-Yoga für Körper, Geist und Seele und zum spirituellen Notfallkoffer, dann einfach auf die rote Schrift klicken, und schon können Sie die Artikel lesen …

I am proud to present you: Die partizipative Schule. Mit innovativen Konzepten zur demokratischen Schulkultur

In Schulen wächst das Bedürfnis nach Methoden und Konzepten, mit denen sie Gewalt vorbeugen, Probleme lösen und Konflikte bearbeiten können. Ziel der Implementierung partizipativer Methoden ist es, den Wert von Schule als Lern- und Lebensort zu steigern. Das soziale Klima an Schulen wird dadurch nachhaltig gestärkt, das Lernverhalten der Schüler verändert sich positiv und Lehrer und Schüler gestalten ihre Schule gemeinsam.

Mein neues Buch „Die partizipative Schule. Mit innovativen Konzepten zu einer demokratischen Schulkultur vermittelt kompakt die Grundlagen der partizipativen Schulentwicklung als Voraussetzung für demokratische Strukturen. Im praktischen Teil profitiert der Leser anhand zahlreicher Praxisprojekte von Anregungen und Erfahrungsberichten und findet außerdem Unterstützung für die Umsetzung an der eigenen Schule. Ergänzt wird das Buch durch zahlreiche exklusive Online-Materialien.

Ende letzten Jahres geschrieben,
Anfang diesen Jahres gesetzt und gedruckt,
jetzt erhältlich !!

Das Buch eignet sich hervorragend als Ferienlektüre für die anstehenden Sommerferien, denn dann können Sie nach den Ferien mit neuen Ideen in das neue Schuljahr starten. Es ist geeignet für Schulleitungen, Lehrkräfte, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Erzieherinnen und Erzieher, Eltern und viele weitere an Schule Beteiligte.

Gerne können Sie Ihre Eindrücke zum Buch hier im Blog, auf amazon oder auch persönlich bei mir rückmelden.

Und natürlich können Sie bei mir anfragen für:

  • Beratung für Schulentwicklung
  • Coaching für Schulleitungen und Lehrkräfte
  • Mediationen für Konflikte in Schulen
  • Moderation für Studientage, Zukunftswerkstätten, Open Space Veranstaltungen und World-Cafés
  • Projektbegleitung für Programme zur demokratischen Schulkultur
  • Training für pädagogische und kommunikative Themen

Lassen Sie uns in Verbindung bleiben.
Ich freue mich auf Sie.
Dr. Christa D. Schäfer

 

Sie können das Buch bestellen,
indem Sie auf folgenden Link klicken:

Was gibt es in den meisten Schulen zur Genüge? Stress

Der_spirituelle_NotfallkofferKürzlich habe ich mal im spirituellen Notfallkoffer nachgeschaut, was man in diesem Fall für sich persönlich ändern kann. Das Buch „Der spirituelle Notfallkoffer“ empfiehlt Erste-Hilfe-Maßnahmen „für die Seele“. Das von Katharina Ceming und Christa Spannbauer herausgegebene Buch aus dem Trinity Verlag greift verschiedene Themen auf. Es werden Hinweise gegeben für den Weg zur inneren Balance, zur Gelassenheit und zu einem erfüllten Leben. Das Buch basiert auf Weisheitstraditionen aus Ost und West, bietet kurze Erklärungen zu verschiedenen Entwicklungsthemen und darauf aufbauend einfache Körperübungen aus dem Yoga, dem Qigong und der Atemtherapie – gut zur Selbstreflexion und zur Durchführung von ersten Maßnahmen.

Hinweise zum Stressabbau

Es ist gut, sich Stressoasen zu schaffen, in die man sich immer wieder einige Zeit zurückziehen kann, und sei es auch nur für ein paar Minuten. Die Wahl der Mittel zur Stressreduzierung ist sehr individuell, sie reicht von Bewegung über völlige Ruhe bis zu Musik und Entspannungstechniken.

Natürlich nützt auch die Stressanalyse. Was stresst mich, und warum verharre ich in dieser Situation? Kann ich keine Grenze ziehen, weil ich Angst vor Zurückweisung habe? Oder suche ich mir die Anerkennung ausschließlich in der Außenwelt? Manchmal meinen wir, wenn wir irgendetwas nicht mehr tun oder wenn wir etwas verändern bricht die Welt zusammen. Das ist ein Glaubenssatz, der unbedingt überprüft werden sollte!

Es hilft die Bewusstmachung:
Weshalb tue ich etwas, und für wen?
Was würde passieren, wenn ich es nicht mehr so machen wie bisher?
Was würde ich dadurch verlieren?

Es gibt nichts Wertvolleres als den Moment, in dem ich gerade lebe. Nichts kann mich zwingen, etwas zu tun, das ich nicht mit innerer Zustimmung tun möchte. Es sind meine Gedanken, die bestimmen, wohin die Reise meines Lebens geht.

Eine Erste-Hilfe-Atemübungen zur Stressreduktion ist die Hummel-Atmung

  • Die Hummel-Atmung (Brahmari) ist eine einfache und zugleich hochwirksame Atemtechnik au dem Hatha Yoga. Sie dient der Entspannung und Beruhigung.
  • Begeben Sie sich für die Meditation an einen ungestörten Ort, nehmen Sie eine aufrechte Meditationshaltung Ihrer Wahl ein und schließen Sie die Augen.
  • Atmen Sie in und erzeugen Sie beim Ausatmen einen Summton wie das Summen einer Hummel.
  • Sie können diese Übung unterstützen, indem Sie die Ohren mit den Zeigefingern verschließen. Dadurch können Sie die Schwingungen im Schädel besonders stark spüren.
  • Werden Sie ganz eins mit der Klangvibration und lassen Sie diese Ihren Kopf und den ganzen Körper erfüllen.
  • Wiederholen sie dies 9 mal.

Sie werden bereits nach den ersten Atemzügen wahrnehmen, wie beruhigend diese Übung für Ihren Geist ist. Täglich für einige Minuten ausgeführt hilft sie, mentale Spannungen zu beseitigen und erhöhten Blutdruck zu senken. Im Hathapradipika, dem Grundlagenwerk des Hatha Yoga, steht geschrieben:
„Durch fortgesetztes Üben entsteht Glückseligkeit im Herzen“.
(Ceming; Spannbauer: Der spirituelle Notfallkoffer. S. 103)

Warum diese Übung nicht mal im Schulstress einsetzen …
oder in der Vorbereitung einer wichtigen Mediationssitzung …
empfiehlt Christa Schäfer

Walter Mischel und der Marshmallow-Test

In den Sechzigerjahren führte Walter Mischel mit seinen StudentInnen ein Experiment mit Kindern im Vorschulalter an der Bing Nursery School durch, einer Kindertagesstätte der Stanford University. Er führte die Kinder in eine echte Dilemma-Situation. Die Kinder hatten die Wahl zwischen einer sofortigen Belohnung (einem Marshmallow) und einer größeren späteren Belohnung (zwei Marshmallows), für die sie jedoch 20 Minuten warten mussten. Das sah so aus, dass ein Kind alleine im Raum saß, ein Marshmallow und eine Glocke vor sich. Wollten das Kinder die Süßigkeit essen, so konnte es die Glocke betätigen und den Marshmallow essen. Betätigte es die Glocke nicht, so erhielte es die größere Belohnung nach der Rückkehr des Versuchsleiters. Manche Kinder warteten nicht lange, bis sie die Glocke läuteten, andere Kinder hielten die 20 Minuten standhaft durch.

Was Mischel und seine StudentInnen vollkommen überraschte, war die Tatsache, was die vier- und fünfjährigen Kinder alles taten, um sich nicht verlocken zu lassen. Vollkommen verblüffend war auch die Tatsache, dass der Marshmallow-Test und die Länge des Belohnungsaufschubs viel über das zukünftige Leben der Probanden verriet. Je länger ein Kind wartete, umso besser schnitt es später bei Studierfähigkeitstests ab, und um so höher konnte das kognitive Leistungsvermögen im Jugendalter eingestuft werden. Im Alter zwischen 27 und 32 Jahren verfolgten diejenigen, die im Vorschulalter beim Marshmallow-Test länger gewartet hatten, ihr Ziel konsequenter und kamen besser mit Frustration und Stress zurecht, sie hatten ein höheres Selbstwertgefühl und sogar einen niedrigeren Body-Mass-Index. Außerdem waren sie belastbarer und anpassungsfähiger bei der Bewältigung zwischenmenschlicher Probleme und schafften es besser, enge Beziehungen aufrecht zu erhalten. Im mittleren Alter dieser ehemaligen Probanden konnte man in den Hirnarealen, die mit Suchtverhalten und Fettleibigkeit verknüpft sind, deutliche Aktivitätsunterschiede feststellen zu den Probanden, die als Kinder nicht in der Lage waren, in den Belohnungsaufschub zu gehen. Bei denjenigen, die die Belohnung gut aufschieben konnten, war das Areal im präfrontalen Kortex aktiver, das für effektives Problemlösen, kreatives Denken und die Kontrolle impulsiven Verhaltens wichtig ist. Bei denjenigen, die die Belohnung weniger gut aufschieben konnten, war das ventrale Striatum aktiver, vor allem auch dann, wenn sie sich bemühten, ihre Reaktionen auf emotional aufgeladene, verlockende Stimuli zu kontrollieren.

Marshmallow-TestIch finde von Walter Mischel erzielten Ergebnisse und die durch ihn angestoßenen Forschungen äußerst spannend und freue mich sehr, dass es jetzt ein wunderbares, fast 400 Seiten starke Buch zum Marshmallow-Test und den Auswirkungen gibt. In dem Buch „Der Marshmallow-Test“ werden Antworten auf viele Fragen gegeben. Ist die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben, angeboren? Wie kann man Menschen diese Fähigkeit beibringen? Was ist „Willenskraft“? Welche Umstände schwächen die Willenskraft? Auf welchen kognitiven Fähigkeiten und Motivationen basiert sie?

Belohnungsaufschub und Selbstkontrolle

Mischel nutzt zur Unterstützung dieser Antworten neueste wissenschaftliche Erkenntnisse. Er erläutert, dass im menschlichen Gehirn zwei eng miteinander verwobene Systeme existieren, das eine „heiß“ – emotional, reflexgesteuert, unbewusst – das andere „kühl“ – kognitiv, reflektierend, langsamer und mehr Anstrengung erfordernd. Die spezifischen Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Systemen bestimmen, wie die Vorschulkinder im Marshmallow-Test reagieren. Es gibt Strategien, wie mentale Prozesse und Strategien beschaffen sind, mit denen heiße Verlockungen abgekühlt werden können, Belohnungen aufgeschoben und Selbstkontrolle entwickelt werden kann.

Sind die Belohungen sichtbar, so fällt das Warten schwerer, als wenn die Belohnungen unter einem Tablett versteckt sind. Erfolgreiche Belohnungsaufschieber dachten sich zudem alle möglichen Kniffe aus, um sich abzulenken und den Konflikt und dem Stress, dem sie ausgesetzt waren, abzukühlen. Es gab Kinder, die dachten sich kleine Lieder oder Geschichten aus, schnitten Grimassen, beschäftigten sich mit ihren Händen oder Füßen oder hatten sonstige kreative Ideen. Ablenkende Gedanken führten zu einem längeren Belohnungsaufschub. Das Denken an die Belohnung verkürzte die Dauer, bis die Kinder die Glocke betätigten.

Die Aktivierung des heißen, emotionalen Systems sorgt dafür, sofort zu handeln. Konzentriert man sich auf die heißen Merkmale einer Verlockung führt das zu Los!-Reaktionen. Hoher Stress aktiviert das heiße System. Das heiße System befindet sich im limbischen System im Gehirn, in der Amygdala. Ein auftauchender Löwe hat in früheren Zeiten natürlich zu einer automatischen Selbstschutzreaktion geführt. Heiße Reaktionen sind allerdings nicht hilfreich, wenn es darum geht, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Das kühle, kontrollierte System befindet sich vornehmlich im präfrontalen Kortex im Gehirn. Dieses System entwickelt sich langsam, wird in den Vorschul- und Grundschuljahren allmählich aktiver und ist erst mit Anfang 20 vollständig ausgereift. Gute Belohnungsaufschieber konzentrierten sich auf die kühlen, abstrakten, faktischen Merkmale der Verlockung und entzogen sich den heißen Merkmalen. Es gibt Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen im Belohungsaufschiebeverhalten und in den Abkühlungsstrategien. Bei großem Stress fällt das kühle System zunehmend aus.

Selbstkontrolle entsteht im Zusammenhang mit dem Bindungsverhalten eines Menschen. Die von Mary Ainsworth konzipierte „Fremde Situation“ simuliert ein kurzes Verschwinden der Mutter und eine Wiedervereinigung zwischen Mutter und Kind unter harmlosen Bedingungen. Kleinkindern zwischen ein und drei Jahren, denen es gelang, sich von der Abwesenheit der Mutter abzulenken, schnitten auch später beim Marshmallow-Test besser ab. Der Erziehungsstil einer Mutter beeinflusst die Strategien zur Selbstkontrolle, die ein Kind entwickelt. Wow. Sind die Kinder älter, so können Wenn-dann-Pläne dem Kind helfen, eine breite Palette ansonsten kaum bezwingbarer Selbstkontrollprobleme erfolgreich zu bewältigen. Fest verankerte Wenn-dann-Umsetzungspläne können auch im Erwachsenenalter noch helfen, Verlockungen zu trotzen, mit dem Rauchen aufzuhören, uns auf eine Zielerreichung oder auf bestimmte Kernaufgaben zu konzentrieren.

Von Marshmallows im Kindergarten zur Altersvorsorge

Selbstkontrolle ist zur Erreichung langfristiger Ziele absolut wichtig. Zu viel Selbstkontrolle lässt uns unser Leben allerdings ebenso unerfüllt erscheinen wie zu wenig Selbstkontrolle. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle kann ein starkes Selbstwertgefühl wachsen lassen. Da heißt es dann: „Ich weiß, ich kann es (schaffen)!“

Mischel beschreibt in seinem Buch auch, dass sich Kinder, die erfolgreich im Belohnungsaufschub waren, durch drei Merkmale der Exekutiven Funktionen (einem Teil des kühlen Systems) auswiesen. Sie mussten sich erstens an ihr gewähltes Ziel erinnern, zweitens im Blick behalten wie nah sie dem Ziel schon gekommen waren und evtl. Korrekturen vornehmen und drittens impulsive Reaktionen hemmen.

Optimistisch denkende Menschen haben insgesamt höhere Erfolgserwartungen. Kinder, die davon ausgehen, alles Notwendige schaffen zu können, um ihre Belohnung zu erhalten, strengen sich an und sind eher der Gruppe zuzuschreiben, die lange warten kann. Erfolgserlebnisse verstärken zukünftige Erfolgserwartungen ganz erheblich.

Impulskontrolle und Selbstkontrolle können zudem die Herausforderungen des Lebens meistern helfen, beispielsweise schmerzliche Gefühle abzukühlen. Erzählten Klienten ihre Gefühle aus einer selbstzentrierten Perspektive, so berichten sie so, als würden sie eine Erfahrung nochmals durchleben. Werden Gefühle und Gründe aus einer distanzierten Perspektive berichtet, so können Ereignisse kognitiv neu bewertet werden. Selbstdistanzierung unterstützt, konstruktive Strategien zur Problemlösung und Konfliktbeilegung zu finden und den Blutdruck zu senken.

„Wenn die Probanden sich spontan von sich selbst distanzierten, während sie an die negativen Erfahrungen in ihrer Beziehung dachten, wendeten sie auch konstruktivere Strategien zur Problemlösung und Konfliktbeilegung an als diejenigen, die sich nicht spontan von sich selbst distanzierten. Besonders interessant war, dass die Probanden mit geringer Selbstdistanz Konflikte konstruktiv bewältigten, solange ihre Partner keine ablehnende, feindselige Haltung ihnen gegenüber zeigten. Wurden ihre Partner feindselig, zahlten sie es ihnen jedoch mit gleicher Münze heim, sodass die Feindseligkeit eskalierte. Die Kombination von Menschen mit geringer Selbstdistanzierung und extrem negativ gestimmten Partnern setzte regelmäßig die Zukunft der Beziehung aufs Spiel. Dieses Muster galt unabhängig davon, ob das Konfliktverhalten in Selbstberichten oder durch unabhängige Beobachter eingeschätzt wurde, wenn die Partner ihre Konflikte in einer Laborsituation diskutierten. …“ (Mischel: Der Marshmallow-Test. S. 195)

Sicherlich haben Sie beim bisherigen Text dieses Blogartikels bereits gemerkt, dass ich von diesem Buch begeistert bin. Ich könnte viele weitere interessante und spannende Ergebnisse aus dem Buch referieren, möchte Ihnen allerdings das Buch selber ans Herz legen. Walter Mischels Buch zum Marshmallow-Test ist wie ein spannender Krimi ein absoluter Lesegenuss, der hilft, Menschen zu verstehen.

Christa D. Schäfer

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