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Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Category: Systemischer Ansatz (Page 1 of 6)

Überraschende Hintergründe von kindlichen Problemen

Erziehungsmethoden haben sich massiv verändert in den letzten Jahrzehnten. Die autoritäre Erziehung und auch die antiautoritäre Erziehung wurden endlich von anderen und geeigneteren Pädagogik-Stilen abgelöst – was keineswegs bedeutet, dass nicht immer noch viele Kinder autoritär oder anti-autoritär aufwachsen.

Es gibt viele Bücher zum Thema Erziehung, es gibt Webseiten und Informationen im Internet. Dennoch gibt es weiterhin Eltern, die überfordert sind und dennoch gibt es weiterhin Eltern-Kind-Beziehungen, die misslingen. Deshalb möchte ich heute gerne über ein Buch berichten, das sich aus systemischer Sicht mit Erziehungsproblemen beschäftigt. Es heißt “Was unseren Kindern wirklich hilft. Unterstützung bei sozialen Problemen und Krankheiten”. Autor ist Thomas Schäfer, Heilpraktiker Psychotherapie mit Schwerpunkt Familienaufstellungen, im Scorpio Verlag erschien das Buch 2015.

Der systemische Blick fördert oft hilfreiche Erklärungen für Erziehungsprobleme zutage. Thomas Schäfer schärft dafür den Blick und zeigt, dass Erziehungsprobleme durch systemische Aufstellungsarbeit „gelöst“ werden können. Seine Kernthesen ist die Folgende:

“Wie gesagt, sehnen Kinder sich nach starken Eltern, die ihnen Grenzen setzen, denn Grenzen verleihen Sicherheit. Falls Eltern sich stattdessen, wie heute oft zu beobachten, ihren Kindern unterordnen, ihnen sofort jeden Wunsch erfüllen und sie wichtige Familienfragen entscheiden lassen, dann werden die Kinder psychisch unsicher. Wenn Kinder in der Schule und Elternhaus sich alles erlauben dürfen und keine Konsequenzen für problematisches Verhalten erfahren, ‘testen’ sie die Grenzen der Eltern immer intensiver und ‘brutaler’. Mit ihrer Wut ‘schreien’ sie förmlich danach, endlich starke Eltern zu haben.”   (Thomas Schäfer: Was unseren Kindern wirklich hilft, S. 79)

In diesem Zusammenhang gefiel mir diese Aussage besonders gut:

“Kinder gehören sich selbst – Eltern auch
Auf den vorangegangenen Seiten haben wir erfahren, welche Folgen es für den Einzelnen und die Gesellschaft hat, wenn Eltern sich vor Kindern kleinmachen. Damit kein falsches Bild entsteht, muss aber auch aufgezeigt werden, dass Eltern in keinster Weise über Kinder ‘verfügen’ dürfen. Kinder sind nicht der ‘Besitz’ der Eltern – sie gehören sich selbst! Umgekehrt gehören auch die Eltern in erster Linie sich selbst. Eltern haben eine Verpflichtung, ihr eigenes Leben und ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen.”   (ebenda, S. 52)

Thomas Schäfer nutzt in der Praxis seiner Familienaufstellungen Papierschreiben oder Holzfiguren. Seiner Erfahrung nach ist die systemische Arbeiten mit Menschen in einer Gruppe wesentlich intensiver als die Arbeit mit Holzfiguren. Er sagt jedoch auch, dass Kindern eine Gruppe Erwachsener nicht zugemutet werden kann. Die Einfühlung in die Holzfiguren gelingt Kindern – seiner Erfahrung nach – sehr leicht, und er fügt hinzu: “Es erübrigt sich wohl der Hinweis, dass es nie gut sein kann, wider besseren Wissens, gutgläubig und ohne eigene Prüfung dem Wort oder dem Rat eines anderen zu folgen, unabhängig davon, welche Methode er auch angewandt haben mag.”   (ebenda, S. 18)

In Bezug auf Familienaufstellungen präsentiert Thomas Schäfer überraschende Erklärungen für Probleme, mit denen sich Kinder und deren Eltern konfrontiert sehen. Folgendes kann Schäfer zufolge zum Beispiel ein möglicher familiärer Hintergrund zu sozialer Isolierung im Schulkontext sein:

“Wenn Kinder in der Schule Mobbingopfer werden, sieht man in den Familien verschiedene Hintergründe. Am häufigsten erlebe ich, dass das Kind ständig zwischen den Eltern ‘vermitteln’ muss. Auf diese Weise wird es ‘groß’ und mutiert zum ‘Schiedsrichter’. Im Kindergarten und dem Klassenverband wird dem Kind sehr schnell auf unangenehme Weise gezeigt, dass es hier nicht mehr allen anderen sagen kann, wo es langgeht.
‘Moderator’ der elterlichen Beziehung zu sein ist eine Überforderung des Kindes und bringt es in falsche Rollenbilder. Eltern sollten ihre Probleme allein oder mit Unterstützung eines professionellen Helfers lösen, nicht mithilfe des Kindes.”   (ebenda, S. 82)

Auch zur extremen Wut eines Kindes führt Schäfers überraschender Blick:

“Oft hat die Kinderwut mit der Dynamik zwischen den Eltern und ihrem ‘Vorleben’ zu tun. Wie wir in den Abschnitten über Neurodermitis, Asthma und Allergien noch sehen werden, können sich Kinder, die mit einem früheren Partner der Eltern verbunden sind, dem gleichgeschlechtlichen Elternteil oft nicht richtig öffnen. Hat beispielsweise ein Mann seine frühere erste Freundin geschwängert und dann sitzengelassen, wird oft eines seiner Kinder (aus der späteren Beziehung) genau diese Wut der Fremden übernehmen und sie den Eltern gegenüber ausdrücken. Die Wut wird aufgelöst, indem der Vater sich seiner früheren Beziehung stellt und Verantwortung übernimmt. Das Kind braucht dann nicht mehr die Wut der früheren Freundin des Vaters auszudrücken.”   (ebenda, S. 77)

Als letztes Beispiel möchte ich auf Kontaktabbruch zwischen Kindern und Eltern eingehen. Hierzu steht im Buch:

“Erwachsen gewordene Kinder brechen nicht selten den Kontakt zu ihren Eltern ab, wenn diese sie sexuell oder ‘energetisch’ missbraucht haben. Unter ‘energetischem Missbrauch’ verstehe ich den Umstand, dass Eltern ihr Kind als ‘Ersatzpartner’ benutzen und über das Kind ihren Selbstwert definieren. Kinder nehmen auch von ihren Eltern Abstand, wenn diese ihnen gegenüber gewalttätig waren oder ihnen den anderen Elternteil vorenthalten haben. […]
Wenn Kinder sich jedoch entschlossen haben, die Eltern zu hassen und ihnen den Tod zu wünschen, müssen Eltern Abstand von den Kindern halten. Sie können der freiwilligen Entscheidung der Kinder nur zustimmen, so schmerzhaft es auch sein mag. […]
Kinder brechen den Kontakt zu Eltern oft auch ab, wenn diese sich zu sehr in ihr Leben eingemischt haben und sie ihnen etwas nicht verzeihen können. Eine Tochter brach den Kontakt zu den Eltern als Neunzehnjährige ab, nachdem diese sie mit siebzehn Jahren zu einer Abtreibung gezwungen hatten. Die Tochter konnte den Eltern das nicht verzeihen.“   (ebenda, S. 84-85)

Das Buch zeigt, wie Familiensysteme wirken und was eine „richtige“ Haltung gegenüber Kindern aber auch gegenüber Eltern bewirken kann. Ich hoffe, dass ich Sie neugierig machen konnte. Herzliche Grüße, Ihre Christa Schäfer

Hier können Sie mehr lesen über den Kontaktabbruch von erwachsenen Kindern zu ihren Eltern. Und hier der Hinweis zu einem weiteren praktischen Erziehungsratgeber und zum Thema Aggression von Kindern und Jugendlichen: Wenn Lukas haut

Wann ist eine Pädagogik systemisch?

Vor längerer Zeit habe ich in diesem Blog bereits ein Buch vorgestellt, das systemisches Wissen für Coaching, Mediation und Pädagogik zur Verfügung stellt. Ebenfalls habe ich an anderer Stelle bereits einiges zur Systemischen Pädagogik berichtet …

Hier_fuehle_ich_mich_wohlJetzt habe ich ein wunderbar praxisorientiertes Buch zur Systemischen Pädagogik entdeckt, es ist das Buch „Hier fühle ich mich wohl“ von Erika Gollor aus dem Carl-Auer Verlag. Die systemische Pädagogik wird kurz und gut nachvollziehbar erklärt. Das Buch enthält viele Situationsbeispiele, mit denen die systemische Pädagogik erläutert wird. Viele Übungen (zur sozialen Kompetenzerweiterung und zum systemischen Verständnis) ergänzen den Text. Sowohl für diejenigen gut geeignet, die sich erstmals mit dem Thema auseinander setzen, als auch für diejenigen, die vertiefende Erkenntnisse und besonders praxisrelevante Hinweise zur systemischen Pädagogik suchen !!

Sehr gefällt mir die von Erika Gollor geprägte Definition für die systemische Pädagogik:

„Allgemein lässt sich sagen, dass systemische Pädagogik die Anwendung von systemischen Sichtweisen in der pädagogischen Praxis ist. Die systemische Sichtweise ist eine vernetzte Sichtweise. Sie blickt ‘weit’ auf das Kind. Das heißt, sie sieht das Kind nicht nur als Einzelperson, sondern als einen Teil der verschiedenen Systeme, in die es eingebunden ist: Familie, Klasse, Freundeskreis … Dabei ist der Einfluss wechselseitig.Der Einzelne beeinflusst das System und umgekehrt. Das bedeutet, dass nichts bleibt, wie es ist. Sowohl der Einzelne als auch das System verändern sich ständig, in gegenseitiger Abhängigkeit.“ (Gollor: Hier fühle ich mich wohl. S. 14)

Zu den Grundordnungen eines Systems zählt Erika Gollor:

  1. Zugehörigkeit: In Systemen gelten gewisse, in der Tiefe wirksame Grundordnungen. Eine davon ist das Recht auf Zugehörigkeit. Das Kind braucht die Sicherheit, dass es zur Gemeinschaft gehören kann und darf.
  2. Reihenfolge des zeitlichen Eintritts: Jedes Mitglied einer Gemeinschaft ist gleichwertig. Dennoch gibt es im Systemischen den Vorrang des Früheren vor dem Späteren. Diejenigen, die früher in die Gemeinschaft eintreten, haben mehr Rechte, aber auch mehr Pflichten.
  3. Vorrang der Gruppe: Die Gruppe hat Vorrang vor dem Einzelnen. Verlangt das Verhalten eines Gruppenmitglieds eine Entscheidung, so hat der Schutz der Gruppe Vorrang.
  4. Stärken erkennen, Ressource nutzen: Lehrer sehen leicht Fehler, Schwächen und Probleme – beim Kind und auch bei sich selbst. Die systemische Sichtweise lenkt den Blick hingegen auf die Ressourcen und Fähigkeiten, die jeder in sich trägt. Diese zu stärken und auf ihre Kraft zu vertrauen, tut allen gut.
  5. Der Blick auf die Lösung: Probleme gehören zum Alltag eines Pädagogen. Der systemische Blick sucht nach Lösungen, statt an den Problemen hängen zu bleiben.
  6. Die Verbundenheit des Kindes mit seinem Familiensystem: Aus der Verbundenheit mit der Familie müssen sich Kinder so verhalten, wie sie es tun. Dies ist unbewusster Ausdruck einer tiefen Liebe und Treue zu den Eltern. Das Wissen darum hilft im pädagogischen Alltag.
  7. Wertschätzung und Achtung der Eltern: Kinder haben innerlich immer ihre Eltern dabei, wenn sie in die Schule kommen. Widersprechen Werte in der Schule bestimmten Werten aus dem Elternhaus, so verwirrt das die SchülerInnen und bringt sie in innere Konflikte. Die systemische Sichtweise hilft, dieses Dilemma zu mildern.

Leider ist die systemische Pädagogik, also die Verbindung zwischen systemischen Gedankengängen und der Pädagogik heutzutage immer noch ziemlich unbekannt. Geht man in eine Schule und fragt dort nach systemischer Pädagogik, so erntet man meist ungläubige Blicke. Manche PädagogInnen fragen sogar, ob man im Rahmen der systemischen Pädagogik mit den SchülerInnen in der Schule Familien- oder Systemaufstellungen macht.

Aber das ist natürlich nicht der Fall. Vielmehr nutzt man die systemischen Gedanken für die Haltung und das Agieren als Pädagogin/als Pädagoge. Im Buch „Hier fühle ich mich wohl“ findet man deshalb neben einleitenden theoretischen Gedanken auch Kapitel zu den Themenfeldern: „Leiten und führen“ (die Rolle des Pädagogen), „Ich gehört dazu“ (das Bedürfnis nach Zugehörigkeit), „Wir gehören zusammen“ (Gemeinschaftsgefühl stärken), „Ich weiß um meinen Platz“ (Rangordnung einhalten), „Ich kann, ich bin“ (Stärken erkennen, Ressourcen nutzen), „Ich komme nicht allein in die Schule“ (die Eltern gehören dazu), „Herausforderungen im Schulalltag“ (systemische Herangehensweise) und „Hier komme ich nicht mehr weiter“ (Grenzen von Pädagogen).

Ärger- und Freuderunden

Es gibt viele Übungen, die auch von Lehrkräften durchgeführt werden können, die keine systemische Ausbildung genossen haben. Ich denke hier beispielsweise an die von Erika Gollor vorgeschlagenen „Ärger- und Freuderunden“. Diese Übung genügt dem Grundsatz „Wir gehören zusammen. Gemeinschaftsgefühl stärken“. Einmal in der Woche sollte innerhalb einer Schulklasse eine Ärger- und einmal eine Freuderunde abgehalten werden. Beide Runden dauern ca. 10 bis 15 Minuten und können gut unabhängig voneinander durchgeführt werden (bsp. die Ärgerrunde am Donnerstag und die Freuderunde am Freitag). Es gibt spezielle Regeln:

  • Alles, was – speziell in der Ärgerrunde – gesagt wird, unterliegt der Schweigepflicht.
  • Das Kind, an das sich der Ärger oder die Freude richtet, wird mit Namen angesprochen.
  • Die Gesprächspartner schauen sich an.
  • Keine Beschimpfungen und Beleidigungen.
  • Ich-Botschaften nutzen.
  • Das angesprochene Kind nimmt nicht Stellung, es kann lediglich sagen, dass es ihm leid tut.

Diese Übung kann bereits in Vorschulgruppen, auf jeden Fall aber ihn Grundschulklassen durchgeführt werden. Sie ist eine wunderbare Vorübung zum Klassenrat. Und auch für Klassen, die den Klassenrat nicht einführen wollen, bieten sich Ärger- und Freuderunden an, um das Soziale Klima in der Klasse zu verbessern.

Besten Dank für diese wunderbare Übung !!
sagt Christa Schäfer

 

Weitere Literaturhinweise:

Systemisches Wissen für Pädagogik und Mediation

Einführung in die systemische Pädagogik

Der systemische Lehrer

Was ist ein systemischer Lehrer?

Vor Jahren habe ich eine Ausbildung als systemische Beraterin gemacht, seitdem führe ich stets einige systemische Beratungen pro Jahr durch. Von Zeit zu Zeit schreibe ich auch hier in diesem Blog über systemische Themen, zum Beispiel über

Über den systemischen Lehrer habe ich bisher noch nicht geschrieben. Das möchte ich heute gerne nachholen, und dazu passend das Buch Der systemische Lehrer von Jürgen Pfannmöller aus der Reihe „Spickzettel für Lehrer“ vom Carl-Auer Verlag vorstellen.

„Systemisch orientierte Pädagogen können sich ruhig und entspannt zurücklehnen, wohl wissend, dass sie selber ‘Fragende’ sind – Fragende bezüglich passender Antworten auf die sich stets wandelnden und neu entstehenden Konfliktfelder in der Organisation Schule, zwischen Schülern und Lehrern, zwischen Schule und Eltern und auch mit dem politischen Umfeld von Schule.“ (Vorwort der Reihenherausgeber „Spickzettel für Lehrer“ in: Pfannmöller: Der systemische Lehrer. S. 3 f)

Der Autor Pfannmöller schreibt über den systemischen Lehrer: „Der systemische Ansatz blickt darauf, in welchem Zusammenhang (System) ein Problem entsteht und wie es aufrechterhalten wird. Am Beispiel typischer Schulsituationen möchte ich Ihnen Anregungen geben, welche Haltungen und Methoden neue Handlungsmöglichkeiten im System Schule eröffnen.“ (ebenda, S. 10)

Tatsächlich können in dem postkartengroßen 96 Seiten starken „Spickzettel-Büchlein“ verschiedene Grundlagen des systemischen Denkens nachgelesen werden. In der Folge werden systemische ‘Methoden’ vorgestellt: die Musterunterbrechung, die Teilearbeit, die Arbeit mit Glaubenssätzen, paradoxe Interventionen, die Methode Rollenspiel mit Elementen der systemischen Aufstellung und vieles mehr. Lebensnahe Geschichten aus dem Schulalltag verdeutlichen die vorgestellten theoretischen Aspekte, schlagen die Verbindung zur Schule und verdeutlichen Vorgehensweisen eines „systemischen Lehrers“. Erstaunlich, wie viele Anregungen in solch einem kleinen Büchlein Platz haben !!

Besonders hat mich das Kapitel „Konflikte lösen“ interessiert, das sich u.a. mit den Mechanismen des Dramadreiecks und den daraus folgenden Verstrickungen beschäftigt.

Das Dramadreieck ist ein psychologisch-soziales Modell von Stephen Karpman. Beheimatet in der Transaktionsanalyse beschreibt es ein systemisches Beziehungsmuster zwischen mindestens zwei Personen, die darin drei Rollen einnehmen können: Täter, Opfer und Retter.

In vielen Konflikten kann man diese verschiedenen Rollen finden. In verschiedenen Beziehungen oder Situationen befindet man sich meist in verschiedenen, wechselnden Rollen. Dennoch fühlen sich manche Menschen in ihrem Leben auf eine dieser Rollen festgeschrieben und / oder suchen bzw. finden diese Rolle. Andere Menschen erleben, dass sich binnen Sekunden die Rollen in einem Konflikt ändern können und aus einem Opfer ein Täter wird oder aus einem Täter ein Opfer oder aus einem Retter ein Opfer oder auch ein Täter.

Auch in der Schule gibt es Beziehungskonstellationen, die der Ordnung des Dramadreiecks folgen. Schülerinnen und Schüler können nach Anregung des Autors Pfannmöller im Rollenspiel das Dramadreieck erleben. Gerne möchte ich hier eines der Rollenspiele vorstellen:

Der Partyflirt
Beziehungskonstellation nach dem Drama-Dreieck

Die Rollen: A Freund / B Freundin / C Partyflirt / D Zeuge/Petze

Die Geschichte: A und B sind ein Liebespaar. Auf einer Party verschwinden plötzlich B und C von der Tanzfläche sonst wohin. Nach geraumer Zeit betreten beide wieder das Geschehen und treffen auf A. Beide sehen ziemlich strubbelig und zerzaust aus. Der ansonsten immer akkurat aufgetragene Lippenstift ist verschmiert. A äußert den begründeten Verdacht, dass B ein „falsches Spiel“ spielt. Es mischt sich D ein, der sagt, alles gesehen zu haben. (ebenda, S. 57)

Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Rollenspiel in Schulklassen oder in Konfliktlotsenausbildungen gut ankommt und für viel Diskussion und Wirbel sorgt. Wenn Schülerinnen und Schüler das Dramadreieck theoretisch verstanden haben und sogar Erfahrungen damit im Rollenspiel gemacht haben, erkennen Sie leichter solche Muster im real life. Sie können dann sogar derartige Situationen überdenken und einfacher „lösen“. Was für ein Gewinn, nicht mehr im Dramadreieck gefangen zu sein …

Danke für die Anregung zu derartigen Rollenspielen im Schulbereich !!
sagt Christa Schäfer

Systemisches Wissen für Pädagogik und Mediation

Über die Systemische Pädagogik schrieb ich vor längerer Zeit einen Artikel hier im Blog. Darüber, dass Mediationen systemisch sind, lasse ich immer mal wieder eine Bemerkung einfließen. Heute möchte ich über das Systemische per se schreiben, denn es gibt jetzt ein ganz einmaliges Buch aus dem Carl-Auer Verlag, das von Tom Levold und Michael Wirsching herausgegebene Buch Systemische Therapie und Beratung – das große Lehrbuch.

Und groß ist wirklich dick, denn das Buch umfasst ganze 653 Seiten. Angefangen von den Grundlagen der systemischen Therapie und Beratung über unzähligen Hinweisen zur Systemischen Praxis geht die Reise im Buch zur Arbeit mit speziellen Problemkonstellationen und Kontexten bis zu Gedanken zur Ethik, Lehre und Forschung im Systemischen. Wer einen Systemtheoretiker sucht oder Hinweise zu einer speziellen Schule haben möchte, in diesem Buch findet er entsprechendes. Wer sich für systemische Methoden interessiert und für spezielle Setting, auch der wird fündig im Buch. Entwicklungsprobleme von Säuglingen, Kleinkindern, im Jugendalter, Systemisches Elterncoaching, Süchte, Essstörungen, berufsbezogene Probleme wie Burn-out oder Mobbing, zu all diesen Themen und noch vielen mehr gibt es aussagekräftige Artikel, die von namhaften AutorInnen geschrieben wurden.

Ich habe das Buch gleich nachdem ich es in Händen hielt quer gelesen und bin beim Artikel über systemisch-konstruktivistische Ansätze in der Pädagogik hängen geblieben. Der von Kersten Reich geschriebene Artikel erläutert die systemisch-konstruktivistische Sichtweise in der Erziehung und im Unterricht. Er sieht drei Handlungsperspektiven als Fazit konstruktivistischer Forschung und Praxis. Hier zu jeder benannten Handlungsperspektive ein Zitat:

Multiperspektivität: Lernende aller Altersgruppen sind unterschiedlich. Diese Unterschiedlichkeit bezieht sich nicht nur auf die Erziehungsprozesse und das Lernen selbst, sondern auch auf die kulturellen Voraussetzungen. Menschen sind hinsichtlich der Situiertheit ihres Aufwachsens bzw. Aufgewachsenseins und entsprechend der familiären Lebensweise, ihrem Migrationshintergrund, den persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, ihren Krisen, Benachteiligungen oder Bevorzugungen, Behinderungen, Einschränkungen oder Fähigkeiten immer unterschiedlich. (…) Lernende sollen gegenseitig die Unterschiedlichkeit von Perspektiven nicht nur einnehmen können, sondern auch verstehen, worin der Gewinn des Unterschiedlichen und mehrere Perspektiven für sie und die anderen besteht (…)

Multimodalität: Je unterschiedlicher und individueller Lernende sind, desto unterschiedlicher müssen die Wege sein, auf denen relevante Inhalte vermittelt werden. Hierbei ist nicht nur an Abwechslung gedacht, die auch sinnvoll ist, sondern an ein methodisches Gesamtbild, das nicht in der ewigen Wiederkehr erzieherischer Ermahnungen oder von Frontalphasen mit kleineren Übungen aus dem Schulbuch aufgeht. Konstruktivisten und Systemikerinnen erkennt man daran, dass sie nicht nur vier bis fünf Lieblingsmethoden praktizieren, sondern den Methodenpool in seiner gesamten Breite auszuschöpfen versuchen und stets bereit sind, neue, eigene Methoden zu entwickeln.

Multiproduktivität: Handlungen erzeugen Ergebnisse. Ergebnisse, Produkte in allen formen, sind wesentlich dafür, Erziehungs- und Lernprozesse zu vervollständigen, Probleme zu lösen und die Lösungen zu zeigen. Es geht nicht darum, Problemlösungen von anderen auswendig zu lernen, sondern Probleme lösen zu lernen. Je stärker ein Erziehungs- oder Lernprozess nicht nur durchgeführt, sondern auch dokumentiert, präsentiert und reflektiert wird, desto nachhaltiger kann das Gelernte über einen längeren Zeitraum hinweg behalten werden. Die zu Erziehenden müssen lernen, ihre Ressourcen eigenständig und verantwortlich einzuschätzen und für sich so zu konstruieren, dass sie die für sie passende Lösungen finden.

Zitat aus Kersten Reich: Systemisch-konstruktivistische Ansätze in der Pädagogik. In: Levold, Tom; Wirsching, Michael: Systemische Therapie und Beratung – das große Lehrbuch. Heidelberg: Carl-Auer 2014. S. 38 f.

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen …
Wer also ein Kompendium systemischen Wissens in und für Theorie und Praxis sucht, für den ist dieses Buch genau das Richtige !!

Christa D. Schäfer

Blogartikel zur Systemischen Pädagogik
Blogartikel zum Systemischen Blick auf Konflikte

Annäherung von Systemik und Mediation

„Das Systemische ist dadurch gekennzeichnet, dass es den Bezug zum Ganzen sucht. Das, was wir wahrnehmen, kann immer nur ein Ausschnitt aus dem Ganzen sein, dessen Richtung durch unsere Motive bestimmt wird. So werden wir z.B. eher Nahrungsmittel wahrnehmen, wenn wir hungrig sind, als wenn wir uns satt fühlen. Systemisches Handeln versucht, diesen Ausschnitt bzw. die Unterscheidung, die wir gefällt haben, wieder mit dem Ganzen zu verbinden; also Losgelöstes, Ausgeschlossenes wieder einzubinden. Systemische Betrachtung bedeutet also eher, die Verbindungen, Verflechtungen, Beziehungen der einzelnen wahrgenommenen Ausschnitte zu suchen, als, wie etwa in der Psychoanalyse, an wenigen Stellen in die Tiefe zu graben. In diesem Sinne spricht daher Steve de Shazer provozierend von Oberflächenpsychologie im Gegensatz zur Tiefenpsychologie.

Das Ganze voll zu erfassen ist unmöglich, da wir Teil des Ganzen sind. Daher kann ein Vorgehen oder eine Therapieform nicht vollständig systemisch sein, sondern wir können eigentlich nur davon sprechen, dass ein Vorgehen oder eine Therapieform systemischer als eine andere ist …“

(Quelle: Sparrer, Insa; Varga von Kibéd, Matthias: Klare Sicht im Blindflug. Heidelberg: Carl-Auer 2010. S. 20)

Dies ist ein Ausschnitt aus dem Buch „Klare Sicht im Blindflug“, einer Schriftensammlung über Systemische Strukturaufstellungen aus dem Carl-Auer Verlag. Die Autoren Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd haben in diesem Buch verschiedene Artikel zusammen gestellt; vom allgemein Wissenswerten zum Thema bis zu Spezialtthemen wie der Strukturaufstellungen im therapeutischen bzw. psychosomatischen Bereich und im Organisationsbereich. Der Leser findet in dem Buch eine große Vielzahl von gehaltvollen, theoretisch fundierten und praktisch anregenden Niederschriften. Attraktiv zum Blättern und Lesen ist das Buch übrigens auch für systemisch denkende und arbeitende MediatorInnen …

Es gibt viele Ausbildungsinstitute, die damit werben, systemische MediatorInnen auszubilden. Ich selber habe eine systemische Ausbildung absolviert und eine Mediationsausbildung und verbinde aufgrund meiner getrennt absolvierten beiden Ausbildungsgänge diese beiden Professionen in meinem Tun.

Immer mal wieder gibt es in diesem blog einen Artikel, der sich mit dem Thema der „Mediation als systemisches Verfahren“ beschäftigt. In einem meiner Blogartikel habe ich die Meinung vertreten, dass Mediation per se systemisch ist bzw. sein sollte. Zudem gibt in diesem Blog verschiedene Artikel, die die Themen Systemik und Mediation verbinden:

Systemik und Mediation

Das Systembrett in Mediation, Supervision und Coaching

Mediation auf dem Weg zur Systemischen Sichtweise

Wie ich jetzt entdeckt habe, hat sich die Deutsche Gesellschaft für systemische Mediation (DGSYM) gegründet, von der ich bisher noch nichts wusste. Laut Aussage dieses Berufsverbandes betrachtet die Systemische Mediation die Konfliktsysteme in einem größeren Zusammenhang.

Sie (die systemische Mediation) unterscheidet zwischen Aktualkonflikt und Konfliktmuster.

Der Aktual-Konflikt bezieht sich auf einen bestimmten Konfliktbereich. Der Konflikt war in dieser Form vorher nicht da und wird nach der Lösung in dieser Form nicht wieder auftreten.

Ein Konfliktmuster ist ein in Wellen bzw. Schüben auftretendes Konfliktsystem, das in der Regel emotional dominiert ist und sich aus sich selbst heraus aufrechterhält. Konflikte tauchen in dieser Form immer wieder auf. Konfliktmuster finden ihre ideale Nische in Systemen mit hohem Intimitätsgrad (Familien, Paare, Kollegen, Teams). Die Konfliktkommunikation läuft meistens ähnlich ab, während die Konfliktanlässe beliebig sind.

In Aktualkonflikte kann mit den gängigen Konfliktlösungs-Strategien relativ leicht interveniert werden. Die Intervention in Konfliktmuster erfordert systemisches Know-how, weil sich Lösungen hier nur auf der Meta-Ebene (er-)finden lassen.

(Quelle: Webseite Deutschen Gesellschaft für system. Mediation)

Ich bin gespannt auf weitere Verbindungen zwischen Systemik und Mediation.

Übrigens habe ich in dem neuen Buch „Konfliktlösungstools“ (Hrsg. Peter Knapp) einen Artikel zum Thema „Systemische Fragen in der Mediation“ geschrieben. Mehr zu diesem hervorragenden Buch demnächst hier in diesem blog.

Christa D. Schäfer

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