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Mediation und Konfliktberatung in Berlin

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Selbstsicherheit und Kommunikation

Bisher habe ich in diesem Blog das Thema Selbstbewusstsein noch wenig gestreift. Dabei hängen die Themen Selbstbewusstsein und Kommunikation durchaus zusammen.

Selbstbewusstsein ist es ein essentielles Thema sowohl im menschlichen Sein als auch im alltäglichen Leben. Selbstvertrauen ist ein wichtiger Schlüssel zu einem glücklichen Leben und zur gelingenden Kommunikation. Meist kommunizieren selbstsichere Menschen wertschätzend und zielorientiert zugleich. Sie beziehen ihre eigenen Bedürfnisse und die ihrer Kommunikationspartner in die Unterhaltung mit ein, sind empathisch und kommen sympathisch rüber …
Menschen, die wir als arrogant und hochmütig erleben, besitzen oft eine große Portion Selbstunsicherheit und verstecken ihr „Minderwertigkeitsgefühl hinter einer Fassade an Überheblichkeit. Arrogante Menschen beziehen ihr eigenes Selbstwertgefühl darüber, dass sie andere kleiner machen und werten sich auf, indem sie andere abwerten. Es gibt natürlich auch einen zugehörigen„arroganten Kommunikationsstil“ …

Ich habe mich auf die Suche begeben nach Bücher zum Thema Selbstsicherheit. Es gibt viele davon. Unter diesen zahlreichen Büchern sticht eines für mich hervor, das mir besonders gut gefallen hat, und das ich Ihnen in diesem Blogartikel gerne vorstellen möchte: “Schluss mit meiner Wenigkeit. Selbstvertrauen erlangen und selbstsicher handeln” von Laura Seebauer und Gitta Jacob, erschienen 2015 im Beltz Verlag.

Selbstsicherheit

Selbstsicherheit kann laut Seebauer und Jacob unterteilt werden in das „Selbstvertrauen von innen“ und das „Selbstvertrauen von außen“.

Das Selbstvertrauen von innen umschließt „(…) einen Zustand innerer Gelassenheit, Souveränität, Kraft und Stärke. Ein selbstsicherer Mensch kennt seine Stärken und Schwächen und hat diese als einen Teil seines Selbst akzeptiert. Entscheidend ist auch ein guter Zugang zu den eigenen Bedürfnissen. (…) Das beinhaltet Vertrauen und Zuversicht darauf, dass man seine Ziele erreichen wird und mit aufkommenden Hindernissen gut umgehen kann. (…) Ein selbstsicherer Mensch misst sich selbst einen Wert zu, der auch unabhängig von Erfolgen und Misserfolgen bestehen bleibt.“ (Seebauer; Jacob: Schluss mit meiner Wenigkeit. S. 9)

Selbstsicherheit von außen bezeichnet dagegen “die Fähigkeit, gegenüber anderen Menschen durchsetzungsstark aufzutreten und für die Erfüllung eigener Bedürfnisse kompetent einzutreten – ohne dabei allerdings übermäßig aggressiv zu werden. Ein selbstsicheres Auftreten erkennt man zum Beispiel an einer klaren und sicheren Sprache. Ein selbstsicherer Mensch ist meistens gelassen und in seiner Haltung relativ unabhängig von der Meinung anderer.” (ebenda, S. 10)

Kennen Sie die vier Ebenen der Selbstsicherheit?
Gedanken, Gefühle, Körperempfinden und Verhalten.
Im Buch heißt es dazu: “Diese vier Bereiche stehen in enger Verbindung miteinander. Wenn Sie auf einer Ebene etwas ändern möchten, z.B. Ihr unsicheres Verhalten, dann sollten Sie auch die Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen mit einbeziehen., die diesem Verhalten vorangehen.” (ebenda, S.15)

Die Selbstsicherheit ist eng verwoben mit der Selbstunsicherheit. Diese äußert sich unter anderem in negativen Gedanken und Überzeugungen, beispielsweise in Typen von negativen automatischen Gedanken:

  • Katastrophisieren (das Schlimmste wird eintreffen): „Alle werden mir sofort ansehen, dass ich alleine auf der Party bin.“
  • Positives ausschließen/abwerten: „Okay, diese Aufgabe habe ich gut gemeistert, aber ich hatte ja auch viel Glück/ viel Hilfe/ das hätte ja jeder gekonnt …“
  • Gefühl als Beweis nehmen: „Ich fühle mich unsicher, also bin ich es auch!“
  • Gedankenlesen: „Der denkt bestimmt, dass ich langweilig bin.“
    (ebenda, S. 45)

Als Intervention gegen Selbstunsicherheit unterstützten positive und hilfreiche Alternativgedanken:

  • Meine Meinung ist wichtig und ich bin es auch!
  • Ich habe viele Dinge erreicht und muss mich nicht verstecken oder rechtfertigen!
  • Ich habe das Recht, mein Leben entsprechend meinen Bedürfnissen zu gestalten!
  • Die Meinung anderer Menschen entscheidet nicht darüber, wer oder wie ich bin!
    (ebenda, S. 49)

Und was steht im Buch zur selbstsicheren Kommunikation?

  • Nutzen Sie klare und konkrete Formulierungen: Sagen Sie ganz konkret, was Sie möchten. Wenn Sie nur Andeutungen machen und darauf hoffen, dass Ihr Gegenüber zwischen den Zeilen liest, riskieren Sie eine Abfuhr.
  • Halten Sie sich kurz: Begründen Sie Ihr Anliegen nicht länger als nötig. Durch ewiges Weiterreden verlieren Ihre Argumente an Gewicht.
  • Entschuldigen Sie etwas nur, wenn nötig: Entschuldigen Sie sich nicht, wenn Sie berechtigte Forderungen stellen oder sich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Entschuldigungen erwecken sonst den Eindruck, dass Sie ein schlechtes Gewissen haben und lassen Sie unsicherer wirken.
  • Benutzen Sie keine Füllwörter: Am besten streichen Sie Wörter wie irgendwie, eigentlich, vielleicht, möglicherweise und wahrscheinlich ganz aus Ihrem Wortschatz. Sie dienen nur dazu, ihre Botschaft abzuschwächen oder zu entwerten.
    (ebenda, S. 94 f)

Selbstbewusstsein aufzubauen dauert Zeit. So schade wie es ist, ein Buch mit Übungen reicht dafür nicht aus, kann aber der ersten Schritte sein. Selbstvertrauen nach innen und außen ist wie so vieles im Leben ein lebenslanger Prozess, der nicht immer einfach ist. Seien Sie geduldig mit sich, verlangen Sie nicht auf einmal und seinen Sie in erster Linie freundlich und wertschätzend sich selbst gegenüber. “Schluss mit meiner Wenigkeit” kann Ihnen ein verständnisvoller Ratgeber mit vielen nützlichen Tipps und Anregungen sein. Das Buch liest sich schnell und einfach, ist übersichtlich, gut verständlich und entbehrt darüber hinaus nicht an Tiefe.

Wenn Sie Ihre Kommunikation in Bezug auf die Selbstsicherheit betrachten wollen, so beobachten Sie mal, wie Ihre Worte in Situationen sind, in denen Sie sich „sicher“ fühlen und in Situationen, in denen Sie sich „unsicher“ fühlen. Da fällt Ihnen sicherlich auf, …. (aber jetzt sind Sie dran …)

Alles Gute auf Ihrem Weg wünscht Ihnen
Christa Schäfer

Gedanken zur Selbstachtung
Tipps für mehr Selbstbewusstsein

Du hast aber angefangen!

Streit in der Grundschule gibt es reichlich. Lehrkräfte wissen, dass es nach der Pause dann oft heißt: „Der hat angefangen.“ „Nein, der hat angefangen.“ Was dann tun? KonfliktlotsInnen, StreitschlichterInnen und MediatorInnen wissen, dass es bei der Konfliktlösung nicht darum geht, wer Recht hat. Es geht nicht um die eine wirkliche Wirklichkeit, sondern es geht um die individuellen Sichtweisen der Streitenden. Jede_r hat seine Sichtweise, und die ist in Ordnung. Es geht darum diese Sichtweise zu erfassen, zu erfahren, mit dem Perspektivwechsel um Verständnis für die Sichtweise zu werben und anschließend nach einer gemeinsam getragenen Lösung zu suchen. Ein nicht ganz einfacher Prozess. Und dennoch gelingt er wunderbar auch schon im Grundschulalter.

In vielen Berliner Grundschulen werden KonfliktlotsInnen und StreitschichterInnen ausgebildet. Die Bildkarten, die ich hier vorstellen möchte, können die Ausbildung von SchülermediatorInnen erleichtern, können jedoch auch in Klassen und Kindergruppen wunderbar eingesetzt werden. Es sind auf den Bildkarten zwei Freundinnen zu sehen, die sich beim Mensch-Ärgere-Dichnicht-Spiel streiten. Die zwölf DIN-A3 große Fotokarten bieten innovative didaktische Möglichkeiten des Einsatzes. Konzipiert von Robert Rossa und fotografiert von Julia Rossa wurden die Bildkarten “Du hast aber angefangen“ 2015 im Bon Bosco Verlag herausgegeben.

Ein kleines booklet beschreibt verschiedene Einsatzmöglichkeiten der 12 Bildkarten, hier ein kleiner Abschnitt aus dem Text:

“Mira und Anna sind Freundinnen, aber beim Mensch-Ärgere-Dichnicht-Spiel kommt es zu einem handgreiflichen Streit zwischen den beiden. Jedes der Mädchen fühlt sich im Recht und ist sauer auf die Spielpartnerin. Wie können die beiden ihren Streit beilegen? Mit dieser Bildfolge zum Thema Streit und Ärgern erkennen die Schülerinnen und Schüler alltägliche Problemsituationen, hinterfragen ihr eigenes Verhalten und können Lösungsmöglichkeiten für Konflikte entwickeln, die sich auch in realen Situationen bewähren.”

Drei Bilder aus dem Bildkartenset möchte ich gerne näher vorstellen:

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“Nach nur wenigen Runden zeigt sich, dass Anna heute besonders großes Glück hat und andauernd Sechsen würfelt. Und als ob das alleine nicht schon reichen würde, schmeißt sie auch noch grinsend vor Freude die erste Figur von Mira sofort wieder raus. “Du hast nicht richtig gewürfelt, das gilt nicht!”, ruft Mira und ist sauer. Leon mischt sich ein und bestätigt, dass der Wurf gültig ist. Anna wiederholt ständig: “Du kannst ja nicht verlieren, du kannst ja nicht verlieren”. Da merkt Mira, wie ihr heiß wird und die Knie leicht zittern.”

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“Als Leon dann auch noch anfängt, Anna anzufeuern, beginnen die Mädchen, sich zu schlagen. Anna ruft wieder: “Du kannst ja nicht verlieren.” “Und du musst immer Streit anfangen”, faucht Mira zurück. “Gar nicht. Du hast angefangen”, schimpft Anna.”

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“Anna hält sich die Wange, weil sie ihr weh tut und Leon steht in der Ecke und weiß nicht so richtig, was er falsch gemacht hat.”

Viele Frage können am Ende dieses Vorfalls gestellt werden: Welche Lösungen gibt es, damit die Kinder ihr Spiel fortsetzen können? Was hätte Leon besser machen können? Möglich in der Arbeit mit den Karten sind Spielformate und Geschichten mit und ohne Lösung. Wie die AutorInnen erklären, sind die Bildkarten mehrdeutig und können in verschiedener Weise gedeutet werden; daher gebe es kein Richtig oder Falsch, sondern es geht vornehmlich um die Assoziationen.

Alles in allem: Eine schöne Idee, um mit Kindern über Konflikte ins Gespräch zu kommen, wie Konflikte entstehen, wie die Beistehenden einen Konflikt eskalieren oder deeskalieren können. Die Größe der Karten besitzt den Vorteil, auch für Gruppen einsetzbar zu sein und bietet sich für Schulklassen, Kleingruppen und den Einzelkontakt an. Auch kommen die Fotokarten vollständig ohne Text aus. Sehr zu empfehlen in der pädagogischen Arbeit und mit Kindern privat!

Übrigens gab es letztes Jahr in Berlin und Brandenburg wieder Schülermediationstage. Das 3. Brandenburger Schülermediationstreffen fand im Oktober 2015 im stillen Wäldchen bei Hohen Neuendorf statt. Im Jugendzentrum am Wasserwerk trafen sich ca. 60 bis 70 SchülermediatorInnen aus zehn Brandenburger Schulen. Sie hatten die Wahl zwischen acht Workshops, konnten zu „Gemeinsam sind wir stärker“ oder auch zu „Ich nähe mir was zum Schreiben“ arbeiten. Ebenfalls konnten die SchülermediatorInnen für Ihre Schulen Auszeichnungen entgegen nehmen. Konflikte nicht schlichten, sondern klären – so lautete der Titel des Brandenburger Schülermediationstages im letzten Jahr. Gibt es dieses Jahr wieder einen Schülermediationstag? Wo? Wann? Ich jedenfalls drücke den Schülermediationstagen die Daumen für große Bekanntheit und weiterhin gutes Gelingen. Und mein persönlicher Dank an Steffen Kanis für die Organisation und das Engagement für die Schülermediationstage. Ich hoffe, es geht weiter …

Lesen Sie mehr über Eskalationsstufen in der Schule …
oder über die neun Eskalationsstufen allgemein …

Auf weitere Schülermediationstage !!
Christa Schäfer

Zeitmanagement in der Kita

Vor einem halben Jahr – passend zum Kita-Streik im Sommer – erschien eine Studie über die Belastungen von Kita-ErzieherInnen. Dieser zufolge ist erzieherisches Personal in der Kita im Durchschnitt deutlich mehr in Mitleidenschaft gezogen durch beruflichen Stress als andere Berufsgruppen. Die Stressursachen liegen nach Angabe der StudienteilnehmerInnen bei zu wenigen ErzieherInnen für zu große Gruppen, also einem schlechten Betreuungsschlüssel. Dies hat gravierende gesundheitliche Folgen: eine höhere Anfälligkeit für Infekte, nicht schlafen und abschalten zu können, einen Verlust an Lebensfreude. Beinahe jede fünfte StudienteilnehmerIn zeigte Anzeichen eines erhöhtes Burnout-Risikos. Wenn Sie auf die rote Schrift klicken, können Sie den Artikel lesen zum erhöhten Burnout bei ErzieherInnen …

Wie sicher viele andere frage auch ich mich – wo kann angesetzt werden? Eine von vielen möglichen Anregungen bietet das Buch “Zeitmanagement in der Kita” vom Redaktionsteam des Don Bosco Verlags, erschienen 2014. Mit vielen praktischen Tipps bietet es für ErzieherInnen die Möglichkeit, eigene Arbeitsweisen zu überdenken und durch Veränderungen Zeit freizuschaufeln. Das Buch ist sehr interaktiv – statt Patentrezepte zu liefern, fordert es die Leserin oder den Leser auf, sich Gedanken zu machen, wie es bei ihr/ihm aussieht.

Das Eisenhower-Prinzip

Besonders faszinierte mich das sogenannte “Eisenhower-Prinzip”. Diese Methode ist benannt nach dem US-amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower (1890-1969), welcher sie in seiner Arbeit verwendete. Das Prinzip hilft dabei, anstehende Aufgaben grob zu kategorisieren und in wichtige und dringliche Aufgaben einzuteilen. Bei jeder Aufgabe wird entschieden, ob sie wichtig / nicht wichtig ist und dringend / nicht dringend erledigt werden muss. Aus der Kombination von „wichtig“ und „dringend“ ergibt sich eine Wertung der Aufgaben. Jede Aufgabe wird einer Kategorie A, B, C oder D zugeordnet. Damit können Aufgaben ihren Prioritäten entsprechend abgearbeitet werden. Die Einordnung in „wichtig“ und „dringend“ wird individuell und situationsabhängig sehr unterschiedlich ausfallen.

Beispiele für A-, B-, C- und D-Aufgaben in Kitas

A-Aufgaben (oberste Prioritätsstufe): Aufgaben, die wichtig sind und sofort anstehen, also nicht verschoben und auch nicht delegiert werden können, wie z.B. fristgerechte Abgabe der aktuellen Kostenaufstellung an den Träger, Vorbereitungen für Teamsitzungen, Tage der offenen Tür, Elternabende, Planung von Ausflügen, direkt an die Kitaleitung gerichtete Elternbeschwerden, Personalauswahl, Vorstellungsgespräche …

B-Aufgaben (mittlere Prioriätsstufe): Wichtige Aufgaben, die zwar nicht erledigt werden müssen, die aber auch nicht auf die (allzu) lange Bank geschoben werden sollten, wie z.B.: Vorbereitung eines in der kommenden Woche anstehenden Besuchs des Bürgermeisters, Pressetermin, Fortbildung, Konzeptentwicklung, Weiterentwicklung der Einrichtung zu einem Familienzentrum, Entwicklung eines Sprachförderkonzeptes, Kooperation mit anderen Bildungseinrichtungen (z.B. Schulen), Dienstplangespräche, Urlaubsplan-Erstellung …

C-Aufgaben (untere Prioritätsstufe): Dringend anstehende Aufgaben, die evtl. auch an KollegInnen oder MitarbeiterInnen delegiert werden können, wie z.B.: Schalten einer Anzeige für die Einstellung einer neuen Erzieherin, Organisation von Schnuppertagen, Telefonate, Büroarbeiten, Spielmaterialbestellung, Auszählung einer Befragung, Führen der Anwesenheitsliste, Essens- oder Materialgeldlisten …

D-Aufgaben (Aufgaben, die vernachlässigt werden können): Weder wichtige noch dringende Aufgaben, die am ehesten vernachlässigt werden können sin z.B.: Werbe-E-Mails, Werbebriefe, private E-Mails mit lustigen Videos etc.

Auch wenn Sie nicht in der Kita sind, können Sie natürlich mit dem Eisenhower-Prinzip arbeiten, schauen Sie sich Ihre Aufgaben an und los geht’s!!

Erfolgreiches Zeitmanagement hat allerdings seine Grenzen. Wie Erzieherinnen immer wieder berichten, macht es natürlich einen riesigen Unterschied, ob sie zu dritt oder zu viert für rund 20 Kinder zuständig sind. So kann es vor allem bei sehr kleinen Kindern, die sich noch nicht selbst ankleiden können, eine halbe oder Dreiviertelstunde dauern, bis alle für Minustemperaturen fertig angezogen sind und die Gruppe aufzubrechen vermag. Manches kann also nicht durch Zeitmanagement erreicht werden – da benötigt es schlicht und ergreifend mehr Personal. Dennoch ist das Buch empfehlenswert, und zwar sowohl für ErzieherInnen wie auch für andere Berufsgruppen der sozialen Arbeit. Es ist leicht und schnell zu lesen, man kann dem Inhalt gut folgen und es ist sicherlich auch für die Teamarbeit geeignet. Prima ist auch, dass das Buch mit kostenlosen Downloads kommt – beispielsweise der eigenen persönlichen Zeiträuber-Uhr, Tabellen “Mein Kita-Tag” und “Meine Kita-Woche”, Checklisten, Vordrucken und Arbeitslisten.

Ich wünsche Ihnen viel “Erfolg” bei Zeitmanagement und der Entspannung!
In diesem Sinne wünscht Ihnen alles Gute
Christa Schäfer

Jede Kita ist besser als keine Kita …
Unterstützung bei Stress in der Schule …
Allgemeine Tipps zum Ausspannen …

Wenn Lukas haut

Was tun bei Kindern, die zuschlagen? Was tun bei aggressiven Kindern? Schon lange beschäftige ich mich intensiv mit Fragestellungen dieser Art. Und ich bin natürlich bei weitem nicht die einzige Person, die diese Fragen stellt. Privatpersonen, Erziehungsratgeber, die großen Medien etc. haben viele Meinungen dazu, durchaus auch oft sehr widersprüchliche. Viele Eltern, ErzieherInnen und SozialpädagogInnen werden jeden Tag vor diese Frage gestellt und überlegen sich Handlungsstrategien, probieren aus, scheitern, versuchen andere.

Ein wirklich hervorragendes Buch ist 2011 zu genau dieser Problematik im Carl-Auer Verlag erschienen: “Wenn Lukas haut. Systemisches Coaching mit Eltern aggressiver Kinder” von Anton Hergenhan. Zunächst erläutert der Autor, was “systemisch” bedeutet (u.a. nicht Schuldfragen stellen, sondern darauf achten, was geschieht und des Kindes Ziel mit seinem Verhalten ist). Er widerspricht der gängigen Ansicht, dass das Elternhaus allein für das aggressive Verhalten der Kinder verantwortlich sei. An konkreten Beispielen legt er dar, wie Arbeit mit aggressiven Kindern und ihren Familien aussehen kann.

Ein Schlüssel für die Arbeit mit aggressiven Kindern und Jugendlichen sowie den Umgang miteinander sind Beziehungen.

Im gleichnamigen Kapitel, welches gewissermaßen das Herz des Buches darstellt, nimmt Hergenhan die Biographie von aggressiven Menschen unter die Lupe und schaut, welche Konsequenzen sich daraus u.U. für ihr gegenwärtiges Handeln ergeben können:

“Menschen, die sich aggressiv verhalten, fühlen sich in ihren Beziehungen wahrscheinlich hilflos und unglücklich. Nicht selten hat diese Hilflosigkeit in der Vergangenheit ihre Wurzeln. Aggressionen sind sehr oft Hilflosigkeitsakte und resultieren aus Lernerfahrungen, nach welchen der Aggressor von heute das Opfer von gestern verkörpert. Es ist wahr: Viele Schläger sind Geschlagene, ohne Zweifel. Eltern, die ihre Kinder ohrfeigen, erzählen mir durchweg, dass sie selbst von ihren Eltern Ohrfeigen erhielten. Und nicht selten höre ich den stereotyp wiederkehrenden Satz: ‘Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet!’
Oft habe ich den Eindruck, dass diese Satz die Aggressionen von früher bagatellisiert, um die von heute zu rechtfertigen: Wenn mir selbst keine Ohrfeige geschadet hat, dann darf ich meinen Kindern auch hin und wieder eine klatschen, so mutet mich diese moralische Entlastungslogik an. Wie dem auch sei: An Menschen, die sich aggressiv verhalten, ist sehr oft selbst aggressives Unrecht begangen worden.
Meine Praxiserfahrung informiert mich noch über ein anderes Phänomen: Nicht nur die Aggressionsopfer von gestern verhalten sich heute aggressiv. Auch Nichtgeschlagene können zu Schlägern werden.” (Hergenhan: Wenn Lukas haut. S.86)

Hergenhan reflektiert auch das Dilemma mit dem pädagogischen Umgehen der von Kindern ausgehenden Gewalt:

“Als ich meine Arbeit vor fast 20 Jahren aufnahm, war ich unsicher. Sollte ich Attacken von Kindern hinnehmen angesichts der Tatsache, dass es ihnen seelisch nicht gut ging? Ich kannte ja die Akte eines jeden Jungen sehr genau und wusste, was Kinder-und Jugendpsychiater in ihren Biographien als ‘pathogen’ (Leid verursachend) diagnostiziert hatten. ‘Verständnisvolle’ Toleranz also angesichts kindlicher Gewalt?”   (ebenda, S.90)

In diesem Zusammenhang schildert der Autor eine Situation in der Vergangenheit mit Kurt (9 Jahre), der ihm mit der Faust in die Nieren schlug. Hergenhan hatte damals die Überzeugung, dass “auszurasten” keine Option sei für einen Psychologen und bemühte sich um “Souveränität”. Heute ist seine Reaktion auf kindliche Aggression anders:

“Ich habe in den Jahren meiner Arbeitspraxis mit der scheinbar fachmännisch abgeklärten Bereitschaft, ‘über’ den Gewaltakten der Kinder zu stehen, ganz schlechte Erfahrungen gemacht. […] Von fachlicher Bedeutung ist die Tatsache, dass ich mich mit meiner unechten Souveränität an meinem Arbeitsauftrag vorbeimogelte. Und der hieß wie die Überschrift unseres Kapitels ‘Beziehungen lernen’. Das Delikate: Der Lernende war zuerst und vor allem ich selbst! Ich musste lernen, wie Beziehung mit Kindern gelingen konnte, die sich aggressiv verhielten.”   (ebenda, S.90 f)

Praktisch sieht das folgendermaßen aus:

“Ich habe Schmerzen, ich bin wütend. Laut schreie ich:
A.H.: Du hast mir wehgetan! Dazu hast du kein Recht. Ab zu den Hausaufgaben!
Laut bin ich geworden. Das idealisiere ich an dieser Stelle nicht. Meine Wut und der Schmerz in der Nierengegend bestimmen den massiven Stil meiner Reaktion. So wenig ich daraus eine Empfehlung konstruiere (‘Werden Sie laut!’), so wenig kritisiere ich mich dafür. Ich bin wütend und haben Schmerzen, mir kommt die Galle hoch. Das darf Kurt gern miterleben. […] Schmerz und Wut sind wichtige Reaktionsfaktoren – kein Nachteil, sondern authentische Botschaftler akuter Wirklichkeit, die auch der Junge detailliert zur Kenntnis nimmt.”   (ebenda, S.91 f)

Es geht also darum, Grenzen zu setzen, da diese ein elementarer Teil von Beziehungen darstellen:

“Beziehungen lernen wir mit den Kindern gemeinsam, wenn wir sie, die Beziehung, für etwas Wertvolles halten. Genau das vermitteln wir den Kindern, indem wir zeigen, wann und wie eine gute Beziehung in Gefahr gerät.”   (ebenda, S.92)

und:
“Kurt will, so unterstelle ich jedem Kind, eine Beziehung, die wertvoll ist, und in der darum nicht jeder machen kann, was er will. Eine wertvolle Beziehung dultet keine Niveaulosigkeit, wenn sich die aufeinander beziehenden Personen einander wertschätzen! Und das wird Kurt unmissverständlich mitgeteilt.”   (ebenda, S.94 f)

Auch wenn ich noch mehr zu diesem und den anderen Kapiteln schreiben könnte – ich belasse es nun erst einmal dabei und hoffe, ich habe Sie neugierig machen können, so dass Sie Sich selbst von der Praxisnähe, den Erkenntnissen und der lösungsorientierten Sprache überzeugen! Wer mit aggressiven Kindern systemisch arbeitet, für den wird dieses Buch eine wahre Fundgrube sein. Ein ideales Buch, um sich noch weiteres Wissen zu Aggressivität bei Kindern und vorallem Jugendlichen anzueignen und Verhaltensweisen besser zu verstehen und ihnen vor allem besser begegnen zu können.

Zusammenfassend: Was macht dieses Buch so besonders? In den Worten des Autors:

“Wenn jemand liest, man muss mit Eltern, die sich gegen die Beratung wehren, wertschätzend umgehen, man muss den Widerstand mit hineinnehmen in die kooperative Atmosphäre, in die kooperative Klimatik, dann ist das recht und schön. Aber was das nun heißt … Was sagt man denn da, das ist die entscheidende Frage. Was sagen Sie zu einem Vater, der sagt ‘Lassen Sie mir doch meine Ruh mit Ihren Psychosprüchen, ich hab Sie satt’ – Was sagt man denn darauf? Und vor allem: Wie nimmt man diesen Widerstand auf, um ihn fruchtbar zu nutzen? Das präzise konkretisierende in diesem Dialog habe ich noch nie gelesen.“

Hier können Sie ein kurzes Video zu „Wenn Lukas haut“ sehen, in dem Hergenhan sein Buch vorstellt, und aus dem die eben genannten Worte kommen.

Mehr zum Umgang mit Aggressionen im Schulbereich …
und zum Zusammenhang von sozialer Akzeptanz, Angst und Aggression …

Alles Gute und einen gelingenden, zugleich wertschätzenden als auch grenzsetzenden Umgang mit Aggressionen wünscht Ihnen Christa Schäfer

Über große und kleine Monster

Monster können sehr wirklich für Kinder sein. Wie oft werden sie abends beim Schlafengehen unter dem Bett vermutet. Oder hinter dem Duschvorhang, im Schrank oder im Keller … Manchmal sind die Monster für Kinder aber andere als diejenigen, von denen Erwachsene es glauben: nicht aus den Träumen und nicht einfach die Manifestation einer entwicklungsbedingten Phase, die im Alter von 2 bis 3 Jahren häufig auftritt, weil Kinder Angst haben und noch nicht zwischen Phantasie und Realität unterscheiden können. Manchmal sind die Monster so viel näher, als wir denken.

Das zeigt eine finnische Kampagne aus dem Jahr 2012. In dem von zahlreichen Preisen ausgezeichneten Video sieht man mehrere Monster aus der Perspektive der Kinder. Da taucht der Tod auf, ein Zombie und ein riesiger Hasenkopf, der Anzug trägt. Es gibt auch einen unheimlichen Clown, einen beängstigenden Weihnachtsmann und eine Person, die eine weiße furchteinflößende Maske trägt. Die Kinder starren vor sich hin, wenden den Blick ab, zucken zusammen, schauen irritiert …
… auf ihre Eltern.

Am Ende erscheint der Schriftzug: “How do our children see us when we’ve been drinking?” (Wie sehen unsere Kinder uns, wenn wir betrunken sind?) Die Kampagne ist von Fragile Childhood, einer finnischen Organisation, welche den Alkoholmissbrauch von Eltern thematisiert und betroffene Kinder und ihre Familien unterstützt. Studien zufolge wird jedes vierte Kind in Finnland durch den Alkoholkonsum seiner Eltern körperlich und/oder psychisch geschädigt. In Deutschland ist es jedes sechste Kind, das sind 2,65 Millionen Kinder. Und in dieser Zahl sind nur die amtlich erfassten Abhängigen enthalten. Sie sind also keine Ausnahme oder Randgruppe.

Um keine Missverständnisse zu erwecken – es geht nicht darum, hin und wieder mal eine Flasche Bier oder ein Glas Wein oder Sekt zu trinken. Es sind Eltern gemeint, die ein Alkoholproblem haben – vor allem aber stehen die Perspektive der (mittlerweile teilweise erwachsenen) Kinder im Vordergrund:

  • “I can remember learning in school not to drink and drive and then have to get in the car with my drunk dad after every family function.” (Alias Ano) “Ich kann mich daran erinnern, in der Schule zu lernen, nicht betrunken Auto zu fahren und dann nach jeder Familienfeier mit meinem betrunkenen Vater ins Auto steigen zu müssen.”
  • “Only at adult age I came to realise why Santa smelled funny.” (Alias A) “Erst als Erwachsene kam ich zur Erkenntnis, weshalb der Weihnachtsmann so seltsam roch.”
  • “For me it took a long time to find out why I liked my mother more in the mornings instead of evenings” (Alias Moominmamma 51 yrs) “Ich brauchte lange um herauszufinden, weshalb ich meine Mutter morgens lieber mochte als Abends.”
  • “If your kid looks at you funny the next day and you forgot what you said to him, kick the booze und love the kid.” (Alias Amanda) “Wenn dich dein Kind am nächsten Tag seltsam anschaut und du vergessen hast, was du zu ihm sagtest, tritt den Schnaps zur Seite und liebe das Kind.”

Das Video und die erwähnten Bilder und Zitate finden Sie hier …
Mehr zu Fragile Childhood …
und mehr zu Kindern in alkoholbelasteten Elternhäusern in Deutschland …

Nicht selten brechen Kinder aus Alkoholikerfamilien den Kontakt mit ihren Eltern oder einem Elternteil als Erwachsene ab – hier mehr über verlassende Kinder …

Doch diese sehr ernste Thematik ist nicht alles, was ich heute mit Ihnen teilen möchte. Es gibt noch deutlich mehr zu Monstern und Perspektiven zu sagen. Gerne möchte ich deshalb das das Kinderbuch “Ich komm dich holen!” vorstellen. Es wurde von Tony Ross geschrieben, heißt im Original “I’m Coming to Get You!” und erschien 2015 im Carl Auer Verlag.

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Das Buch wurde bereits 1984 mit dem Deutschen Jugendbuchliteraturpreis ausgezeichnet, war allerdings etwa 25 Jahre lang nicht mehr im Handel erhältlich. Es ist für Kinder ab 3 Jahren geschrieben und eine wahre Perle unter den zahlreichen Kinderbüchern! Zwei Handlungsstränge laufen parallel aufeinander zu: die von einem furchterregenden Ungeheuer, das Angst und Schrecken auf anderen Planeten verbreitet, und die von Tommy auf der Erde, der große Angst vor Ungeheuern hat.

Während das Monster ein Bananenvolk verspeist und den Planeten frisst (bis auf den Kern und die Pole), bekommt Tommy eine Geschichte über ein Monster vorgelesen und fürchtet sich. Das Ungeheuer im fernen All erblickt Tommy auf seinem Radarschirm und macht sich auf den Weg zur Erde, um Tommy zu holen. “Ich komm dich holen!”, brüllte es. Tommy sucht währenddessen das gesamte Haus und alle Verstecke nach Ungeheuern ab.

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Am nächsten Morgen, als Tommy nicht mehr an Monster denkt, stürzt sich das Ungeheuer mit Gebrüll auf ihn … und muss feststellen, dass es Tommy nicht einmal bis zu den Schnürsenkeln reicht!

 

 

 

 

 

 

 

Besonders lohnend sind auch die Hinweise für Eltern, Vorlesende und Erziehende am Ende des Buches. In diesen stellt der Autor die Handlung vor einen entwicklungspsychologischen Hintergrund und erklärt, wie Kinder im Spiel sinnlich reflektieren können, was sie erleben, anstatt ausgeliefert zu sein.

“In welcher Geschichte oder welchen Geschichten (es sind ja meist viele, die zur Auswahl stehen und individuell gemischt werden können) und mit welchen Rollen sich jeder von uns sieht, hängt zu einem guten Teil von der Lebensgeschichte ab und davon, wie sie erzählt wird. Auch das gilt für Erwachsene wie Kinder.” (Ross: Ich komm dich holen!)

Dieses Buch bietet einen Gesprächseinstieg, um sich mit Kindern über ihre Ängste zu unterhalten – größere wie kleinere, mehr oder weniger reale. So können Kinder u.U. thematisieren, was sonst nicht sagbar ist. Es kann auch darüber gesprochen werden, was Erwachsene tun, wenn sie Angst haben. Und es bietet einen schönen Perspektivenwechsel an: Wer ist größer, die Angst oder ich? Wie groß lasse ich meine Angst sein? “Ich komm dich holen!” ist wunderschön und witzig illustriert, mit kräftigen Farben und einzigartiger Mimik der Charaktere. Der Humor ist bezaubernd und der Blickwechsel eine Freude und Überraschung!

Um noch einmal auf das Monstervideo vom Beginn zurückzukommen – Kinder, deren Eltern (oder ein Elternteil) ein Alkoholproblem haben, können nicht einfach die Perspektive wechseln, und schon ist alles gut. Aber auch für sie geht es um Ängste und Perspektiven, und Fragile Childhood arbeitet daran (wie auch deutsche Initiativen, z.B. Nacoa), dass Kinder aus suchtbelasteten Familien Widerstandkräfte entwickeln und in die Stärkung ihrer Sichtweisen gehen können.

Ich wünsche Ihnen, Ihrem inneren Kind und all den Kindern, die Monster sehen, dass die Ungeheuer kleiner werden.
Christa Schäfer

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